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Raum zum Erinnern schaffen

Ihr Projekt Habitados de Olvido („Bewohner des Vergessens“) beschreiben Sie als Film über die Liebe in einer Postkonfliktgesellschaft. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Ich hatte seit Längerem die Idee einen Film über den komplexen Prozess des Zusammenlebens in einer so bewegten Gesellschaft wie der Nicaraguas zu machen. Die Menschen hier haben einen Befreiungskrieg gegen die Diktatur, die Jahre der Sandinistischen Revolution, einen Bürgerkrieg, die Militärintervention der USA und schließlich die Niederlage der Revolution und den Wandel zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung erlebt. Und das alles in einem Zeitraum von gut 12 Jahren. Das war eine sehr schmerzhafte Erfahrung! Die Thematik betrifft auch Guatemala und El Salvador, wo Diktaturen, Kriege der Guerrillas und Unterdrückungskriege herrschten. In Guatemala und El Salvador wurden Wahrheitskommissionen geschaffen, Plattformen für Reflexion und Aufarbeitung. In Nicaragua kennen wir das nicht. Hier gab es in den 1990er Jahren die Wahlniederlage der Sandinisten und das Leben ging einfach so weiter. Ich habe den Eindruck, dass es in der Gesellschaft nicht viel Raum für Reflexion gab. Das ist nicht gesund! Schmerz sollte verarbeitet werden. Es sollte über die gesellschaftlichen Beziehungen nachgedacht werden.

Wie setzten Sie dieses schwierige Thema um?
Das Drehbuch basiert auf einer Erzählung des argentinischen Autors Carlos Powell, der viele Jahre im Exil in Nicaragua lebte. Er kannte die Lebensrealität und -art der Nicaraguaner*innen sehr gut und das spiegelt sich in seinen Erzählungen wider. Als ich die Erzählung las, inspirierte sie mich zu dem Film. Gemeinsam mit Carlos, der leider vor Abschluss verstarb, schrieb ich ein Drehbuch, das diese Frage behandelt: Wie kann man sein Leben in einem neoliberalen Nicaragua fortsetzen, das durch starke Spaltungen in der Bevölkerung und Kriegsfolgen geprägt ist? Die Geschichte ist die eines italienischen Filmemachers, der in den 1980er Jahren als Brigadist in Nicaragua war und damals die Alphabetisierungskampagne filmte. Er begibt sich auf die Suche nach einem Jungen, den er damals gefilmt hat und über dessen Leben er erneut einen Film machen möchte. Das Land, das er antrifft, ist aber ein völlig anderes Nicaragua. Auf der Suche trifft er ehemalige Mitstreiter und das ganze entwickelt eine dramatische Dynamik. Weil es auch dramatisch ist, sich mit sich der eigenen historischen Erinnerung und Realität auseinanderzusetzen.

Es geht also immer wieder um die Wichtigkeit des Erinnerns …
Eines der zentralen Themen des Films ist die historische Erinnerung. Sie ist ein unabdingbares Element in der Konstruktion – im Falle Nicaraguas in der Rekonstruktion – einer Gesellschaft. Vergangenes zu ignorieren oder zu verdrängen, sei es in der persönlichen oder kollektiven Erinnerung, ist ungesund und nicht hilfreich, wenn man eine Versöhnung erreichen möchte. Eine weitere zentrale Thematik ist die Vernachlässigung. Dabei geht es um die Frage, wie ein Land, das ein Jahrzehnt lang in den Nachrichtenmeldungen weltweit auftauchte, praktisch von einem Tag auf den anderen vergessen werden kann. Aber es geht auch um Vernachlässigung auf persönlicher Ebene, beispielsweise in der Beziehung zu Kindern und Freunden.

Das sind sehr komplexe Fragen. Versucht der Film, Antworten zu geben?
Es gibt keine einfachen Antworten und wir dürfen nicht vorgeben, sie zu haben. Wir versuchen, das komplexe Panorama einer Postkonfliktgesellschaft auf der Identitätssuche zu skizzieren. Der Film zeigt Frauen, die Widerstand leisten und Männer, die lernen, dass sich die Rollen in diesem Prozess umkehren können. Er spricht viele Themen an. Wenn wir über eines dieser Themen eine Reflexion anstoßen, wäre das ein großer Erfolg. Filmkunst kann nicht die Welt verändern. Sie kann einen Beitrag zu Reflexionsprozessen leisten. Wir hoffen, dass unsere Geschichte dazu beiträgt, die Dinge genau in den Blick zu nehmen und offen nachzudenken. Auch darüber, wie wir mit der eigenen historischen Erinnerung umgehen. Uns zu fragen, ob wir in Übereinstimmung mit den Werten gehandelt haben, die wir als junge Menschen hatten. Diese Frage sollte man sich immer stellen, aber als Menschen, die wir in der Solidaritätsbewegung aktiv sind, stellt sie sich besonders. Diese Verantwortung, die jeder für die eigene historische Erinnerung hat, zeigt sich vor allem in der Hauptfigur.

In der Geschichte ist das verbindende Element zwischen Vergangenheit und Aktualität die sandinistische Alphabetisierungskampagne 1980. Welche Rolle spielt sie in der kollektiven Erinnerung Nicaraguas?
Die Alphabetisierungskampagne nimmt im Film genau deshalb eine zentrale Rolle ein, weil sie in der kollektiven Erinnerung wichtig und in der Gesellschaft immer noch lebendig ist. Für die 85.000 jungen Menschen, die sich an der Kampagne beteiligten und acht Monate das Leben der Landbevölkerung teilten, war das eine prägende Erfahrung – auch, wenn sie sich danach von der Revolution abgekehrt haben. Im Film ist die Kampagne ein verbindendes Element zwischen Protagonist und Antagonist. Ein emotionaler Dreh- und Angelpunkt, der es ermöglicht, dass sich das Publikum, vor allem die jüngeren Generationen, mit der Geschichte identifizieren kann.

Können Sie etwas über die Produktionsbedingungen berichten?
In Lateinamerika ist es schwierig, Kinofilme zu realisieren – besonders in Nicaragua. Es gibt keine öffentlichen Gelder für die Produktion. Das Nationale Kinoinstitut INCINE ist den 90er Jahren neoliberalen Kürzungen zum Opfer gefallen. Die Leute, die in den 80er Jahren im Filmbereich ausgebildet wurden, hängen seitdem regelrecht in der Luft, halten sich mit Werbespots oder Dokumentarfilmen über Wasser. Und es gibt junge Generationen von Filmschaffenden, die in Mexiko, Kuba und Argentinien studiert haben und hier nicht arbeiten können. Auch aus diesem Grund ist es mir wichtig, den Film zu drehen: Ihnen soll Hoffnung gegeben werden, dass wir das nicaraguanische Kino wiederbeleben und sie teilhaben können. In den letzten zehn Jahren wurden zwei Spielfilme in Nicaragua produziert; unserer wäre der dritte. Die Beispiele Boliviens und Ecuadors zeigen, dass wir auch in unseren Ländern Qualitätskino produzieren können, obwohl es sich um arme Länder handelt und es sehr viele ökonomische Restriktionen gibt.

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