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Risse in der Gesellschaft

Chile ist nicht Haiti. Bei Erdbeben ist nicht die Kraft der Natur allein ausschlaggebend für die Schäden, die es anrichtet. Die Spur der Zerstörung, messbar durch die Anzahl der Opfer und durch den materiellen Schaden, welchen eine Naturkatastrophe hinterlässt, offenbart auch, welche sozialen Realitäten innerhalb einer Gesellschaft vorherrschen. Das Ausmaß der Verwüstung auf Haiti und die abertausenden Toten in den Slums von Port-au-Prince stehen in direkter Verbindung mit der Mittellosigkeit im ärmsten Land des amerikanischen Doppelkontinents. Auch im Falle von Chile steht das Ausmaß der Katastrophe in Verbindung mit der gesellschaftlichen Struktur des Landes. Eine der politisch und ökonomisch stabilsten Nationen Lateinamerikas wurde von einem außerordentlich starken Erdbeben getroffen. Das menschliche Leid und die offensichtliche Zerstörung des Landes sind jedoch geringer, während gleichzeitig die Kapazität auf die Katastrophe zu reagieren, größer ist als auf der Karibikinsel. Chile erscheint für die Konfrontation mit einer solchen Katastrophe bestens gewappnet zu sein.
Samstag morgens um 3:34 Uhr, bebt die Erde auf einem über 500 km langen Streifen mit dem Epizentrum ca. 350 km südlich der Hauptstadt Santiago. Stromausfall, einstürzende Neubauten und eine Tsunami-Welle führen Chile Minuten später in einen Ausnahmezustand. Mit der Überflutung der Küstenregionen, dem Zusammenbruch vieler Häuser, Brücken und großer Teile der Versorgungsnetze brechen auch die Hemmschwellen zur Plünderung. Die Verwundbarkeit des sozialen Friedens in Chile tritt zu Tage und das Land, das erst vor kurzem der Industrieländerorganisation OECD beigetreten ist, versinkt somit innerhalb weniger Stunden im Chaos.
Während die Regierung von Michelle Bachelet sich nach vier Jahren Amtszeit schon auf die Machtübergabe am 11. März eingestellt hatte, wurde sie von der Katastrophe überrollt. Die von verschiedenen Seiten ausgesprochene Tsunami-Warnung wurde tragischerweise von der nationalen Notstandsbehörde (ONEMI) und dem ozeanografischen und hydrografischen Dienst der chilenischen Marine (SHOA) fehlinterpretiert und in der Folge nicht rechtzeitig an die Bevölkerung weitergegeben. Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt Untersuchungen einzuleiten, um die Verantwortung beider Institutionen für diesen Fall zu prüfen.
Die genaue Anzahl der Opfer ist bis heute ungewiss. Offensichtlich ist jedoch, dass der Großteil der hunderten von Toten dem Tsunami zum Opfer gefallen ist. In allen betroffenen Gebieten, vor allem aber in der Region Bío-Bío mit der Hauptstadt Concepción sah sich die Bevölkerung mit einem extremen Versorgungsengpass konfrontiert. Die in dieser Situation natürliche Reaktion zu plündern, um Lebensmittel zu ergattern, wurde von einigen als Chance wahrgenommen, sich zu bereichern. Mit der schrittweisen Wiederherstellung der Stromversorgung begannen die Funk- und Fernsehsender jedoch umgehend mit einer größtenteils sensationalistischen Berichterstattung, welche die Nachricht von Plasmafernsehern und Kühlschränken raubenden Horden verbreitete. Die unreflektierte und verantwortungslose Darstellung der Plünderungen seitens der Medien führte zu einer Welle von Trittbrettfahrern. Auf die dadurch geschürte Angst in der Bevölkerung und das undifferenzierte mediale Anprangern der Plünderer als Verbrecher folgten Straßenbarrikaden und die Entstehung von sogenannten Bürgerwehren, die bewaffnet gegen vermeintliche Plünderer vorgingen.
Angesichts des ausgebrochenen Chaos in den Regionen Maule und Bío-Bío reagierte die Präsidentin Bachelet mit der Entsendung von 7.000 Soldaten. Das Militär wurde beauftragt, die Kontrolle über diese Gebiete zu übernehmen und die Regierung erließ eine Ausgangssperre von 23 bis 6 Uhr. Am 2. März wurden weitere 7.000 Soldaten zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung entsendet. Zum ersten Mal seit der Militärdiktatur ist das chilenische Militär dazu aufgerufen, die Kontrolle über Teile des Staatsgebiets zu übernehmen. Die Reaktionen der betroffenen Bevölkerung auf diese Maßnahme der Regierung waren gemischt. Heftige Kritik wurde laut, da in manchen Gebieten mehrere Tage verstrichen, in denen das Militär zwar die Kontrolle über öffentliche Leben übernommen hatte, jedoch keinerlei Wasserversorgung aufgebaut wurde. Doch große Teile der chilenischen Bevölkerung nahmen die Präsenz der Soldaten auf den Straßen trotz der Erfahrungen mit der Militärdiktatur positiv wahr.
Durch die Mobilisierung von nationalen Hilfskräften gelangten die ersten internationalen und nationalen Hilfsgüter und Notfall-Infrastruktur in die betroffenen Gebiete. Leider behinderte die chaotische Lage die gleichmäßige und rasche Verteilung der Hilfe. Mit der medialen Übermittlung des Ausmaßes der Katastrophe wurde eine landesweite Welle der Mobilisierung zur Unterstützung der Opfer losgetreten. Freiwillige Helfer sammelten und entsendeten in Zusammenarbeit mit kirchlichen Hilfsorganisationen, Schulen und Universitäten Nahrungsmittel und Kleidung. Auch private Unternehmen sprangen auf den Zug der Mobilisierung. Sie schlossen sich bestehenden Hilfsmaßnahmen an und schalteten eigene landesweite „Solidaritäts-Kampagnen“ in den Medien. So gelang es ihnen, die Gunst der Stunde zu nutzen, um tatsächliche Hilfe mit Imagegewinn zu kombinieren.
Die neue konservative Regierung von Sebastian Piñera sieht sich, nicht nur während der von starken Nachbeben erschütterten Zeremonie zur Amtsübergabe, mit der Ernsthaftigkeit der momentanen Situation konfrontiert. Felipe Kast vom Planungsministerium (MIDEPLAN) vermeldete am 15. März, dass das Regierungsprogramm trotz der widrigen Umstände keine Änderung erfahren werde. Die Katastrophe habe, ihm zufolge, lediglich Ergänzungen zum ursprünglichen Programm hinzugefügt. Die Fehler der Regierung Bachelet, die bei der Reaktion auf das Erdbeben begangen wurden, werden momentan medial ausgeschlachtet und von der neuen Regierung benutzt, um die gesamte Arbeit der Concertación der letzten 20 Jahre in Misskredit zu bringen. Darauf aufbauend präsentiert sich die neue Regierung als Retter Chiles. Ob die neue Regierung – die erste konservative Regierung seit dem Ende der Militärdiktatur – ihren Worten Taten folgen lassen wird und Chile auf das nächste Beben besser vorbereitet, ist offen. Denn obwohl Chile in seiner Geschichte immer wieder im Abstand weniger Jahrzehnte von schweren Erdbeben erschüttert wurde, verwundert es, dass Chile in seiner Geschichte immer wieder so reagierte, als wäre es das erste Mal, dass die Erde bebt.

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