Berlinale | Brasilien

Roadmovie ins Unterbewusstsein

„I Built a Rocket Imagining Your Arrival“ ist eine visuelle Reise mit eindrucksvollen Bildern, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lassen

Von Gabriela Cruz
© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

Rosa, eine Frau mittleren Alters, begibt sich mit ihrer Mutter Dalva auf eine imaginäre Reise entlang der Landstraße. Der Auslöser für dieses Unterfangen ist eine einfache Frage: „Welchen glücklichen Moment kannst du dir bildlich vorstellen?“ So beginnt Janaína Marques’ Film I Built a Rocket Imagining Your Arrival, ein Roadmovie  mit Elementen des magischen Realismus.

Auf dem gemeinsamen Weg, den sie zurücklegen, teilen Mutter und Tochter Momente des Glücks und der Vertrautheit, aber auch Szenen, die von tiefem Schmerz erfüllt sind. Die lange Abwesenheit voneinander hat bei beiden Narben hinterlassen, die nicht leicht zu bewältigen sind.

Auf visueller Ebene ist die Farbe Rot bei der Mutter präsent, die eine energiegeladene und fröhliche Persönlichkeit hat. Im Kontrast dazu steht Rosas Schweigen und Schüchternheit. Das lebendige Rot zeigt sich in einer Dualität: Es erscheint in freudigen Augenblicken, ruft aber auch Rosas Schmerz hervor, wenn sie sich an das Blut ihrer Mutter erinnert, das sie am Tag der Trennung sah. Nach und nach umhüllt diese Farbe auch Rosa, und je weiter sie auf der Reise vorankommen, desto ähnlicher wird sie Dalva. In gewissen Momenten wirken die beiden wie Schwestern, Freundinnen oder Komplizinnen.

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

 I Built a Rocket Imagining Your Arrival ist das Debütwerk der brasilianischen Regisseurin Janaína Marques, produziert wurde es von Moçambique Audiovisual. Mit einer unkonventionellen Erzählweise, die Erinnerung und Vorstellungskraft nachahmt, zeigt der Film sehr unterschiedliche Schauplätze: unwirtliche und wüstenartige Orte, eine Bar, ein Hotel, Durchgangsstationen. Die beiden Protagonistinnen begeben sich auf den Weg zu ihrem Ziel: Sie besuchen eine Frau namens Consuelo (auf Deutsch „Trost“, eine Anspielung auf ihre Persönlichkeit), die in einem kleinen Haus mitten im Dschungel lebt, das wie ein Schutz vor dem Sturm erscheint.

Mit einem verzweifelten Schrei ruft Rosa einmal nach ihrer Mutter, erhält aber keine Antwort. Von einem Berggipfel aus sehen wir sie klein und verletzlich, wie das Kind, das immer noch auf die Rückkehr ihrer Mutter wartet. Sie lebt in der Welt der Möglichkeiten und fragt sich, wie anders ihr Leben wäre, wenn sie ihre Mutter immer an ihrer Seite gehabt hätte. Wie glücklich wäre sie wohl gewesen?

Ein zentraler Aspekt des Films ist das Thema der Resilienz und der Solidarität von Frauen angesichts struktureller männlicher Gewalt. Sie alle sind Überlebende. Das queere Element scheint ein Ausweg aus diesen Gewaltszenarien zu sein, ein Fenster zu Glück, Liebe und Freiheit. Nähe und Emotionalität sind dabei im Film immer spürbar, wozu zweifellos die Chemie zwischen den Schauspielerinnen Verônica Cavalcanti (Rosa) und Luciana Souza (Dalva) viel beiträgt.  

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

I Built a Rocket Imagining Your Arrival war Teil des Programms der 76. Ausgabe der Berlinale und hat dort die Wertung der Leser*innenjury der Zeitung Tagesspiegel als bester Film der Sektion Forum gewonnen.

I Built a Rocket Imagining Your Arrival, Brasilien 2026, 92 Minuten, Regie: Janaína Marques, Portugiesisch mit Englischen Untertiteln, Berlinale-Sektion Forum

LN-Bewertung: 4/5 Lamas

Termin auf der Berlinale:

Sonntag, 22. Februar, 19 Uhr, Cubix 8


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ähnliche Themen

Newsletter abonnieren