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“Rumba ist ein Lebensgefühl, nicht nur Musik”

LN: Bei kubanischer Musik fällt vielen zuerst Salsa oder Son ein. Warum hast Du Dich so in­tensiv mit Rumba beschäftigt?

Cristina Piza: Salsa existiert nicht, Salsa ist kein Rhythmus, Rumba ist Rhythmus. Rumba ist der Anfang von allem. Hier in Europa wissen wir ein­fach nicht, daß es Rumba ist, was wir hören. Die Rumba ist die Mutter aller kubanischen Rhythmen. Ich kann mir nichts vorstellen, was
kubanischer ist als die Rumba.

Gilt das auch heute noch?

Die Rumba ist immer noch lebendig, aber es ist heute schwierig, eine gute rumba de solar zu fin­den. Havanna zerfällt und damit auch die solares. Der solar de Africa zum Beispiel ist schon eine Ruine. Darüberhinaus braucht man neuerdings eine Erlaubnis, um eine Rumba auf der Straße zu ma­chen.

Warum denn das?

Ich weiß es nicht. Den rumberos sagen sie, es sei wegen der “Sonderperiode”. Eine offizielle Erlaubnis für eine Rumba – das ist eine der Dinge, die ich nie verstehen werde.

Hast Du das Gefühl mit “Rumba del solar” Fotografien von etwas gemacht zu haben, das langsam stirbt oder zerfällt wie Havanna?

Nein eigentlich nicht. Zum einen sind die rum­beros, mit denen ich sprach und die ich fotogra­fierte, dafür viel zu lebendig. Du mußt verstehen, Rumba ist ein Lebensgefühl, nicht nur Musik. Sie ist unsterblich, weil sie Teil des Lebens auf Kuba ist. Sicher, sie verändert sich, aber das ist wie mit dem Wassertrinken in Deutschland. Auch wenn es nicht mehr aus der Leitung, sondern aus der Flasche getrunken wird, bleibt es doch immer Wasser.

Ist Rumba eine Musik der Schwarzen?

Es sind vor allem Schwarze, die die Rumba spielen und feiern, aber genauer wäre es zu sagen, daß sie eine Musik der Armen ist, von denen na­türlich wiederum die meisten schwarz sind. In den feineren Gegenden Havannas, wie in Miramar, wo fast nur Weiße leben, hört niemand Rumba. Natürlich gibt es jetzt auch Rumba, die gefördert wird, zum Beispiel als Attraktion für Touristen. Aber dieser Rumba fehlt etwas. Bei der echten wird gesoffen, da wird gerangelt und gekämpft, je­der kennt die Tänzer und die Musiker, es ist ein­fach wunderbar.

Hast Du Dich vor Deinem Projekt über Rumba informiert?

Da ist wenig aufgeschrieben. Um sie zu verste­hen, mußt du sie ohnehin vor allem fühlen. Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben. Sie ist partizipativ, und deshalb ist es geradezu fa­tal, sie in feste Bahnen lenken zu wollen. Vieles entsteht im Moment, wenn Du versuchst, sie festzuhalten, stirbt sie.

Aber sind nicht deine Fotografien der Versuch, genau das zu tun, nämlich den Augenblick einzu­frieren?

Nein, die Fotografien sollen ja nicht erzählen, was die Rumba ist. Ich habe sie gemacht, um das Leben in den Seitenstraßen und Hinterhöfen Havannas zu zeigen; die Rumba ist Teil davon. Ich hoffe, es ist mir gelungen, die Atmosphäre einzu­fangen, in der die Rumba entsteht. Meine Bilder sollen die Rumba in einen Kontext setzen. Ich halte das für ausgesprochen wichtig.

Also doch mehr als ein Gefühl, ein Moment.

Ja, denn ich wünsche mir, daß lateinamerikani­scher Musik wirklich wieder zugehört wird. Was mit ihr zur Zeit vor allem verbunden wird, ist Party, Party, Party. Sie ist viel zu schön, um nur auf den Party-Effekt reduziert zu werden.

Cristina Piza lebt als freie Fotografin in London und Berlin. Sie befaßt sich seit vier Jahren mit der Alltagskultur Havannas. Ihr jüngstes Projekt ist die Rumba. Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien suchen die Menschen und das Ritual der Rumba in allen Facetten.
Fotografien aus “Rumba del solar” sind über den LN-Musikschwerpunkt verteilt.

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