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Poesie und Grauen

„Ich wollte einen poetischen Film über Chile machen und gleichzeitig die Wahrheit sagen“, kommentiert Patricio Guzmán seinen Film Der Perlmuttknopf beim Kinostart in Berlin. Das Filmtheater ist nicht besonders groß, aber bis auf den letzten Platz gefüllt, die Menschen ergriffen. Guzmáns Worte könnten sein Werk nicht treffender beschreiben. Der preisgekrönte Film, der auf der Berlinale 2015 den Silbernen Bären erhielt, erzählt in epischen Bildern zwei Genozide der chilenischen Geschichte.
Man mag den Film zu Anfang für ein bloß spirituelles Werk halten, bei dem es um Wasser, Universum und Unendlichkeit geht. Doch dann werden die Zuschauer*innen durch verschiedene Epochen Chiles geführt. Die Erzählerin: Das Wasser. Denn nicht nur die Erzählstimme aus dem Off ist so langsam und schwer wie träge fließende Wassermassen, und so ruhig wie die plätschernden Flüsse, die in dem Film überwiegend zu sehen sind. Sondern das Wasser ist auch das Element, das sich als roter Faden durch die verschiedenen Geschichten zieht. Für die indigenen Völker des südlichen Chiles war das Meer nicht nur eine Umgebung, sondern regelrecht der Lebensraum, durch den sie sich selbst und ihre Kultur definierten. Guzmán porträtiert die wenigen Überlebenden dieser verschiedenen Kulturen. Sie erzählen von ihren Seereisen, bei denen sie in Kanus paddelnd tausende von Kilometern zurücklegten. Man erschauert, wenn diese alten Menschen, die ihrer Kultur völlig beraubt wurden und deren Angehörige ausgelöscht wurden, Worte in einer Sprache sagen, die bald niemand mehr sprechen wird: Sonne, Meer, Wasser, Wolke, Welle. „Gott? Nein, kein Gott. So etwas haben wir nicht“, sagt eine alte Frau der Selk’nam, als man sie nach dem Wort fragt. Ihr faltiges Gesicht strahlt trotz oder gerade wegen ihres Alters eine große Kraft aus.
Doch es wird noch eine ganz andere Geschichte erzählt: Die Militärdiktatur von Pinochet und die Massenmorde an deren politischen Gegner*innen. Auch hier ist das Wasser das narrative Element, das alles verbindet, und mit dem von den indigenen Völkern ein überraschender Bogen zum Chile der Siebziger Jahre geschlagen wird. Dabei gelingt es Guzmán, Parallelwelten aufzuzeigen. Weiße Menschen des 20. Jahrhunderts sind am Strand, der Erzähler erinnert sich an seine Kindheit: Während er hier badete, kreisten ein paar Kilometer entfernt Flugzeuge und Hubschrauber über dem Meer. Die Diktaturschergen warfen ihre politischen Gegner*innen von dort aus hinunter – manche tot, manche lebendig, jedoch mit Teilen von Zugschienen beschwert, die die menschlichen Körper auf den Meeresgrund zogen und keine Chance auf Überleben ließen. Auf diese Art entledigte sich die Militärdiktatur von Pinochet tausender Oppositioneller.
Guzmán vermag diese Grausamkeiten in ungewöhnlichen Bildern und Worten zu erzählen und zu dokumentieren: Sein Film hat wenig von einem Kriegsdokumentarfilm. Er ist vielmehr ein Kunstwerk, in dem die Natur in kosmischer Größe und Bildgewalt gezeigt wird. Das Wasser zeigt er in all seinen Formen: strömender Regen und kristallklare Tropfen; tiefschwarzes Meer, dessen Wellen sich wie schwere Teermassen in langsamem Rollen dahinschleppen; leichte Hagelkörner, die auf Grashalme herunter prasseln; bläuliche Gletscher, deren Knacken und Schmelzen wie ein schmerzvolles Ächzen klingt; kullernde Flüsse, die mit einer Art Fröhlichkeit plätschern, und in denen man Bäume, Himmel und Wolken sieht. Das ganze Universum spiegelt sich im Wasser wider: Nicht nur bildlich, sondern auch in den hier erzählten Geschichten.
Wie kann man das abgrundtiefe Grauen in so poetischen Bildern erzählen, ohne es dabei im Geringsten zu verharmlosen? Wie kann man es ohne Hass erzählen? Patricio Guzmán gelingt dieses beeindruckende Kunststück in seinem Film mit Bildern und Worten auf eine ergreifende Art und Weise.

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