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Pedro und Carlos im Fokus der Kameras

Das ist der achtjährige Pedro…“, so oder ähnlich lauten häufig die Kommentare zu Bildern, die uns dunkelhäutige, ungewaschene und ärmlich gekleidete Kinder zeigen: „Straßenkinder“. Meistens putzen sie Schuhe, verkaufen Zeitungen oder waschen Autoscheiben, manchmal schnüffeln sie Klebstoff. Lächeln sehen wir die Straßenkinder mittlerweile nur noch selten. Das Stereotyp ist bekannt und bewährt, das Klischee lebt!
Immer wieder finden sich in den Massenmedien Berichte über auf der Straße lebende, arbeitende, manchmal sogar sterbende Kinder und Jugendliche. Als soziales Phänomen Lateinamerikas, aber auch zunehmend der westlichen Staaten, sind sie keineswegs eindeutig definiert. Der Begriff an sich erzeugt jedoch bereits eine „moralisch aufgeladene Assoziation an wehrlose Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Deutsches Jugendinstitut: „Straßenkinder“ – Annäherung an ein soziales Phänomen, 1995).
Presse und Rundfunk bringen den symbolisch verwandten Begriff äußerst wirksam in die öffentliche Diskussion ein. Sie schaffen einen Mythos, gerade, wenn es sich um die Berichterstattung zu europäischen ‘Straßenkindern’ handelt. Aus einer sehr vielschichtigen, differenziert zu betrachtenden Realität wird so ein ansprechend aufbereitetes Medienphänomen, das die Wirklichkeit vereinfacht. Markus Seidels „Straßenkinder in Deutschland: Schicksale, die es nicht geben dürfte“ (Frankfurt/M. 1994), diverse Berichte in der Tagespresse (z.B. TAZ vom 2.6.’93: „Zwischen Bahnhof und Strassenstrich“) und in Print-Magazinen (z.B. Der Spiegel, Nr.15/1993: „Notausgang für kaputte Seelen“) bzw. deren Pendants im privatwirtschaftlich organisierten Fernsehen: Stern TV, Spiegel TV Reportage, aber auch „24 Stunden“ (SAT 1, 28.5.’95): „Haupt-stadtkinder – verloren in Berlin“ sind nur einige Beispiele für eine derartige medienwirksame Berichterstattung.
Natürlich sind „Straßenkinder“ keineswegs ein reines Produkt der Massenmedien. Ein mediales Kunstprodukt ist jedoch ‘das Straßenkind’ an sich, ein vereinheitlichendes und von der Realität abstrahierendes Klischee, gegen das insbesondere engagierte Solidaritätsgruppen Aufklärungsarbeit leisten müssen. Wer damit nicht die Vorstellung vom kriminellen und gewaltbereiten 16jährigen Russen verbindet, denkt an kleine Kinder in brasilianischen Großstädten, gejagt von Todesschwa-dronen, die ihrerseits von böswilligen Geschäftsleuten bezahlt werden, welchen die „Straßenkinder“ ein Dorn im Auge sind. Das Kinderhilfswerk terre des hommes hat dieses Bild im Dezember 1997 als Kinowerbung eindrucksvoll auf die Leinwand gebracht: Eine Gruppe von Kindern flüchtet in Zeitlupe vor schwarz vermummten, bewaffneten Männern. Die Verfolger bleiben durch einen filmtechnischen Trick abrupt stehen, während die „Straßenkinder“ weiterlaufen und entkommen.
Ganz gleich, ob in Zeitungsartikeln oder Fernsehberichten: Die Beiträge werden problematisch, wenn sie in immer gleichen Worthülsen verharren und keine neuen Inhalte transportieren. Wird die Lebenssituation lateinamerikanischer Straßenkinder – wieder einmal – exemplarisch an Hand einer Person dargestellt, ist die Gefahr groß, wieder ins Klischeehafte zu verfallen. Frei nach dem Motto: Was für ein ukrainisches Straßenkind gilt und bedauerlich ist, kann für ein chilenisches ja auch nicht gut sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens, daß nach einer Erhebung von UNICEF zwar mindestens ein Viertel der „Straßenkinder“ Mädchen seien, daß die Bilder in Zeitschriften und Fernsehen aber diesen Anteil nicht entsprechend wiedergeben. Gezeigt wird stattdessen ein überwältigend hoher Anteil von Jungen, zumeist im Alter zwischen vielleicht sechs und zwölf Jahren.
Verantwortungsbewußter Journalismus müßte die Lebenswelt der ‘Straßenkinder’ in ihrer Vielfalt begreiflich machen. Zugleich müßte er strukturelle Ursachen als politisches Problem aufzeigen, um mit Unterstützung der sensibilisierten und mobilisierten Adressaten auf Veränderungen hinzuarbeiten. Allzuhäufig erweckt die Berichterstattung in den herkömmlichen Medien jedoch den Eindruck, als ob der aufklärerische und bewußt-seinsbildende Anspruch quoten- und auflagenorientierter Effekthascherei geopfert werden.
Neue (Er-)Kenntnisse zu vermitteln ist angesichts der Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind, denkbar schwierig. Nur sehr ungern nehmen wir Abstand von längst verankerten Bildern, die schwerer zu revidieren sind, als neue, differenzierte aufzubauen. Dazu kommt erschwerend, daß Straßenkinder in Kiew oder São Paulo räumlich weit weg sind und wir auf die Vermittlung von Informationen durch Dritte angewiesen sind, um uns eine Vorstellung über ferne Realitäten zu bilden. Die Medien übernehmen dabei gewissermaßen eine Stellvertreterfunktion.

„Good news are bad news“
Die medialen Gesetzmäßigkeiten, die spektakulären, darstellungstechnisch hochwertigen Ereignissen den Vorrang geben, können als Auswahlkriterium gar nicht überschätzt werden. Spektakuläre Todesschwadronen „ziehen“, ebenso wie mitleiderregende kleine Jungen, die in Autoreifen schlafen. Massenmedien tendieren gern dazu, negative Ereignisse besonders hervorzuheben oder überzubewerten. Wird hierbei eine tatsächliche Erwartungshaltung der Leser und Zuschauer bedient, die über Erschreckendes einfach mehr wissen wollen als über „gute Neuigkeiten“, oder wird diese Erwartungshaltung erst erzeugt? Offensichtlich überwiegt jedenfalls das Bild katastrophaler Lebensumstände von „Straßenkindern“ in Lateinamerika in den Massenmedien, während gelungene Initiativen oder Selbsthilfeprojekte der Kinder und Jugendlichen bestenfalls noch einen Nischenplatz bekommen.
Natürlich muß auch informationsorientierte, bewußtseinsbildende Berichterstattung erst einmal Aufmerksamkeit und Interesse wecken. Angesichts der Fülle sich oft nur wiederholender Beiträge, gerät die Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft der meisten Zuschauer oder Leser schnell an ihre Grenzen. Hier müßte mehr differenziert, ausgewählt und zusammengefaßt, vor allem jedoch das jeweils Neuwertige an der Berichterstattung hervorgehoben werden. Ist das Interesse aber erst einmal geweckt und wird der Kontext des Dargestellten deutlich, so kann auch auf qualitativer Basis Betroffenheit erzeugt werden. Ein entscheidender Unterschied ist dabei auch, ob der Leser oder Zuschauer persönlich emotional berührt und darüber hinaus für das Thema sensibilisiert ist. Das Komplexitätsproblem hat jedoch auch in diesem Fall Bestand: Globale Zusammenhänge sind nur sehr schwer faßbar und werden an vielen Stellen reduziert, sei es durch die Medienmacher oder durch die Zuschauer selbst.
Die Aufgabe der Medien ist letztlich, Urteilsfähigkeit beim Leser und Zuschauer aufzubauen, unübersichtliche Zusammenhänge zu vereinfachen, ohne dabei zu verfälschen, und beispielhafte Darstellungen zur Erläuterung globaler Entwicklungsprozesse zu nutzen. Diverse gelungene Beispiele – der bekannten Hilfswerke wie Misereor, terre des hommes, Brot für die Welt oder auch UNICEF – zeigen, daß eine adäquate Information über „Straßenkinder“ keinesfalls unmöglich ist.
Die beschriebene Gratwanderung zwischen positivem Informationszuwachs auf der einen und Des- bzw. Fehlinformation oder der Bedienung von Klischees auf der anderen Seite bleibt derzeit eine der größten Herausforderungen in der Medienarbeit zum Thema „Straßenkinder“.

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