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Poesie im politischen Alltag

La Vela Puerca ist in Lateinamerika sehr bekannt; in Europa hingegen kaum. Ist es für Euch die erste Tour in Europa?

Teysera: In Lateinamerika sind wir in Uruguay, Argentinien und Mexiko bekannt. Im Rest Lateinamerikas ist unser Bekanntheitsgrad geringer. In Europa sind wir zum ersten Mal und das haben wir dem Herausgeber unseres Labels zu verdanken, der nun einmal in Berlin sitzt.

Der Name Vela Puerca ist außergewöhnlich – wie seid Ihr darauf gekommen und was bedeutet er?

Teysera: Der Name hat keinen eigentlichen Sinn, das ist auch gut so. Santiago Butler, einer der beiden Gitarristen, trägt diesen Spitznamen. Vela heißt Kerze und in Uruguay sagen wir zu einer dicken Kerze aber auch Puerca. Puerca ist gleichzeitig aber auch Synonym für einen Joint – für einen außergewöhnlich großen Joint.

Wie sind die ersten Eindrücke in Europa – wann hat die Tour begonnen?

Cebreiro: Am 13. März mit sind wir gestartet und die Tour ist sowohl eine Herausforderung als auch eine neue Erfahrung für uns. Es ist das erste Mal in Europa, das erste Mal in Deutschland, das erste Mal in einem Land, dessen Sprache so weit von der unseren entfernt ist. Wir verstehen die Leute hier nicht und sie uns nicht. Deshalb hat unser Bühnenverhalten einen ganz anderen Stellenwert. Wir müssen, um auf der Bühne Dinge veranschaulichen, sehr präsent sein.

Die Texte von Vela Puerca sind sehr politisch. Was ist der politische Background der Band?

Teysera: Es gibt einige Bandmitglieder mit politischer Erfahrung. So ist der Saxophonist in Mexiko geboren, weil seine Eltern vor der Militärdiktatur flohen und ins Exil gingen. Nahezu alle Leute in Uruguay haben ihre politischen Erfahrungen.
Cebreiro: Mein Vater war politischer Gefangener und das betrifft, wenn auch indirekt, auch mein Leben. Es spielt eine Rolle, hat einen Einfluss auf das, was man macht.
Teysera: Die meisten Familien in Uruguay haben ein Familienmitglied, dessen Leben von der Diktatur geprägt ist. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es immer einen Freund, der flüchten musste, eingekerkert war oder verfolgt wurde. Unsere jüngere Geschichte ist geprägt von der Diktatur und sie spielt eine Rolle in unserem Alltag. Die Texte der Band beinhalten eine politische Botschaft. Das sind keine Pamphlete, es ist keine plumpe Agitation. Es sind kleine poetische Annäherungen an unseren politischen Alltag, an unsere Geschichte. Wir sind nicht die Träger der Wahrheit, tragen keine politische Flagge vor uns, aber wir haben eine Meinung, und mit der halten wir nicht hinter dem Berg. Unsere Botschaft ist eine soziopolitische. Wir haben nie für eine politische Partei gespielt und werden das auch nie machen. Wir sind unabhängig und legen Wert darauf. Innerhalb der Band gibt es auch unterschiedliche Meinungen, die einen sind radikaler, die anderen weniger. Aber es gibt einen politischen Konsens innerhalb der Band.

Eure Musik hat sehr unterschiedliche Einflüsse, erinnert ein wenig an Mano Negra. Woraus besteht eurer musikalischer Eintopf – was sind die Zutaten?

Teysera: Mano Negra haben 1992 ihre Tour durch Lateinamerika gemacht und sie war sehr einflussreich. Es gibt eine Zeit vor Mano Negra und eine nach Mano-Negra. Ich glaube, dass diese Band sehr viel Einfluss auf die musikalische, nein die poetische Entwicklung der Musikszene gehabt hat. Wie sich die Bands fortan präsentierten, auf der Bühne, in ihren Texten, ist mit dem was vorher war, kaum zu vergleichen. Da ist ein Wandel von statten gegangen. Bei uns ist der Einfluss von Mano Negra deutlich, aber auch der von Bands aus Brasilien und Argentinien. Bands wie Los Piojos, Tintoreros oder Todos sus Muertos haben uns genauso beeinflusst wie Fernando Abreu aus Brasilien. Wir suchen den Kontakt zum Publikum, zu den Leuten und das haben Mano Negra auch gemacht. Genauso sind wir Anti-Rock-Stars aus Überzeugung – hier ist der Einfluss von Mano Negra bei uns deutlich zu erkennen, denke ich. Musikalisch gesehen schreiben wir Lieder, sind Liedermacher auf gewisse Art. Ska, Reggae, eine Prise Punk aus der Clash-Ära, aber auch Populärmusik aus Uruguay: Candombé, die Musik der Schwarzen Minderheit in Uruguay, spielt eine Rolle, la Murga, ein Genre der spanischen Musik. In Uruguay gibt es keine Indigenen mehr, sonst hätten wir vielleicht auch Elemente ihrer Musik aufgegriffen. Wir Uruguayer stammen allesamt von Europäern ab, von Italienern, Spaniern, Deutschen, Franzosen. Uruguay hat eine ausländische Identität, keine lateinamerikanische. Wir haben wenige Wurzeln auf dem Kontinent.
Cebreiro: Ich habe spanische Eltern und einen spanischen Pass, mit dem ich auch eingereist bin. Die Wurzeln von Sebastián liegen hingegen in Frankreich. Wir sind ein Spiegelbild der Gesellschaft und die ist europäisch geprägt.

Uruguay steckt mitten in einer tiefen Krise. Wie wirkt sich die auf Eure Familien und die Bandmitglieder aus?

Teysera: Ganz Lateinamerika steckt in einer tiefen Krise. Die einen weniger, die anderen mehr. In Uruguay ist es derzeit schlimm. Es gibt keine Arbeit und wer Arbeit hat, kann sich nicht sicher sein, sie auch morgen noch zu haben. Viele Leute verlassen das Land in Richtung Spanien. Viele der jungen Leute haben das Land bereits verlassen, weil es keine Perspektiven gibt. Es gibt auch ältere Leute, die mit sechzig und mehr Jahren auf dem Buckel dem Land den Rücken kehren. Der Vater eines Freundes hat mit 62 Jahren seine Koffer gepackt. Das ist ein Drama, das sich da abspielt. In dem Alter einen Neuanfang zu machen, ist doch kaum möglich. Dieses Beispiel zeigt, wie schlimm es um unser Land bestellt ist.
Gleichwohl gibt es junge Leute, die träumen und für ihre Zukunft kämpfen. Es ist jedoch sehr schwer, in Uruguay Träume zu realisieren. Als Fotograf zu überleben ist zum Beispiel zur Zeit unmöglich. Heute hat selbst ein Anwalt oder ein Arzt keinen sicherer Beruf mehr.
Cebreiro: Die Leute gehen studieren und wissen anschließend nicht mehr weiter – fahren Taxi, nehmen Gelegenheitsjobs an, weil sie keine Alternative haben. Acht Jahre Studium für nichts, um bestenfalls in einer Bank am Schalter zu stehen. Es gibt keine sicheren Perspektiven mehr. Zukunftsplanung ist kaum möglich und soziale Absicherung gibt es nicht mehr. Diejenigen, die in die Rentenkassen eingezahlt haben, verlieren ihr Recht, weil es schlicht kein Geld mehr gibt.
Teysera: Als wir zur Tour aufbrachen und auf dem Flugplatz eintrafen, haben wir viele Abschiedszenen gesehen. Junge Leute, die sich von ihren Angehörigen verabschiedeten, um ihr Glück woanders zu suchen. Es ist frustrierend.

Und könnt Ihr von der Musik leben?

Teysera: Wir sind privilegiert, können von der Musik leben, kommen gut über die Runden. Das Glück haben vielleicht noch zwei oder drei andere Bands, sicherlich nicht mehr. Das ist ein Privileg. Wir haben Glück gehabt, dass unsere Musik gut ankommt. Das letzte Mal als wir in Montevideo gespielt haben, kamen 25.000 Menschen. Unglaublich – ich habe eine Gänsehaut bekommen – ein Wahnsinn.
Cebreiro: Die zwei, drei Stunden waren für die Leute wie etwas, das man ihnen nicht mehr nehmen konnte. Spaß, Tanz, Vergnügen, ein kurzer Urlaub vom beschissenen Alltag. Wenn einer nichts hat, kaum weiß, wie er über die Runden kommt, und dann unser Konzert besucht – das ist auch ein Stück Verantwortung für uns. Wir müssen ihnen etwas geben, etwas Hoffnung vielleicht, oder einfach eine gute Show und etwas Spaß.

Wie kam es zur Gründung der Gruppe, wie war das damals?

Teysera: Es ging mit drei Leuten los: Nicolás Lieutier, Santiago Butler und mir. Wir haben angefangen zu spielen, ohne Bandnamen, so zum Spaß. Das Gros der Band besteht aus alten Freunden, wir kennen uns lange, in- und auswendig. Wir alle hatten vorher nicht gespielt, das fing alles bei Null an. Wir sind eine Gruppe von Autodidakten. Wir haben gespielt, neue Leute kennen gelernt, so zum Beispiel Rafael di Bello, der zweite Gitarrist, oder Alejandro Piccone, der Trompeter. Ich habe damals Schlagzeug gespielt und gesungen. Ich war glücklich, als wir einen Schlagzeuger kennen lernten. Der erste Auftritt der Band war am 24. Dezember 1995. Wir haben auf der Straße gespielt, vor einer Bar für Freunde. Und seitdem spielen wir am 24. Dezember immer irgendwo – umsonst und draußen. Das letzte Mal waren es 4.000 Leute, die kamen.

Das sind einige Leute mehr als Ihr hier erwarten könnt.

Cabreira: Das stimmt, die Tour ist ein Abenteuer für uns. Wir leben gerade in zwei Welten, unserer in Montevideo mit großen Publikum, und der jetzt in Deutschland, wo wir in Clubs vor einigen hundert oder auch nur fünfzig Leuten spielen. Das ist sehr spannend und eine Herausforderung für uns als Band. Für die Band ist das sehr gut, ein gesunder Prozess – wir müssen zeigen, was wir können. Wir müssen uns anstrengen, das Publikum zu erreichen, um in Kontakt mit ihm zu treten.

Wie funktioniert die Kommunikation?

Teysera: Magisch sehr gut, mit viel Lachen.
Cebreiro: Wir müssen improvisieren, über die Körpersprache versuchen, das eine oder andere rüberzubringen, ein paar englische Brocken einbauen.

Das wird ja spätestens in Spanien anders.

Teysera: Ja, das denke ich auch. In Spanien gibt es eine große Immigrantenszene und eine ganze Reihe von Uruguayern, die sicherlich kommen werden. Aber wir stoßen auch hier in Deutschland immer wieder auf Migranten aus Lateinamerika, die zu unseren Konzerten kommen.

Die Kritik in den USA war sehr gut. Wart Ihr schon auf Tour in den USA?

Cabreiro: Nein, aber wir planen eine Tour für Ende des Jahres. Das hängt noch von der persönlichen Situation der Mitglieder ab. Die Freundin eines Bandmitglieds ist schwanger und darauf stimmen wir auch unsere Planungen ab. Davon und von anderen Dingen hängt es ab, wann wir touren können.

Klingt recht familiär – ist Vela Puerca so etwas wie eine Familie?

Cebreiro: Ja, könnte man sagen. Einige sind seit fast acht Jahren zusammen und Freunde von klein auf. Wir wohnen auch fast alle in einem Viertel Montevideos, sehen uns viel, haben in dem Viertel auch unseren Proberaum. Einige wohnen zusammen, andere im gleichen Haus, wieder andere um die Ecke, so gibt es viele Schnittpunkte im Alltag. Und abends treffen wir uns dann noch auf ein Glas.

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