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REFLEXION STATT BILDERRAUSCH

© 5a7 Films – mutokino – If you hold a stone – montañero cine

Ein Mann, ein Motorrad, eine Fahrt durch die Nacht. So beginnt Los Conductos, der kolumbianische Beitrag zur neuen Berlinale-Sektion Encounters von Regisseur Camilo Restrepo. Auf dem Zweirad sitzt der Protagonist Pinky, der auf der Flucht vor einer kriminellen Bande ist, für die er lange Zeit geraubt und getötet hat. Nun ist er ausgestiegen, zahlt dafür aber einen hohen Preis: Weil er wegen der Verfolgung durch die Gang keine Spuren hinterlassen darf, kann er nur  informelle und prekäre Jobs annehmen: Beispielweise in einer Fabrik für gefälschte Markenkleidung oder als Metallsammler, der nachts Drähte aus Stromkästen zieht. Für die Gesellschaft unsichtbar muss er sich nun in einer Welt durchschlagen, wo es für ihn weder viele Verbündete noch Hoffnung auf schnelle Besserung seiner Situation gibt.

Camilo Restrepo zeigt in seiner nur 70 Minuten langen Parabel auf Kolumbiens Ungerechtigkeiten eine apokalyptisch wirkende Welt mit wenigen Menschen, deren Bewegungs- und Handlungsspielräume eingeschränkt sind. Dabei arbeitet er nach einem Konzept, das das Visuelle extrem reduziert und Geräuschen und dem gesprochenen Wort großes Gewicht beimisst. So wird Pinkys Geschichte aus der sektenartig organisierten Gang so gut wie gar nicht im Bild gezeigt und nur aus dem Off erzählt, während man ihm beim Verrichten seiner alltäglichen Tätigkeiten zusieht. Vieles erinnert eher an Szenen aus einem modernen Theaterstück als aus einem Kinofilm. Philosophische Monologe über Gut und Böse wechseln sich mit Geschichten anderer Menschen aus der unteren sozialen Klasse ab, wobei die oft eher unspektakulären Bilder den Fokus auf das gesprochene Wort lenken sollen. Restrepos Ziel ist es, damit eine „Audiovisuelle Erfahrung“ zu vermitteln, was manchmal anstrengend ist, da der Film keine packende Handlung (die durch Pinkys Erlebnisse in der Gang im Prinzip vorhanden wäre) im Bild zeigt. Andererseits regen einige der Statements aus dem Off durchaus zur Reflexion an und erfüllen damit den beabsichtigten Zweck („Wir waren vereint durch alles, was wir hassten“; „Die Welt war für uns nichts anderes, als ein Rohmaterial, das wir für unsere Zwecke formten“). Die verfremdete Erzählstruktur sorgt für eine große Abstraktion, was eine emotionale Involvierung in die Geschichte und auch mit dem Protagonisten erschwert. Hier spürt man deutlich, dass Restrepo kein klassischer Filmemacher, sondern eigentlich Künstler ist, der die Filmindustrie mit seiner Herangehensweise eher herausfordern, als ein Teil von ihr sein möchte. Das zeigt sich in der Form des Films (gedreht wurde auf 35 mm analog) wie auch in der Funktion, die mit gängigen Erwartungen bricht. Ob ihm das bei Kinozuschauer*innen mit konventionellen Sehgewohnheiten großen Beifall einbringen wird, darf bezweifelt werden. Los Conductos ist so ein vor allem ästhetisch interessantes Experiment.

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