Punk, Satire und die Tragik der Niederlage
Matapanki dekonstruiert den Superheldenfilm von unten

Es gibt diese Filme, die sich nicht um Erwartungen kümmern. Sie ziehen ihr Konzept ohne Rücksicht auf Verluste durch, verunsichern und lassen das Publikum mit dem zurück, was es gerade gesehen hat. Genau so funktioniert Matapanki, das Debüt des chilenischen Regisseurs Diego „Mapache“ Fuentes, das im Februar 2026 auf den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin vorgestellt und dort in der Sektion Generation 14 Plus mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet wurde.
Matapanki ist ein Film, der von Anfang an ein Risiko eingeht. Wir begleiten Ricardo, einen jungen chilenischen Punk aus einem städtischen Vorort. Der wacht nach einer Party nicht nur mit einem Kater, sondern auch mit Superkräften auf, von denen er glaubt, dass sie durch ein mysteriöses alkoholisches Getränk genährt werden. Unterstützt von seinen Freunden Mella und Claudia und inspiriert durch die Ratschläge seiner geliebten Großmutter beschließt er, die Gesellschaft zu verändern. Als Matapanki stürzt sich Ricardo nun voll in seine neue Aufgabe als Superheld. Doch alles gerät außer Kontrolle, als er versehentlich den Präsidenten Chiles tötet und damit einen weltweiten Konflikt gegen sich entfesselt.
Die Geschichte eines Punk-Superhelden, der seine Kräfte zufällig erlangt, dient als Vorwand für ein Werk, das Genrefilm, politische Satire und eine bewusst raue formale Umsetzung miteinander verbindet. Weit davon entfernt, eine bequeme Erzählung oder eine eindeutige Botschaft anzustreben, arbeitet der Film bewusst mit Übertreibungen und erzeugt gezielt Unbehagen.
In schwarz-weiß gedreht und durch die körnigen Bilder mit einem gewissem visuellen Rauschen durchzogen, übersetzt Matapanki die Codes der von ihm porträtierten Punk-Kultur in die Sprache des Kinos. Das schmutzige, übersättigte Bild steht in direktem Gegensatz zu jeglicher Vorstellung von Sauberkeit oder Transparenz. Es handelt sich nicht unbedingt um eine „neue“ Art, Filme zu machen, sondern um eine Form, die als Position eingenommen wird: eine Bildsprache, die das Saubere, das Ordentliche und das leicht Konsumierbare ablehnt.
Hinzu kommt dje Aneignung der Ästhetik von Comics und Fanzines. Obwohl mit echten Schauspielern gedreht, bewegt sich der Film ständig zwischen Realismus und Illustration und versetzt seine Schauplätze und Situationen in einen grafischen Kontext, der die Logik des Realismus auflöst. Matapanki erzählt nicht nur die Geschichte eines Superhelden, sondern tut dies unter Rückgriff auf Mittel des Comics, indem er dessen Übertreibung, dessen Künstlichkeit und dessen Fähigkeit, Machtverhältnisse zu zerlegen, übernimmt.
Auf politischer Ebene verzichtet der Film gänzlich auf jede Subtilität. Der Antagonist ist der Präsident der Vereinigten Staaten selbst, grotesk und karikaturistisch dargestellt: ein Präsident, der kein Englisch beherrscht und seine Absicht bekundet, sich Chile anzueignen. Die Konfrontation zwischen Ricardo und ihm strebt keine Glaubwürdigkeit an, sondern ist Allegorie. Imperiale Macht wird lächerlich gemacht, bis zur Farce getrieben, im Einklang mit dem Punk-Spirit und der Comic-Logik, die den gesamten Film durchziehen.
Das Ende von Matapanki ist entscheidend für das Verständnis des Films. Hier gibt es weder Triumph noch Erlösung. Diese künstlerische Entscheidung knüpft direkt an eine Position des Punk an, der nicht nur eine Ästhetik, sondern eine politische und existenzielle Haltung ist: eine Feier der Verlierer*innen, derer, die die Niederlage als Teil ihrer Identität annehmen. In dieser Logik wendet sich Punk gegen alles und kann so per Definition niemals einen privilegierten oder siegreichen Platz einnehmen. Matapanki kann nicht gewinnen; sein Widerstand besteht in der radikalen Konfrontation, selbst auf Kosten seines eigenen Untergangs.
So gelesen entleert der Film das Superheldentum seiner klassischen Bedeutung. Es gibt kein Epos des Aufstiegs und kein Versprechen der Erlösung, sondern eine Ethik der Nicht-Verhandlung. Widerstand wird zum Selbstzweck: Das Ziel ist es nicht, zu siegen, sondern sich nicht anzupassen, um keinen Pakt mit der bekämpften Ordnung zu schließen.
In diesem Zusammenhang spielt Humor eine grundlegende Rolle. Im Laufe des Films werden die Geschichte und ihre Figuren ständig mit einer Absurdität persifliert, die Lachen und Überraschung hervorrufen. Dieser Humor verwässert das Anliegen nicht und macht es auch nicht zugänglicher; im Gegenteil, er verstärkt seinen subversiven Charakter. Das Lachen wird zum Mittel des Spotts über die Macht, den Heroismus und die Idee des Sieges an sich. In Matapanki ist Verlieren kein narrativer Fehler, sondern eine politische Entscheidung.
Schwierig, übertrieben und bisweilen verwirrend – Matapanki ist ein Film, der weder gefallen noch klare Antworten liefern will. Sein Anspruch besteht darin, zu verstören, zu provozieren und eine radikale Kohärenz zwischen Form, Politik und Subkultur aufrechtzuerhalten. Ein Kino, das die Niederlage als Geste des Widerstands feiert.
Matapanki // Chile 2025 // 71 Minuten // Regie: Diego “Mapache” Fuentes // Spanisch mit englischen Untertiteln
LN-Bewertung: 4/5 Lamas



