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Romeo und Julia in der Favela

Der Musikfilm Maré, nossa história de amor („Maré, unsere Liebesgeschichte“) verlegt das klassische Romeo und Julia-Thema nach Máre, eine der vielen Favelas von Rio de Janeiro. Dort rivalisieren zwei Banden um die Vorherrschaft im Drogengeschäft und wachen eifersüchtig über die von ihnen kontrollierten Territorien. Die junge Analídia, die Tänzerin werden will, ist die Tochter des einen Anführers, der momentan im Gefängnis sitzt. Jonata, der von einer Karriere als Hip Hop MC träumt, ist der Jugendfreund des anderen Bandenchefs Dudu. In der Tanzschule der engagierten Fernanda, die auf der „Grenze“ zwischen den beiden Territorien liegt, finden die beiden ein Refugium innerhalb der feindseligen Atmosphäre. Fernanda versucht, über Tanz und Musik den Jugendlichen eine Alternative zu Drogen und Bandenkriminalität zu bieten. Zugleich kämpft sie vehement um die Anerkennung ihrer Schule als neutralen Ort, der sich der Logik des Freund-Feind-Schemas entzieht. Mit zunehmender Intensivierung des Bandenkriegs wächst auch der Druck, den das jeweilige Lager auf das frisch verliebte Paar ausübt. Doch Análidia und Jonata widersetzen sich ihrem Umfeld und träumen davon, jenseits der Favela ein neues, gemeinsames Leben zu beginnen. Fernanda hat eine Idee, wie dies verwirklicht werden könnte, die jedoch – getreu des Romeo und Julia-Motivs – tragisch enden muss.
Die Regisseurin Lúcia Murat, die 1989 mit Que bom te ver viva („Wie schön, Dich lebend zu sehen“) ein vielfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt vorlegte, kann mit Maré, nossa história de amor handlungslogisch kaum überraschen. Durch die deutliche Anlehnung an die Thematik von Romeo und Julia oder der West Side Story ist die Handlung leicht vorhersehbar. Dabei geht die Regisseurin durchaus offensiv mit der Bezugnahme um, indem die ProtagonistInnen in der Tanzschule das Stück Romeo und Julia einstudieren. Interessant und sehenswert machen den Film der angebotene Interpretationsrahmen und die Anspielung auf verschiedene Faktoren, die für die harte Favelarealität mitverantwortlich sind.
In der Figur der Tanzlehrerin Fernanda scheint die Position der Filmautorin selbst widerzuhallen: Kulturelle Projekte und engagierte soziale Aktionen sind vonnöten, um den Teufelskreis aus Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt in den Favelas zu durchbrechen. Musik und Tanz werden dabei als eine prinzipielle Möglichkeit präsentiert, in der die Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit und Harmonie erfüllt werden kann, die auch bei scheinbar hart gesottenen Bandenmitgliedern vorhanden ist. Dafür steht die Figur des Teenagers Anjo, der einerseits stets mit seiner Knarre herumfuchtelt und seiner Jugendfreundin Análidia verbieten will, Jonata zu sehen, andererseits unbeholfen in der Tanzschule auftaucht und mitmachen will. Tatsächliche soziale Anerkennung erhalten eben auch die Bandenmitglieder nicht durch Waffen, Macht und Einschüchterung, sondern durch Fähigkeiten, Engagement und Empathie, scheint die Regisseurin uns sagen zu wollen. Dennoch ist ihr Film kein pädagogisches Lehrstück für kulturelle Konfliktbearbeitung. So bietet die kulturelle und soziale Arbeit von Fernanda keine einfache Problembewältigung, zumindest im zentralen Handlungsstrang erweist sie sich letztlich als uneffektiv. Ambivalent bleibt dabei das Verhältnis zwischen Kunst und Gewalt. Einerseits präsentiert Murat Musik und Tanz durch die Handlung selbst und durch die dramaturgische Brechung mittels Tanzszenen als Gegenpol zur Gewalt. Andererseits sind auch manche Bandenduelle mit Musik unterlegt und choreographisch wie Tänze inszeniert, so dass eine Ästhetisierung – und Banalisierung – von Gewalt stattfindet.
Ohne sie in den Mittelpunkt zu stellen, deutet Maré zudem verschiedene Faktoren an, die für die Entstehung von Gewalt und der Macht der Drogenbanden mitverantwortlich sind. So entzieht sich der Staat seiner sozialen Verantwortung. Stattdessen übernehmen engagierte Personen aus der Zivilgesellschaft wie Fernanda diese Aufgabe, wobei sie mangels finanzieller staatlicher Ressourcen auf das Sponsoring durch die Bandenchefs angewiesen sind. Dies macht eine wirkliche Emanzipation von der Bandenvorherrschaft unmöglich, zugleich verleiht es den Banden eine gewisse soziale Legitimation. Die Polizei agiert nicht als unparteiische Schlichterin und Gegnerin der Banden, sondern sie stellt ihre Macht in die Dienste des Meistbietenden und ist somit Teil des Bandenkrieges. Zudem leiden alle Favela-BewohnerInnen an sozialer Stigmatisierung, sobald sie die Grenzen ihres Viertels verlassen: Ein Leben außerhalb der Favela erscheint fast unmöglich. In einer eindrucksvollen Szene verlassen Jugendliche, die ihrem Erscheinen nach der Mittelklasse angehören, offenbar in Befürchtung eines arrastão – wie in Brasilien Strandüberfälle durch Jugendliche bezeichnet werden – fluchtartig den Strand, als ein paar Favela-BewohnerInnen auf der Suche nach Badevergnügung auftauchen.
Auch wenn Maré inhaltlich sicherlich nicht mit Überraschungen aufwarten kann, hat Murat bei der Inszenierung und Besetzung ihr sicheres Händchen bewiesen. Die Musikeinlagen aus Hip Hop und Funk sind mitreißend und die jungen DarstellerInnen können überzeugen. Dies gilt vor allem für Cristina Lago als Analídia, die hier ihr Kinodebüt feiert, und den charismatischen Babu Santana als Bandenchef Dudu, der bereits mehrmals in ähnlichen Rollen auf sich aufmerksam machte.

Maré, nossa história de amor von Lúcia Murat, Brasilien/Frankreich/Uruguay 2007, 104 Minuten, läuft auf der Berlinale vom 7.-17. Februar im Panorama-Programm.

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