Aktuell | Chile | Nummer 618 - Dezember 2025

Roter Pragmatismus

Jeannette Jara und der Kampf um die Zukunft des
chilenischen Kommunismus

Zum ersten Mal in der politischen Geschichte Chiles ist eine Kommunistin der Präsidentschaft so nahe gekommen wie jetzt. Jeannette Jara ist eine politische Zäsur im Land – in den Umfragen liegt sie bei rund 30 Prozent der Stimmen für den ersten Wahlgang am 16. November und wird demnach vermutlich in die Stichwahl einziehen. Doch hinter ihr steht ein fragiles Bündnis von Parteien der ehemaligen Concertación bis zum Frente Amplio, einzig geeint durch den Widerstand gegen die autoritären Rechte. Wie kam es dazu? Und wie konnte eine Partei, die historisch nur über geringe parlamentarische Vertretung verfügt, zu einer zentralen Akteurin der Gegenwart werden? LN analysiert die Vorwahlstimmung auf den nächsten fünf Seiten aus zwei unterschiedlichen Perspektiven.

Max Telias
Die feministischen Bewegungen ganz vorne Sie öffneten die Möglichkeit einer strukturellen Transformation Chiles. (Foto: Paulo Slachevsky via flickr (CC BY-NC-SA))

Am 30. Juni, einen Tag nach der Vorwahl der Regierungskoalition, steht die 51-jährige Jeannette Jara als einzige Kandidatin des Regierungslagers fest. Am selben Tag erklärt Lautaro Carmona, Vorsitzender der Kommunistischen Partei (KP): „Egal wer regiert, man muss den Quadratmeter der Partei respektieren.“ Mit diesem Satz wollte er die Spannungen zwischen der Kandidatin und der Parteileitung über die Haltung zu Venezuela und Kuba entschärfen, doch er zeigte einen offenen Konflikt in der Partei, die es sonst schaffte, interne Streitereien mit Ausschluss der Öffentlichkeit zu regeln. Um diesen zu verstehen, muss man in die Geschichte der Partei und die letzten Jahre der Diktatur zurückblicken.

Politische Laufbahn in der Transition

Verboten und verfolgt war die Kommunistische Partei eines der am meisten unterdrückten politischen Lager der Militärdiktatur. Trotz großer politischer Differenzen schloss sie sich der Kampagne für das „NO“ im Plebiszit von 1988 an, bei der Pinochet abgewählt wurde. Nach dem Sieg erklärte der 1989 gewählte Generalsekretär Volodia Teitelboim: „Das chilenische Volk darf nicht nur seine Stimme abgeben, sondern muss den Sieg auch verteidigen (…)“. Misstrauen gegenüber dem Übergangsprozess herrschte tief in den Parteibasen. Besonders die Parteijugend distanzierte sich von den traditionellen Linien.

Mit dem Wahlsieg Patricio Aylwins 1990 wurde der chilenische Übergang zur Demokratie zu einer politischen Transaktion. Die Diktatur hatte ihre Erbschaft abgesichert: Pinochet als lebenslanger Senator, ein exklusives Sozialsystem für das Militär und vor allem eine Verfassung, die das Prinzip der Subsidiarität des Staates festschrieb. Die Demokratie wurde unter den Bedingungen eines neoliberalen und konservativen Machtblocks geboren.

Im Parlament marginalisiert und vom Exekutivbereich ausgeschlossen, hielt die Partei unter der Führung von Gladys Marín an einer Politik der moralischen Anklage fest. Diese Linie bewahrte ihre Integrität, ließ sie aber am Rand der institutionellen Politik verharren. Mit der Zeit entstand eine neue Generation, die begriff, dass die Institutionen nicht nur ein Ort der Vereinnahmung, sondern auch des politischen Kampfes sein konnten. Zu ihr gehörte Jeannette Jara – ehemalige Studierendenführerin und Gewerkschafterin im öffentlichen Dienst –, die für die pragmatische Wende eines Kommunismus steht, der lernte, zu regieren, ohne seine Systemkritik aufzugeben.

Wer war Jeannette Jara in dieser Zeit? In den 1990er Jahren trat sie der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei bei und wurde bald ein aktives Mitglied des Zentralkomitees. 1996 übernahm sie die Präsidentschaft der Studierendenvereinigung der Universität von Santiago. Sie studierte Verwaltungs- sowie Rechtswissenschaften und engagierte sich später als Gewerkschafterin in der Nationalen Vereinigung der Staatsbediensteten (ANEF) – einer der stärksten Gewerkschaften des Landes. Diese doppelte Erfahrung – staatliche Verwaltung und kommunistische Militanz – prägte ihr politisches Profil nachhaltig.

Mit der Wahl von Guillermo Teillier zum Generalsekretär der Partei im Jahr 2002 begann eine neue Etappe. Seine bis zu seinem Tod im Jahr 2023 andauernde Führung konsolidierte die KP als Akteurin, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Institutionen aktiv war. Die Strategie war klar: eine ideologische Haltung und offene Kritik am herrschenden Neoliberalismus beibehalten – diesmal jedoch mit einem Fuß im Staat stehen. Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Ende der Diktatur definierte sich die Partei nicht mehr nur über moralische Autorität, sondern zunehmend über ihre Fähigkeit, in der nationalen Politik Einfluss zu nehmen.

Vom Sozialaufstand zum Entstehen von Apruebo Dignidad

Der seit 2011 einsetzende Zyklus sozialer Mobilisierungen – Studierenden-, Umwelt- und feministische Bewegungen – ermöglichte der KP, ihre Marginalität zu überwinden. Figuren wie Camila Vallejo, Karol Cariola oder Daniel Jadue traten als neue Gesichter einer Generation auf, die soziale Forderungen mit institutioneller Politik verband. Dieser Aufbruch fand seinen Höhepunkt, als die KP als Teil der Regierungskoalition Nueva Mayoría die zweite Amtszeit von Michelle Bachelet (2014-2018) mitprägte. Jara arbeitete dort als Kabinettschefin im Arbeitsministerium und war direkt in die sozialpolitische Reformagenda eingebunden.

Der Eintritt der Kommunistischen Partei in Bachelets Regierung veränderte das politische Gleichgewicht, das aus der Transition hervorgegangen war. Zum ersten Mal seit der Unidad Popular war die KP wieder Teil der staatlichen Exekutive. Die Erwartungen waren hoch: Die Zeit des politischen Übergangs seit Ende der Militärdiktatur war erschöpft, und die Gesellschaft verlangte nach tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die jedoch immer wieder am Verfassungsgericht scheiterten. Das Scheitern dieses Regierungsprojekts – blockiert durch die Christdemokratie und die verfassungsrechtlichen Grenzen – bedeutete das endgültige Ende der Concertación (ehemalige Mitte-links-Koalition, Anm. d. Red.). Doch für die KP war es eine Lehre: Die Kritik am Neoliberalismus musste durch Regierungserfahrung ergänzt werden.

Der Zusammenbruch der Nueva Mayoría ebnete den Weg für die Rückkehr der Rechten an die Macht. Ohne koordinierte Opposition zahlte Sebastián Piñeras Regierung den Preis für ihre autoritäre Gleichgültigkeit. Im Oktober 2019, nach Wochen von Schüler*innenprotesten, die brutal unterdrückt wurden, brach eine spontane Volksrevolte aus. Die sozialen Forderungen des letzten Jahrzehnts verbanden sich zu einer der tiefgreifendsten Massenbewegungen in der Geschichte des Landes.


Die enorme Breite der Proteste öffnete die Möglichkeit einer strukturellen Transformation Chiles. Das parlamentarische Abkommen zur Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung – an dem die KP nicht teilnahm – sollte die vielfältigen Forderungen der Straße institutionell kanalisieren.


Während des verfassungsgebenden Prozesses und der Präsidentschaftskampagne 2021 versuchte die KP, ihre beiden Seelen – die militante und die institutionelle – miteinander zu versöhnen. Sie stellte Daniel Jadue als Präsidentschaftskandidaten innerhalb der Koalition Apruebo Dignidad gegen Gabriel Boric auf. Jadues Niederlage signalisierte den Übergang zu einem versöhnlicheren Führungsstil. Doch ausgerechnet der Wahlsieg von Gabriel Boric brachte die KP ins Zentrum der neuen Regierung.


Jara übernahm das Arbeitsministerium und etablierte sich mit Rentenreformen, Mindestlohnerhöhungen und einer gestärkten Sozialpartnerschaft als prägende Figur des pragmatischen Flügels. Sie war eine Politikerin, die aus der Militanz kam, aber die institutionellen Grenzen kannte. Während der orthodoxere Parteiflügel in der Allianz mit dem Frente Amplio einen Verrat an den Prinzipien sah, verkörperte Jara die Möglichkeit, zu verändern, ohne zu zerbrechen. Das Scheitern des Verfassungsprozesses und die juristischen Verfahren gegen Jadue vertieften die inneren Spannungen. Dennoch gelang der KP etwas Einzigartiges: moralische Kohärenz und Regierungskompetenz zu vereinen. Jaras Pragmatismus war keine Anpassung, sondern eine Strategie, das System von innen heraus zu halten – eine Linke, die umverteilt und gleichzeitig die demokratische Institution gegen den autoritären Vormarsch verteidigt.

Die Regierung von Gabriel Boric wird in Erinnerung bleiben als der Versuch, die progressive Kraft Chiles neu zu formieren – mit einer klar sozialdemokratischen Ausrichtung. Doch dieser Ansatz erwies sich als unzureichend. Mit dem Scheitern des Verfassungskonvents ging die Chance verloren, die während der Diktatur verankerten institutionellen Grundlagen neu zu gestalten. Zugleich wandelte sich das politische Klima rasant: Vor fünf Jahren sprach man noch davon, dass „Chile erwacht“ sei; heute dominieren konservative und autoritäre Tendenzen.

Die veränderte politische Landschaft der Präsidentschaftswahl


Angesichts der aktuellen rechten Projekte – vom technokratischen Neoliberalismus einer Evelyn Matthei über den restaurativen Nationalismus eines José Antonio Kast bis zum libertären Individualismus eines Johannes Kaiser – präsentiert Jara einen Ansatz des stabilen, umverteilenden Reformismus. Ihr Ziel ist nicht die Neugründung des Staates, sondern seine Reorientierung hin zu sozialer Gerechtigkeit: die Ausweitung von Arbeitsrechten, die Stärkung sozialer Sicherungssysteme und die Wiederherstellung des Vertrauens der Bürger*innen in den Staat. In Zeiten der Krise erhält ihr Pragmatismus eine politische Bedeutung: Regieren heißt auch Widerstand leisten.

Dass eine kommunistische Kandidatin heute reale Chancen auf die Präsidentschaft hat, zeugt nicht nur von einem Wandel der Wähler*innenschaft, sondern von einer KP, die bereit ist, sich anzupassen und zu regieren. Jeannette Jara verkörpert dieses kollektive Lernen: eine Generation, die zwischen der Erinnerung an die Diktatur und der Ernüchterung des Übergangs zur Demokratie heranwuchs und erkannt hat, dass Wechsel Macht erfordert – nicht nur Kritik.
Ihre mögliche Wahl in den Regierungspalast La Moneda würde ein historisches Kapitel schließen: das der politischen Marginalität der Kommu-*nistischen Partei, und zugleich ein neues eröffnen, in dem Pragmatismus keine Konzession mehr ist, sondern eine Strategie. Jaras Projekt ist nicht heroisch, sondern beharrlich: die demokratische Institution als letzte Bastion gegen den gesellschaftlichen Rückschritt zu verteidigen.


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