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Rudern in den Zeiten der Informationsflut

Am Anfang sind ein immenser Sturm und ein heftiges Niesen aus dem Off. Palmen erzittern in grünlichem Licht, das Meer tritt über die Ufer und reißt Häuser und Straßen, Autos und Tele-graphenmasten mit sich. So beginnt Fernando Birris Videocollage „Das Jahrhundert des Windes“ nach dem dritten Band von Edu-ardo Galeanos „Erinnerungen an das Feuer“. Dann der Sprung zurück zur Jahrhundertwende: Das neue Zeitalter kündigt sich mit Pauken und Manifestationen, mit glühenden Birnen und ratternden Maschinen an. Ein historisches Schlaglicht nach dem anderen. Während im Norden des amerikanischen Kontinentes ein gewisser Thomas Alva Edison die Apparate erfindet, die Bilder zum Laufen bringen und Stimmen über Tausende von Kilometern tragen, ist in Brasilien Santos Dumont mit der Konstruktion der unglaub-lichsten Flugkörper beschäftigt. Weibsbilder, die sich Sufragetten nennen, demonstrieren auf den Straßen von New York dafür, daß „niemand das Eigentum eines anderen“ ist. So viel Aufbruch war nie. Währenddessen wird in einem entlegenen, ärmlichen Dorf in El Salvador ein gewisser Miguel Mármol geboren. Im Laufe des Jahrhunderts wird er lernen, dem Tod immer wieder von der Schippe zu springen.

Informationsflut statt Experimente

Birris „Jahrhundert des Feuers“ ist ein bunter Geschichtsbilderbogen, der die wichtigsten Ereignisse zwischen 1900 und 1984 – dem Jahr, als Galeano seine Trilogie abschloß – an den ZuschauerInnen vorbeiflimmern läßt: Emiliano Zapata und Buster Keaton, die Entstehung des Jazz und der Wallstreet Crash, Tina Modottis Fotos und Henry Fords Autos, der Tod von Sandino und Carlos Gar-del, die „Sexbombe“ Rita Hay-worth und die Atombombe von Hiroshima – um nur Streiflichter aus den ersten 50 Jahren zu erwähnen.
Eduardo Galeano agiert nicht nur als Geschichtserzähler aus dem Off, sondern spricht zwischendurch auch direkt in die Kamera, in einem Caféhaus sitzend und philosophierend. Diese statische Art der Inszenierung und die der Literaturvorlage folgende Aneinanderreihung historischer Ereignisse lassen den Film ein bißchen wie Geschichtsunterricht im Schnelldurchlauf erscheinen. Die verspielte und experimentelle Art, die sonst so typisch ist für Birri (siehe sein Dokumentarfilm „Che: Tod der Utopie?“, LN 279/80), nimmt sich diesmal zugunsten der Informationsflut zurück. Die einzige Ausnahme ist die Geschichte von Miguel Mármol und seinen wundersamen Wiedergeburten, die sich in anekdotischen Sequenzen durch den ganzen Film zieht. Von Galeano nach den Erinnerungen des echten Miguel Mármol aufgezeichnet, inszeniert Birri die Historie des Campesino aus El Salvador, welcher der staatlichen Repression immer wieder in letzter Sekunde entkommt, als subversives Kasperletheater.
Inmitten bunter Kulissen, die so niedlich daherkommen wie guatemaltekische Sorgepüppchen, wird von geflohenen Campesinos und ermordeten Studentinnen erzählt. Und zum Schluß des Films, wenn (fast) alle ZuschauerInnen überzeugt sind, daß es sich hier nur um eine revolutionäre Legende handeln kann, wird das Foto von einem alten, freundlich und bescheiden lächelnden Herrn eingeblendet: Miguel Mármol.

Ein Resümee kurz vor der Jahrhundertwende

Um das wilde Geschichtspotpourri zu strukturieren, tauchen immer wieder Zwischentitel auf, wie etwa „Von der Explosion der Atombombe zur kubanischen Re-volution“ oder „Vom Mai ’68 (dem Massaker in Mexiko-Stadt, d. V.) zum Zusammenbruch des autoritären Sozialismus“. – Und was kommt danach? Vom „Ende der Geschichte“, das einige Stimmen groteskerweise nach dem Fall der Sowjetunion prognostizierten, kann ja keinesfalls die Rede sein. Galeano, der sein Buch „Das Jahrhundert des Sturms“ vorwitzigerweise schon 1984 beendet hatte, versucht nun, kurz vor der Jahrhundertwende, ein Resumée zu ziehen und einen Ausblick zu wagen. „Noticias del fin del siglo“ – „Nachrichten vom Ende des Jahrhunderts“: Da ist von ei- ner „Wolke aus Moskitos“ die Rede, von „tausendundeiner neuen Kraft, die überall aus
dem Boden sprießt“, sowie von
– Miguel Mármol läßt die Zapatisten und die Landlosenbewegung Brasiliens grüßen– „einer gewissen Tendenz zu Wiedergeburt“. Jedoch – und da verschwimmt die Spur am geschichtlichen Horizont schon wieder: „Die Wahrheit liegt, wenn sie tatsächlich existiert, in der Reise und nicht im Hafen“.

“El siglo del viento“; 1998 Regie: Fernando Birri, Video, Farbe, ca. 85 Minuten.
Der Film wird im Forum der Berlinale zu sehen sein.

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