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Rassismus und Antirassismus in Lateinamerika

Rassismus entspricht der Unterstellung einer qualitativen Hierarchie zwischen den Menschen, die aufgrund bestimmter Körpermerkmale in verschiedene Gruppen aufgeteilt werden. Daraus ergeben sich sowohl sozioökonomische als auch soziokulturelle Folgen. Erstere beziehen sich auf die Entstehung einer ungleichen Chancenstruktur, da diejenigen, die in der unterstellten rassistischen Hierarchie schlecht da stehen, im sozialen Wettbewerb (Jobsuche, Zugang zum Schulsystem usw.) systematisch benachteiligt werden. Die kulturelle Dimension des Rassismus drückt sich im Alltag durch Verhaltensformen, Rituale (rassistische Beschimpfungen, Demütigungen) sowie räumliche und soziale Exklusion aus.
In verschiedenen Regionen Lateinamerikas lassen sich beide Dimensionen des Rassismus beobachten. Allgemein richten sich die rassistischen Vorurteile gegen Bevölkerungsgruppen, deren Aussehen einem idealisierten europäischen Menschentypus nicht entspricht. Generell erfolgt dies nach einer Diskriminierungsskala: Je mehr sich das Aussehen vom imaginierten Idealbild entfernt, desto härter ist der Rassismus. Etwa im Fall der Bevölkerungsgruppen mit indigenen Körpermerkmalen in Mexiko oder für die Afrobrasilianerinnen und Afrobrasilianer tritt diese perverse Regel ein.

Von „weißer“ Dominanz zum Konzept der Mestizaje
Rassistische Vorurteile haben tiefe historische Wurzel in Lateinamerika. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rezipierten die Gründungsväter der lateinamerikanischen Nationen die Theoreme des europäischen pseudowissenschaftlichen Rassismus, wonach die Dominanz der weißen Bevölkerung eine Voraussetzung für die Entstehung moderner und fortschrittlicher Gesellschaften darstellt. Davon ausgehend entwarfen die Nationsideologen in Lateinamerika unterschiedliche Konzepte für die „Europäisierung“ ihrer Gesellschaften: Während einige dieser Intellektuellen eine offensive Migrationspolitik befürworteten, die möglichst viele europäische EinwandererInnen ins Lande ziehen und durch „Vermischungsprozesse“ zu einem graduellen „Weißwerden“ der Gesamtbevölkerung führen könnte, plädierten andere für interne Maßnahmen, die die „Vermischungsprozesse“ stoppen sollten, damit eine intakt gebliebene weiße Elite die Führungsfunktionen übernehmen könne.
Erst in den 1930er Jahren konnte Lateinamerika das Vermächtnis des europäischen pseudowissenschaftlichen Rassismus überwinden. Zu dieser Zeit setzte sich in verschiedenen Ländern des Subkontinents die Ideologie der Mestizaje durch, welche die Nationen Lateinamerikas zu einem positiven Modell für die friedliche Verschmelzung von vielfältigen Kulturen und Menschentypen erklärte. Die Botschaft der Mestizaje ist allerdings ambivalent: Einerseits ermöglichte diese Ideologie die symbolische Inklusion von dunkelhäutigen, indigenen und als „Mestizen“ bezeichneten Bevölkerungsgruppen in die lateinamerikanischen Nationen, womit diese Gruppen nicht mehr die Rolle des „internen Anderen“ spielten. Gleichzeitig blendete das ideologische Lob der Verschmelzung die in der Gesellschaft tief verankerten rassistischen Hierarchien aus.

Antirassistische Bewegungen
Gegen derartige rassistische Vorurteile, die mit der Ideologie der Mestizaje historisch koexistierten, richten sich heute antirassistische Bewegungen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Im Allgemeinen versuchen diese Gruppen, den Rassismus sowohl auf der sozioökonomischen Ebene durch die Forderung kompensatorischer Politiken, als auch in seiner soziokulturellen Dimension herauszufordern. Dazu zählen die Aufwertung bzw. die Rekonstruktion des kulturellen Erbes von indigenen und afroamerikanischen Bevölkerungen. Konkret lassen sich bereits im Rahmen der lateinamerikanischen Historiographie wichtige Veränderungen feststellen: Waren die nationalen Geschichten der Länder Lateinamerikas bis vor nur wenigen Jahren vornehmlich durch die Präsenz weißer Helden gekennzeichnet, die „barbarischen Einheimischen“ moderne und universelle Werte auferlegten, so vermitteln die Museen, aber auch die Schulbücher heute ein anderes Bild. Die Kolonisierung wird nicht mehr als eine altruistische Ausdehnung der europäischen Aufklärung, sondern als eine ökonomische und kulturelle Ausrottung dargestellt. Dabei werden indigenen Aufständen und Rebellionen gegen die Sklaverei ein positiver Stellenwert zugeschrieben.
Die antirassistischen Mobilisierungen, die sich derzeit in Lateinamerika beobachten lassen, sind heterogen und vielschichtig. Doch einige Charakteristika scheinen die unterschiedlichen Bewegungen gemein zu haben. Insgesamt bringen diese neuen antirassistischen Akteure einen wichtigen Innovationsimpuls in die lateinamerikanische Politik ein, da sie inhaltlich und anhand ihrer Handlungsformen Verbindungen zwischen Ebenen herstellen, die bislang als unvereinbar erschienen.

Über Grenzen hinweg
Diese neuen Mobilisierungen handeln gleichzeitig national und transnational. Sowohl die neuen indigenen, als auch die afroamerikanischen Bewegungen versuchen neue Räume in der jeweiligen nationalen Öffentlichkeit zu schaffen, um ihre Staatsbürgerrechte zu verwirklichen. Gleichzeitig artikulieren sie sich weltweit: Sie suchen die Unterstützung von Geldgebern aus dem Norden, wie transnationalen NGOs, Stiftungen und Entwicklungsagenturen; sie bilden aber auch neue transnationale Vernetzungen wie etwa die seit 1998 bestehende Alianza Estratégica de Afro-Latino-Americanos. Dabei verbinden sie Kultur und Politik.
Charakteristisch für den neuen Antirassismus ist der Rückgriff auf einen kulturellen Fundus, der sich von der nationalen kulturellen Landschaft vermeintlich abhebt. Hier lässt sich die Suche nach kulturellen Attributen und Produkten feststellen, welche die nationalistischen Assimilierungsstrategien überlebt haben. Damit wird das differenzierte Kulturerbe, wie etwa im Fall der Mapuche in Chile oder der Mobilisierungen der AfrokolumbianerInnen, zum politischen Mittel, um Zugang zur Öffentlichkeit zu erhalten und ihre politischen Forderungen zu begründen.

Performances als Politik
Mit der Koppelung von Kultur und Politik hängt ein weiteres Merkmal des neuen Antirassismus in Lateinamerika zusammen: Die Verknüpfung von Ethik und Ästhetik bzw. von Argumenten und Performance. Wer den öffentlichen Auftritt der Zapatistas in Mexiko oder die von der brasilianischen antirassistischen Bewegung Movimento Negro Unificado veranstalteten Demonstrationen ins Auge fasst, dem fällt der medienkonforme Charakter dieser Ereignisse auf.
Durch das Verstecken ihrer Gesichter im ersten Fall oder das Schminken und die Stilisierung des eigenen Körpers im zweiten Beispiel erinnern beide Bewegungen in unterschiedlicher Weise daran, dass sie Bevölkerungsgruppen vertreten, die historisch zur politischen Unsichtbarkeit verurteilt wurden. Es handelt sich hier doch um mehr als eine bloße symbolische Politik. In den neuen Formen des Antirassismus in Lateinamerika gehören Körperinszenierungen und öffentliche Performances zu einem integrierten politischen Programm, das fundierte und im Rahmen von Studien, Publikationen und öffentlichen Reden verbreitete Argumente ebenfalls miteinbezieht.

Politische Unzulänglichkeiten
Trotz seiner jüngsten Erfolge ist der neue Antirassismus in Lateinamerika natürlich noch weit davon entfernt, die rassistischen Spuren wegzufegen, die sich während mehrerer Jahrhunderte Kolonisierung, Sklaverei und Import europäischer rassistischer Ideen eingeprägt haben. Auch einige grundsätzliche politische Unzulänglichkeiten des neuen Antirassismus lassen sich bereits konstatieren. So konnten die antirassistischen Mobilisierungen – mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel in Bolivien – noch nicht die breite Basis der Bevölkerung erreichen, die vom alltäglichen Rassismus betroffen ist. Oft vertritt nur eine kleine Minderheit einen dezidiert antirassistischen Diskurs, während die betroffenen Gruppen entweder noch auf die Ideologie der Mestizaje setzen oder politisch desinteressiert sind. Was die konkreten Maßnahmen zur Etablierung einer realen Gleichberechtigung anbelangt, ist eine ähnliche Einschränkung festzustellen. Bislang begünstigten Politiken – wie die bevorzugte Zuschreibung von Studienplätzen für dunkelhäutige BewerberInnen an einigen staatlichen Universitäten Brasiliens (affirmative action) – nur die etwas besser situierten Individuen im Rahmen der diskriminierten Gruppen. Schließlich sind universitäre Quotenprogramme einer kleinen Minderheit der AfrobrasilianerInnen vorbehalten, die es schafft, die Oberschule abzuschließen. Aufgrund ihrer schlechten sozialen Stellung müssen die meisten dunkelhäutigen BrasilianerInnen bereits in der Grundschule die schulische Bildung abbrechen. Überdies sind antirassistische Politiken darauf angewiesen, ihre Zielgruppen zu benennen und dabei auf die gleichen Kategorien zurückzugreifen, die die rassistischen Konstruktionen begründen. Mit anderen Worten: Maßnahmen, die eine reale Chancengleichheit erzielen, müssen die benachteiligten Gruppen erfassen und definieren, womit die bestehenden rassistischen Hierarchien diskursiv bestätigt werden. Gegen solche Paradoxien des Antirassismus gibt es allerdings kein theoretisches Patentrezept. Im Rahmen der politischen Praxis und in jedem spezifischen Kontext müssen Lösungsansätze gefunden werden, die den Rassismus und seine distributiven Folgen adäquat bekämpfen. Diese Tatsache ist den neuen antirassistischen Bewegungen längst bewusst.

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