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Rote Krone sticht!

Ein breiter, frisch gepflasterter Weg führt zum Strand von Coroa Vermelha. Er mündet in ein riesiges, kahles Rund, das von einer Skulptur ganz besonderer Art beherrscht wird: 13 Meter hoch ragt ein protziges Kreuz aus Edelstahl in den Himmel, an der Stelle, an der die Portugiesen vor 500 Jahren ihren ersten Gottesdienst auf amerikanischem Boden abhielten. Hier begann die Kolonialisierung und Missionierung von rund fünf Millionen UreinwohnerInnen auf dem Gebiet des späteren Brasilien.
Am 22. April 1500 hatte der Seefahrer Pedro Alvares Cabral mit über tausend Begleitern auf zwölf Schiffen die Südküste des heutigen Bundesstaats Bahia erreicht. Und als hätte es nie eine kritische Aufarbeitung der Kolonialgeschichte gegeben, wollte der Soziologenpräsident Fernando Henrique Cardoso im nahe gelegenen Porto Seguro zusammen mit Portugals Präsident Jorge Sampaio die „Entdeckung“ Brasiliens feiern. Dass die Pataxó-Indianer in der Nähe des frisch von der Regierung errichteten Stahlkreuzes ein eigenes Denkmal aufstellen wollten, passte da nicht ins Konzept. Anfang April räumten 200 Militärpolizisten mit einer Planierraupe die Fundamente der Alternativskulptur zur Seite. Auch wenn der Küstenstreifen in Coroa Vermelha („Rote Krone“) ganz offiziell indigenes Land ist: Wie der „Beginn des Völkermords“ (so der Indigenenführer Naílton Pataxó Hã-Hã-Hãe) zu zelebrieren sei, wollte die Regierung alleine bestimmen.

Der Marsch des Widerstandes

Doch die Indígenas hatten sich gut auf diese Tage vorbereitet. Am 23. März waren die ersten TeilnehmerInnen des Marsches für “die anderen 500 Jahre” mit ihren Booten vom Westrand Amazoniens mit dem Ziel Coroa Vermelha aufgebrochen. Täglich stießen mehr Menschen zu einer der insgesamt sechs Karawanen. Auf jeder Station wurden die Indios begeistert von ihren SympathisantInnen empfangen. In Belém schlossen sich Hunderte von Landlosen der Demo an, in Imperatriz bestimmten SchülerInnen die Szene. In Palmas nahmen drei katholische Bischöfe das Schuldbekenntnis vorweg, das am 26. April in Coroa Vermelha förmlich wiederholt wurde. AktivistInnen der Schwarzenbewegung und linke PolitikerInnen dominierten in Salvador.
In der Hauptstadt Brasília verlieh die Basis auf dem “Platz der drei Gewalten” ihren Forderungen Nachdruck, während Präsident Cardoso eine Delegation des Marcha Indígena empfing. Sie protestierten gegen die Missachtung der in der brasilianischen Verfassung von 1988 garantierten Unverletzlichkeit ihres Landes. Innerhalb von fünf Jahren, so hieß es damals, sollten 594 Territorien eingegrenzt und gesichert werden. Doch davon kann heute keine Rede sein: Nicht einmal die Hälfte dieser Gebiete ist juristisch abgesichert. Die Haushaltsmittel der umstrittenen staatlichen Indigenenbehörde FUNAI, die das Demarkierungsprogramm umsetzen soll, werden von Jahr zu Jahr mehr zusammengestrichen. Zudem hat die Regierung einen eigenen Gesetzesentwurf eingebracht, der vor allem die Aktivitäten der Bergbaukonzerne innerhalb indianischer Gebiete erleichtern soll. In den kommenden Monaten wird das Tauziehen inner- und außerhalb des Parlaments weitergehen.

Mit Pfeil und Bogen

Vorab erlebte der Senatspräsident Antonio Carlos Magalhães das Tauziehen am eigenen Leib: Bei einem Empfang im Parlament von Brasília trat ihm der kalte Angstschweiss auf die Stirn, als sich die Pfeilspitze des Indigenenhäuptlings Henrique Iabaday auf ihn richtete. “Wir möchten,.dass Sie die Polizei abziehen, damit alle marschieren können”, forderte der Bogenschütze. Auf der anderen Seite stammelte der bleiche Magalhães, der zu den Vertretern des Repressionskurses gegen die Indigenen gehört, etwas von Bereitschaft zum Dialog – dann war Iabaday schnell entwaffnet und verhaftet und der Spuk vorbei. Nicht ganz – denn auch die vom Medienkonzern TV Globo gesponserten 500-Jahr-Countdown-Uhren, die schon seit langem das ganze Land zieren, waren Zielscheibe indigener Pfeilspitzen. Sie protestierten damit eindrucksvoll gegen die Verdrehung der Geschichtsschreibung, wie sie am 22. April in Porto Seguro stattfinden sollte.
Heute machen die ungefähr 350.000 Indígenas nur noch 0,2 Prozent der brasilianischen Bevölkerung aus. Seit den siebziger Jahren hat sich ihre Situation dennoch leicht verbessert: Damals gab es gerade noch 100.000, und ihr Aussterben schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch mittlerweile liegen die Geburtenraten weit über dem Landesdurchschnitt, und die kulturelle Rückbesinnung hält an. Im Nordosten sind ganze Dörfer dazu übergegangen, ihre indigene Identität zu proklamieren – im Bundesstaat Alagoas etwa gab es vor 30 Jahren zwei indigene Völker, heute sind es acht.

Es geht auch anders

Im Bundesstaat Amapá am Nordostrand des Amazonasgebiets leben 6.000 Indigene in gesicherten Verhältnissen. Das Städtchen Oiapoque an der Grenze zu Französisch-Guayana hat seit vier Jahren einen indigenen Bürgermeister. Eine halbe Autostunde südlich beginnt das Uaçá-Gebiet, in dem rund 1.700 Karipunas wohnen. Die Schotterpiste endet in Manga, einem 500-Seelen-Dorf am Curipí-Fluss. Nach einer weiteren Stunde im Schnellboot erreicht man die Orte Santa Isabel und Espíritu Santo, die inmitten von üppig-grünen Sumpfsavannen liegen.
Nicht alle der DorfbewohnerInnen tragen indigene Gesichtszüge. Kein Wunder: Die Karipunas sind ein Mischvolk, das erst in den letzten 150 Jahren eine eigene kulturelle Identität angenommen hat. Viele Vorfahren der heutigen Karipunas kamen aus anderen Amazonasstaaten nach Amapá, andere aus den karibischen Nachbarregionen. Zwar sprechen alle Portugiesisch, doch ihre Muttersprache ist ein Kreol mit starken französischen Einflüssen. Seit 1968 ist das Land demarkiert; unerwünschte Eindringlinge sind hier unbekannt. Die Karipunas leben von Fischfang und Landwirtschaft.
“Ich lebe, weil ich Indio bin“, sagt Eustasio dos Santos stolz. Der 32-jährige unterrichtet an der Grundschule von Manga und gehörte schon mit 13 Jahren zu den ersten zweisprachigen Alphabetisatoren, die unter Anleitung von engagierten katholischen Missionaren ihre Arbeit aufnahmen. Mittlerweile gibt es knapp einhundert bilinguale TutorInnen oder LehrerInnen. “Erst durch den zweisprachigen Ansatz erhalten unsere Kinder den bestmöglichen Zugang zu den Unterrichtsinhalten und die Chance, sich später weiterzubilden”, meint dos Santos.

Der Kampf ums Land

Davon können die Pataxó Hã-Hã-Hãe bei Pau Brasil im Hinterland von Bahia nur träumen. Sie sind seit 1982 dabei, das Land zurückzugewinnen, von dem sie in den letzten Jahrzehnten vertrieben worden waren. Weiße fazendeiros, die fast immer auf die Unterstützung staatlicher Stellen zählen konnten, besetzten das fruchtbare Land, das in der wichtigsten Kakaoregion Brasiliens liegt. In den siebziger Jahren versorgte der damalige Gouverneur Bahias, Antonio Carlos Magalhães, über 300 von ihnen mit den dazugehörigen Besitztiteln, denn nach offizieller Lesart gab es keine Indígenas mehr. Tatsächlich waren von den 54.100 Hektar, die ihnen 1926 vom Staat garantiert worden waren, nur noch 34 im Besitz von Indigenen – 360 Menschen lebten zusammengedrängt in zwei Dörfern.
Zu ihnen gehörte Maura Rosa Titiá, die als neunjähriges Mädchen vom Leiter des staatlichen Indiopostens als Dienstmädchen an eine weiße Familie in Itabuna weggegeben wurde. Oder die kämpferische Maria do Rosário Jesús, die in ihrem Leben an die zehnmal vertrieben wurde, aber nie das Indigenengebiet verlassen hat. Im vergangenen November besetzte die 69-jährige mit 13 Verwandten eine fazenda ganz in der Nähe, wo sie als Kind gelebt hatte. Nach drei Tagen kam die Militärpolizei, vertrieb die Familien und zerstörte ihr Hab und Gut. “Alles, die Hühner, unser Mobilar, sogar Geld und Papiere haben sie uns weggenommen”, erzählt sie vor ihrer kleinen Holzhütte. “Wir mussten wieder hierher zurückkehren, wo das Land hinten und vorne nicht reicht.”
Aber die Aktion war zumindest teilweise erfolgreich. Ein fazendeiro handelte mit der FUNAI eine üppige Entschädigung für sein Anwesen aus, weitere wollen folgen. Durch eine internationale Kampagne soll nun der Oberste Gerichtshof dazu gebracht werden, die in den siebziger Jahren vergebenen Eigentumstitel für null und nichtig zu erklären. Zwar läuft das Verfahren bereits seit 18 Jahren und in dieser Zeit wurden 14 Pataxó Hã-Hã-Hãe ermordet, weitere bedroht und mehrfach festgenommen, dennoch wohnen heute bereits 1.800 Pataxó auf ihrem angestammten Land, und in ihrem zähen Kampf sind sie zum Vorbild für viele andere Völker in Brasilien geworden.

Finale in Coroa Vermelha

Düstere Wolken zogen am Morgen des 22. April über Coroa Vermelha auf. Die Zeichen standen auf Sturm.
Schon am Morgen hatte die berüchtigte Militärpolizei von Bahia zugeschlagen. Im Dorfzentrum ging sie mit Tränengas, Knüppeln und Gummigeschossen auf die TeilnehmerInnen eines Protestzugs der Schwarzenbewegung los und nahm 140 Menschen fest. Die Indigenen brachen um halb elf zur letzten Etappe ihres Marsches auf. Doch bereits nach einer halben Stunde kam das Aus: Unter strömendem Regen lösten mehrere Hundertschaften der Militärpolizei die Demonstration brutal auf. 30 Menschen wurden leicht verletzt, sechs ins Krankenhaus eingeliefert.
Am Vortag hatten die gut 2.000 TeilnehmerInnen der viertägigen Indigenen-Konferenz in Coroa Vermelha, die anläßlich des Jahrestages und im Zusammenhang mit dem Sternmarsch stattfand, mit großer Mehrheit beschlossen, einen Fototermin mit Cardoso zu verweigern. Eine kleine Gruppe regierungsfreundlicher Strippenzieher hatte tagelang darauf hingearbeitet, war aber schließlich unter Protest ausgezogen. “Während die Invasion unseres Landes durch die Weißen gefeiert wird, soll im Ausland der Eindruck erweckt werden, dass die Regierung uns gut behandelt”, sagte Naílton Pataxó Hã-Hã-Hãe. “Aber immer hat sie uns vergessen, und ausgerechnet jetzt sollen wir empfangen werden?”

Cardoso: MST hat eine “faschistische Mentalität”

Auch mehrere Tausend Landlose, die vom Nachbarort Eunápolis nach Porto Seguro fahren wollten, wurden durch Polizeisperren aufgehalten. Die Küstenstadt war von über 5.000 Militärpolizisten hermetisch abgeriegelt worden. Auf seiner Festtagsrede zeigte Cardoso Verständnis für die Anliegen der Entrechteten. Noch am Vortag hatte er den AktivistInnen der Landlosenbewegung MST eine “faschistische Mentalität” vorgeworfen. Nach der Auflösung der Demonstrationen entschuldigte er sich für den “Übereifer” seines Sicherheitsteams. Der zuständige Minister, General Alberto Cardoso, lobte derweil die Polizei für ihren “angemessenen Einsatz”.
Im In- und Ausland war das Echo auf das Vorgehen der Polizei verheerend. “Die Regierung hat ihr wahres Gesicht gezeigt” – diesen Eindruck hatte nicht nur Indigenensprecher Aurivam Truká. Auch die Gedenkmesse in Coroa Vermelha vier Tage später nutzen die Indigenen zu einer weiteren Protestkundgebung und durchkreuzten damit die Pläne des Vatikans für eine unpolitische Veranstaltung. Überraschend zogen 40 Pataxó während der Messe mit einem langen schwarzen Band an den Altar. Ihr Vertreter, der 24-jährige Matalauê Pataxó, sagte: “Hier müsst ihr Respekt zeigen, denn dieses Land gehört uns. In unser Land haben sie ein Eisenkreuz gerammt und unser Denkmal zerstört, das an den Widerstand unseres Volkes erinnern sollte. Sie haben unseren Marsch mit einem Stoßtrupp, mit Schüssen und Tränengasgranaten verhindert. Einmal mehr haben sie die Entdeckung mit unserem Blut gefeiert. Doch sie werden unseren Widerstand nicht brechen.”

KASTEN:
Katholiken leisten praktische Solidarität

Seit dreißig Jahren arbeitet Nello Ruffaldi vor Ort mit Indigenen aus Amapá und Pará. Der vitale Priester aus der Toskana hat die Gründung des Indigenenmissionsrates Conselho Indigenista Missionário (Cimi) 1972 hautnah miterlebt. Schwester Rebeca Spires und er waren die treibenden Kräfte bei der kulturellen Rückbesinnung der Karipuna in Nordamapá. Gemeinsam mit ihnen und einigen LinguistInnen entwickelten sie Grammatiken, Wörterbücher und Unterrichtsmaterialien in Kheuol (Créole). 1979 gründeten sie die Zeitschrift Mensageiro, die sich an die Indigenen in ganz Brasilien richtet.
Der Cimi war eine direkte Konsequenz der Aufbruchstimmung unter Lateinamerikas KatholikInnen und hat sich seither zur wichtigsten Unterstützungsorganisation der brasilianischen Indígenas entwickelt. Fast 400 MissionarInnen, Laien und Geistliche, arbeiten im ganzen Land. Dabei steht die praktische Solidarität im Vordergrund, wie etwa Beratung in Gesundheits- und Erziehungsbereich oder Engagement in der Landfrage.
“Wir wollen niemanden bekehren, sondern zusammen mit den Indios arbeiten, um hier das Reich Gottes zu errichten”, sagt Ruffaldi. “Natürlich leisten wir auch geistlichen Beistand, aber nur, wenn es gewünscht wird.” Dieser nach 1968 entwickelte Ansatz hat nichts mit der herkömmlichen Arbeit vieler MissionarInnen zu tun, die die Assimilationspolitik des brasilianischen Staates flankierten. Auch beim Indígenamarsch und der Konferenz in Coroa Vermelha bildeten die Cimi-AktivistInnen das organisatorische Rückgrat und trugen maßgeblich zum Erfolg bei.
Zum Weiterlesen: www.cimi.org.br und www.freeweb.org/associazioni/Mensageiro
GD

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