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Rebellische Erinnerung

Was für eine Rolle spielt Punto Final in der Medienlandschaft Chiles?

Punto Final ist eine unabhängige Zeitschrift, die nur den Interessen der breiten Öffentlichkeit verpflichtet ist. Deshalb können wir frei und immer zur richtigen Zeit über Themen berichten, die die anderen Medien lieber umgehen, um keine Akteure, von denen sie finanziell abhängig sind, in Schwierigkeiten zu bringen. Punto Final ist offen genug, um über Prozesse in den lateinamerikanischen Gesellschaften zu berichten, die von anderen Medien entweder entstellt oder sogar ganz ignoriert werden.
Welchen Themen widmete sich Punto Final in seiner Anfangszeit und mit welchen Themen beschäftigt sich die Zeitschrift heute?
Generell wurden die Fortschritte der aufsteigenden sozialen Bewegungen abgedeckt, wie zum Beispiel die Bauern- und Arbeiterbewegung. Es wurde über die kubanische Revolution berichtet und wie sie sich auf die lateinamerikanische Linke auswirkte. Auch der Vietnam-Krieg war ein großes Thema.
Heute variieren die Themen sehr. Auf internationaler Ebene berichten wir vor allem über Prozesse und Schwierigkeiten in Kuba, Venezuela, Brasilien, Bolivien, Argentinien und Uruguay. Was Chile betrifft, gibt es Reportagen über die Auswirkungen des neoliberalen Systems, aber auch über Umweltschäden und ausgeschlossene soziale Gruppen. Insbesondere über den Widerstand der Mapuche, die ihre Kultur und ihr Land verteidigen. Des Weiteren nehmen der Kampf gegen Straflosigkeit und die Menschenrechtsbewegungen sowie die Analyse der ideologischen Debatte der Linken einen zentralen Platz in Punto Final ein.

Was bedeutet für Dich das Projekt „Punto Final – Memoria Histórica online“? Was für Auswirkungen kann der freie Zugang zu den alten PF-Ausgaben im Internet Deiner Meinung nach für die chilenische Gesellschaft haben?

Ich weiß, dass die gesamte Redaktion des PF mit diesem Geburtstagsgeschenk einen Schub Dynamik bekommen wird, denn wir werden dieses Archiv nutzen können, um uns besser den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Ich war sehr beeindruckt, dass der Kampf gegen die Diktatur auch heute noch junge Menschen motivieren kann, in einer Geste der Solidarität diese historisch wichtigen Dokumente der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Dank des Online-Archivs werden diese Materialien, die in Chile in den Bibliotheken oder Archiven nicht vorhanden sind, wieder öffentlich zugänglich sein und so für viele Menschen eine wichtige Etappe der chilenischen Geschichte besser verständlich machen.

Du hast neben der Entgegennahme des Online-Archivs außerdem Dein Buch 119 de nosotros vorgestellt. Was genau war der Plan Colombo?

Der Plan Colombo stellte einen Höhepunkt der Repressionspolitik der Diktatur dar. Er diente sozusagen als Versuch für die spätere Operation Cóndor, das Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen den Militärdiktaturen des Conosur. Von Mai 1974 bis Februar 1975 wurden 119 Personen entführt. Der Plan Colombo wurde mit einer massiven Medienstrategie inszeniert, um das Verschwindenlassen von Personen zu leugnen: Tagespresse und Radio verbreiteten falsche Informationen über die revolutionären Bewegungen. Die MIR wurde als eine Organisation dargestellt, die in der Lage sei, ihre eigenen Leute umzubringen. In der Tageszeitung Segunda hieß es zum Beispiel: „Exterminado como ratas“ – „Ausgelöscht wie Ratten“, ein wirklich Gänsehaut erzeugender Titel! Es wurde über Leichen in Argentinien berichtet, die mit Schildern behängt waren, auf denen stand: „Als Verräter getötet. MIR“. Später stellte sich heraus, dass es Körper von argentinischen Verschwundenen waren.
Zusätzlich wurden Zeitschriften zu Propagandazwecken erfunden, die in Argentinien und Brasilien zwei Listen mit insgesamt 119 Namen von Kameraden veröffentlichten. Daher kommt der Name „Liste der 119“, so wie die Linke sie bezeichnet hat. Diese gefälschten Meldungen wurden dann über die nordamerikanische Nachrichtenagentur UPI in Chile verbreitet. Es war also eine perfekt geplante und durchgeführte Operation. Innerhalb des Militärs hieß sie Plan Colombo. Diese interne Bezeichnung wurde natürlich erst viel später bekannt.

Was hat Dich dazu bewegt, speziell die Geschichten dieser 119 Menschen in Deinem Buch zu rekonstruieren und sie so wieder in Erinnerung zu rufen?

Ich wollte diese Namen aus der gefühllosen Kälte der Statistik herausnehmen und der heutigen Jugend die Generation von Revolutionären der 70er Jahre näher bringen. Wenn in der chilenischen Öffentlichkeit überhaupt mal die Verschwundenen thematisiert wurden, dann blieb die Liste der 119 unerwähnt. Unter den Angehörigen machte sich große Wut breit und wir gründeten die Organisation Familienangehörige und Freunde der gefallenen MIRisten. Ich war in der Kommunikationsabteilung und begann mit meiner Kollegin Sonia Cano, Informationen für Pressemitteilungen zu den 119 Verschwundenen zusammenzutragen. Das war der Beginn meines Buches. Wir hatten natürlich auch die Hoffnung, dass unsere Arbeit zu einer schnelleren juristischen Lösung beitragen würde. Dem war nicht so. Es ist nichts passiert. Nur in fünf Fällen gibt es überhaupt ein Verfahren.

Du willst also zur Aufklärung der Vergangenheit beitragen?

Das Anliegen meines Buches ist nicht allein, den Plan Colombo anzuklagen. Ich wollte die Lebensgeschichten dieser Kameraden darstellen, weil sie bis heute als Terroristen gezeigt werden und nicht als die politischen und sozialen Vorkämpfer, die sie waren. Ihre Lebensgeschichten zu kennen heißt, die Vielfalt des Kampfes der chilenischen Linken dieser Zeit kennen zu lernen. Es sind Menschen, die in den Umwälzungsprozess, den Chile damals erlebte, zutiefst involviert waren.
Diese 119 waren nicht nur physisch, sondern auch aus der Erinnerung verschwunden. Es wurde nie von ihnen gesprochen. Die Absicht des Buches ist, diese Geschichten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, vor allem den Jugendlichen.

Dein Buch richtet sich also vor allem an die heutige Jugend?

Ja. Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen den Generationen in Chile. Die Jugend im Jahr 2000 hatte keine Ahnung, was vor der Diktatur in Chile geschehen ist. Von der Diktatur kannten sie nur, was jedes Jahr zum 11. September im Fernsehen gezeigt wird: die Bombardierung des Präsidentenpalastes La Moneda. Natürlich ist das auch wichtig, stellt dieser Tag doch das Ende eines Traumes, eines Prozesses in Chile dar. Aber von den Gründen für den Putsch gegen die Regierung der Unidad Popular ist nie die Rede! Die Jugendlichen heute haben keinen Zugang zu der Zeit vor der Diktatur, sie wissen nicht wie ihre Altersgenossen in den 60er und 70er Jahren waren. Und das führt dazu, dass sie nicht verstehen können, was in dieser Zeit wirklich passiert ist. Es gibt zwar eine Absage an die Repressionspolitik der Diktatur, aber keine wirkliche Anerkennung des Widerstandskampfes in Chile. Das wird vollkommen ignoriert.

In Deutschland hat man eher das Bild einer desinteressierten chilenischen Jugend. Du bist also der Meinung, dass sie langsam wieder zu politischem Bewusstsein erwacht?

Ja, mir scheint, dass sich die Jugendlichen heute mehr zu politischen Themen hingezogen fühlen, vielleicht auch als Gegenreaktion auf den Rest der Gesellschaft. Zum Beispiel haben wir im September dieses Jahres ein Seminar über den Sozialismus im 21. Jahrhundert abgehalten, und im Publikum waren hauptsächlich Jugendliche! Was die Erinnerungskultur zur jüngsten Geschichte Chiles angeht, glaube ich, dass es ein grundsätzliches Interesse gibt. Vorausgesetzt, sie wird mit den aktuellen Problemen verbunden und nicht aus purer Nostalgie zelebriert.

Wie manifestiert sich diese Erinnerungskultur?

Das Thema Erinnerung wurde noch nicht genügend diskutiert und die Vergangenheit wartet noch immer auf eine tiefer gehende Aufarbeitung. Es gibt nur sehr kleine Organisationen, die sich intensiv mit dem Thema Erinnerung auseinander setzen und versuchen, die historischen Tatsachen zu rekonstruieren. Dieses Jahr jährt sich die Veröffentlichung der „Liste der 119“ zum 30. Mal und es hat sich ein neues Kollektiv aus Künstlern und ehemaligen Genossen gegründet, die sich für eine andere Art der Erinnerung einsetzen. In Santiago haben wir eine sehr schöne Gedenkfeier veranstaltet. Es beteiligten sich viele junge Leute, Schüler und Studenten. Ausgehend von Fotos, die die Verschwundenen in alltäglichen Situationen zeigen, haben wir ungefähr zwei Meter große Figuren gemalt. Es sollten wirkliche Abbilder sein und nicht diese schwarzen Silhouetten, die früher verwendet wurden, um das Verschwindenlassen anzuprangern. Diesmal ging es darum, die Verschwundenen zum Leben zu erwecken, sie als die Jugendlichen zu zeigen, die sie einmal waren.

Interview und Übersetzung: Katharina Severin und Olga Burkert

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