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Reise mit unbekanntem Ziel

Morgendämmerung in Mexiko-Stadt. Beleuchtete Autotrassen, eine Metro, die aus dem Tunnel in den Morgen hinausfährt, Katzen auf einem Vordach. Die Stadt wacht auf. Der Blick bewegt sich von der Straße weg in ein Gebäude hinein, über eine leere Treppe zu einem Gang und in eine scheinbar leere Wohnung. In der Stille, die nach den draußen verbliebenen Straßengeräuschen einsetzt, wird allmählich ein rhythmisches Geräusch aus einem Zimmer hörbar. Ein Mädchen liegt auf einem Bett, über ihr und uns mit dem Rücken zugewandt, ein junger Mann. Das Gesicht des Mädchens wirkt konzentriert und zugleich abwesend. Kein Wort ist zu hören, weder Zuneigung noch Abscheu zeigen sich in ihren Zügen. Dieses Schweigen und diese Verschlossenheit begleiten die Protagonistin fast während des gesamten Films.
Das erste Wort spricht María gegenüber ihrer Mutter am späten Morgen. Nur widerstrebend und einsilbig beantwortet sie beim Frühstück die Fragen nach der Verleihung des Abiturzeugnisses. Ihre Mutter bleibt schemenhaft außerhalb des Fokus‘ der Kamera. Damit wird bereits die Distanz von María nicht nur gegenüber ihr, sondern auch anderen Menschen angedeutet. Auch in der Schule, an dem für Jugendliche sonst so wichtigen Tag der Zeugnisverleihung, bleibt María allein. Während die anderen in Gruppen herum stehen, schreibt sie in ihr Zeichen- und Tagebuch Briefe an sich selbst, in denen sie sich als „increíble“ (wunderbar) bezeichnet. Niemand in ihrer Umgebung scheint sie wirklich zu kennen und sich für ihre Träume zu interessieren oder ihr überhaupt nah zu sein. Umso schonungsloser bilden sich vor diesem Hintergrund ihre kurzen, vor allem sexuellen Begegnungen mit Jungen und Männern ohne Empathie und Befriedigung ab. Diese können offensichtlich nicht Marías Suche nach Nähe und Bestätigung beantworten.
Dann bricht María ohne ein Wort des Abschieds auf. Leise verlässt sie das Haus und begibt sich auf eine Reise. Zerbrechlich und spröde nimmt sie ihren Rucksack mit zu einem Ziel, welches erst am Ende des Films verständlich wird. Die Landschaften ziehen am Busfenster vorbei, in einem langsamen Tempo, das Zeit zum Nachdenken lässt. Die Gemächlichkeit entsteht durch lange Einstellungen, wenige Schnitte und erlaubt dadurch das Nachsinnen über die möglichen Gedanken und Emotionen hinter dem Schweigen des Mädchens, das auf die äußere Welt wie aus einer Festung blickt und ihre Kommunikation vor allem mit dem Tagebuch führt.
Das beeindruckende Spiel der jungen Darstellerin Lucía Uribe in der Rolle der María besteht im Ausdruck ihres Gesichts, ihrem Blick und der Körpersprache, mit denen sie ihre Verletzlichkeit zeigt und gleichzeitig trotz ihrer Verhaltenheit als Abgrenzung eine große emotionale und verwirrte Innenwelt anzudeuten vermag. Die Geschwindigkeit des Films ist ihren Bewegungen angepasst. Mit jeder Etappe nimmt sie zunächst unscheinbar eine Erfahrung mit. Ihre erste eigenständige Reise ist eine Suche nach Sich selbst und begleitet ihren Prozess des Wachsens. Fast muss um sie gefürchtet werden, weil sie ungeschützt durch ein Land reist, das in den letzten Jahren Zehntausende von Verschwundenen, Erschossenen und Ermordeten verzeichnet. Doch nichts davon findet sich in den Bildern wieder, auch wenn Unberechenbarkeit und mögliche Gewalt durchaus latent anklingen. Am Ende gelangt María an ihr Ziel und erfüllt sich damit einen geheimen aber existentiellen Wunsch.
Der mexikanische Regisseur Gabriel Mariño hat mit seinem Film Un mundo secreto („Geheimnisvolle Welt“) ein überzeugendes Spielfilmdebüt geliefert, weil er ohne seine Protagonistin zu werten oder durch extreme Situationen zu schleifen, mit sorgfältigen, unprätentiösen Bildern eine Geschichte vom langsamen Erwachsenwerden erzählt. Ein Werk, das neugierig auf zukünftige Filme des Regisseurs macht.

Un mundo secreto („Geheimnisvolle Welt“) // Gabriel Mariño // 87 Minuten // Mexiko 2012 // Sektion Generation 14plus

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