Politischer Druck statt Leistungsdruck
Linoldrucken vereint in der Gruppe „Frauen Machen Druck“ Freundinnen, Unterstützerinnen und politische Gefährtinnen

Die Frauen kommen nach und nach an und setzen sich an lange Tische, die so aufgebaut sind, dass sich immer mehrere Personen gegenübersitzen oder nebeneinander Platz nehmen können. Frauen, die sich bereits kennen, begrüßen einander, andere werden willkommen geheißen und kommen heute zum ersten Mal ins Gespräch. Während sich alle nach und nach einrichten, werden die Materialien verteilt. Einige beginnen ein Projekt von Grund auf neu, andere bringen bereits eine Idee mit und fangen an zu zeichnen, wieder andere beenden Arbeiten aus früheren Sitzungen. Es gibt keine festen Zeiten oder Regeln: Jede entscheidet selbst, wann sie beginnt, wann sie aufhört und in welchem Rhythmus sie zwischen Arbeit und Gesprächen wechselt.
„Herzlich Willkommen zu der offenen Werkstatt Frauen Machen Druck.“ Die Gründerin der Gruppe, Yili Rojas, eröffnet den Raum, nachdem sich alle eingerichtet haben. In einer Namensrunde stellen sich alle mit ihren Pronomen und den Sprachen, die sie sprechen, vor. „Sodass ihr wisst, mit wem ihr euch auf welcher Sprache unterhalten und wen ihr etwas fragen könnt“, erklärt Rojas.
Viele der Anwesenden sitzen heute zum ersten Mal vor einer Linolplatte. Doch es gibt keinen streng angeleiteten Workshop, nur eine allgemeine Einführung und später Hinweise, je nachdem, was die jeweils verantwortliche Person an diesem Tag in den Arbeiten beobachtet. Perfektion wird nicht erwartet. Fast alles wird sich angeeignet, indem man andere fragt, zuschaut und voneinander lernt. So entsteht nach und nach eine Gemeinschaft von Frauen, die sich wöchentlich zum Drucken treffen – und zugleich ein Raum, der die Möglichkeit bietet, sich anderen Lebensgeschichten anzunähern und sich als migrantische Frauen zu positionieren, die Druck machen: nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch.

„Ein Raum, wie ich ihn mir gewünscht hätte“
Yili Rojas, bildende Künstlerin und Wissensvermittlerin, die sich aufgrund ihrer Lebens- und Migrationsgeschichte keinem spezifischen Land zuordnet, sondern sich als „lateinamerikanisch“ versteht, rief die offene Werkstatt Frauen machen Druck 2021 ins Leben. Heute ist Frauen Machen Druck ein Netzwerk von etwa 190 Frauen, die meisten von ihnen Migrantinnen. Die Teilnahme ist kostenlos und offen für alle, die sich mit der Identität „Frauen“ in einem weiten Sinn identifizieren. Die Frauen im Raum sprechen unterschiedliche Sprachen, kommen aus verschiedenen sozioökonomischen Kontexten und gehören unterschiedlichen Altersgruppen an, etwas das Rojas besonders wichtig ist, wie sie im Interview bekräftigt. Über die Jahre ist eine diverse Gruppe entstanden, die Frauen über Kunst, Gemeinschaft und einen Raum zusammenbringt, um das auszudrücken, was sie persönlich und politisch bewegt. Yili Rojas selbst lebt seit 15 Jahren in Berlin. Ein Teil der Inspiration für Frauen Machen Druck entstand aus ihrer eigenen Migrationserfahrung: „Wie hätte der Raum ausgesehen, den ich mir gewünscht habe, als ich migriert bin – und den ich damals nicht gefunden habe?“, fragte sie sich und ergänzt: „Ich habe migrantische Räume erlebt, die manchmal sehr feindlich waren.“
In den Sitzungen sind Solidarität und Ruhe deutlich spürbar. Es ist, als wäre man allein und gleichzeitig begleitet: Jede kann konzentriert und in Ruhe an ihrem Projekt arbeiten und ist zugleich Teil einer Gemeinschaft, die politisch handelt. Es gibt keine Hierarchien, keinen Leistungsdruck und keine Konkurrenz – nur einen schönen Raum, um gemeinsam zu sein.
Im Gespräch erklärt die Gründerin, dass der Druck auch als Anlass dient, um Mobilisierung zu organisieren und soziale sowie politische Themen aufzugreifen. Der Raum verknüpft weitere Initiativen wie Soli-Events, Druckaktionen und andere Projekte mit kritischem Fokus und politischem Anspruch. Aus Frauen Machen Druck als Basisplattform sind mehrere Aktivitäten hervorgegangen: das Projekt Frauen portraitieren Frauen, bei dem Drucke von palästinensischen Frauen entstanden, das Buch Die Goldene Eiche mit sechzehn inspirierenden Geschichten, geschrieben von Migrantinnen und von ihnen selbst mit der Linolschnitt-Technik illustriert, verschiedene Fundraising-Aktionen, Einladungen internationaler Künstlerinnen so wie mehrere Reisen nach Ägypten, Frankreich, Belgien, Brasilien und Mexiko. Zudem gibt es Raum für politische Bildung, etwa durch Formate, in denen Rassismus und andere kulturelle Probleme thematisiert werden, wie beim jährlichen Antirassismus-Workshop für weiße Frauen.
Für Rojas und andere Frauen, die schon lange Teil dieses Raums sind, ist es wichtig darauf zu achten, dass Frauen Machen Druck sich nicht schleichend in einen akademischen oder gentrifizierten Raum verwandelt, der Frauen mit wenig Ressourcen, familiären Belastungen oder geringeren Privilegien ausschließt. Deshalb liegt ein besonderer Fokus darauf, diese Vielfalt zu bewahren und den Raum als sicheren Ort zu erhalten. Hier kann Deutsch gesprochen werden, ohne Angst vor Fehlern. Mutterschaft kann gelebt werden, indem Kinder beim künstlerischen Arbeiten dabei sind. Vor allem aber bleibt dieser Raum eines: menschlich.

Keine Hierarchien, kein Leistungsdruck und keine Konkurrenz
Sandra aus Argentinien lernte Frauen Machen Druck 2024 kennen und besucht ihn seitdem regelmäßig. Ihre ursprüngliche Motivation war es, neben der Mutterschaft einen eigenen Raum für sich zu finden. Nach und nach legte sie Unsicherheiten ab, denn lange dachte sie, sie könne nicht zeichnen. Hier fand sie „einen Raum, der der Unvollkommenheit viel Platz gibt“. Das liegt unter anderem an dem Gemeinschaftsgefühl: Bei so vielen Frauen bringt jede Wissen mit, das für andere hilfreich sein kann. „Heute ist das mein Ort der Zugehörigkeit, und das macht den Migrationsprozess leichter und erträglicher.“
Catarina aus Portugal besucht Frauen Machen Druck seit zweieinhalb Jahren und sagt, sie habe immer das Gefühl, willkommen zu sein und auf herzliche Menschen zu treffen: „Hier finde ich diese besondere Sensibilität, die unter Frauen entstehen kann, die ähnliche Probleme und Lebensthemen teilen.“
Frauen Machen Druck ist ein offener und pluraler Raum. Einer von jenen Orten, zu denen man immer wieder zurückkehren möchte, weil er im herausfordernden Alltag eine Pause und neue Energie bietet. Es ist ein sicherer Raum, in dem Kunst und politische Mobilisierung auf organische Weise zusammenfinden – und eine Gemeinschaft von Frauen entsteht, die stärkt, motiviert und trägt.




