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Raus in den Tod

Es gibt Bücher, die dürfen einfach nicht in der Versenkung verschwinden. Die unterirdische Schlacht von Rodolfo Enrique Fogwill (1941 bis 2010) ist so ein Buch. Es erzählt vom Malvinen/Falklandkrieg, der die argentinische Gesellschaft bis heute belastet, gerade wegen seiner Widersprüchlichkeit: Angezettelt 1982 von den Generälen der Diktatur, die ihre bröckelnde Herrschaft noch einmal festigen wollten, aber gegen Großbritannien verloren, das wie schon oft als Imperialmacht wahrgenommen wurde, was alte Wunden wieder aufriss.
Fogwill schlägt sich auf keine der beiden Seiten. Einen nüchtern beobachtenden Ich-Erzähler lässt er mit argentinischen Deserteuren, in Erdhöhlen versteckt, auf das Kriegsende warten. Die Überlebenschancen im südatlantischen Winter sind gering. Solange die Männer den Briten als Spione nützlich sein können und dafür etwas Hilfe bekommen, geht es noch. Aber die Gefahr, entdeckt zu werden, ist genauso existenziell wie die, in der Höhle zu scheitern. Wer erkrankt, gefährdet die anderen und muss „raus“, das heißt in die Kälte, in den Tod. Wer den Kommandos der Höhlenhierarchie widerspricht, wird den argentinischen Truppen ausgeliefert.
Keine Rebellenromantik also, sondern ein packendes Antikriegsbuch. Fogwill schrieb es unter dem unmittelbaren Eindruck der Kriegsnachrichten und nach nur sechs Tagen soll es fertig gewesen sein. Egal ob das stimmt – es ist beeindruckend, wie Fogwill die schwankenden Seelenzustände, nachdenkliche Momente und dann wieder grundstürzende Not, jeweils in ganz eigenen Tonlagen spürbar macht. Dennoch ist es ihm gelungen, das Buch als Ganzes bis zum völlig unerwarteten Ende zusammenzuhalten.
Anfangs zirkulierte der Roman nur in ein paar Abzügen, bis er 1984, sofort nach dem Ende der Diktatur, gedruckt erschien. Seither gilt Fogwill als einer der ganz großen Gegenwartsautoren des Landes. Zum argentinischen Buchmessen-Schwerpunkt im vergangenen Jahr sollte er endlich auch das hiesige Publikum erreichen, aber das von Dagmar Ploetz exzellent übersetzte Buch stand etwas im Schatten. Das darf einfach noch nicht alles gewesen sein.

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