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Salat gegen Schlaflosigkeit

Vanessa Barbaras kriminologischer Roman Salatnächte beschreibt den in mancher Hinsicht recht kuriosen Alltag der Bewohner*innen eines brasilianischen Dorfes. Der Protagonist, der alte Witwer Otto, trauert um seine plötzlich verstorbene Frau Ada, die ihm stets Salattee gegen seine Schlaflosigkeit kochte. Auch der Kontakt zu den Nachbar*innen war eine Aufgabe, die seine Frau auszufüllen liebte. Ada war sehr gesellig und oft bei den Nachbar*innen zu Besuch. Otto hingegen reduzierte Gespräche auf das Nötigste und saß lieber allein zu Hause auf dem Sofa. Nach 50 Jahren Ehe ist er nun allein. Und sieht sich mehr denn je mit seinen Nachbar*innen konfrontiert. Alle Dorfbewohner*innen haben sehr unterschiedliche und teils skurrile Persönlichkeiten, die die Autorin im Verlauf der Geschichte genauer beschreibt. Die komischen Angewohnheiten und besonderen Charaktereingenschaften der Einwohner*innen geben der Geschichte ihren Lauf und führen schließlich zum Kern des Romans, dem Zwischenfall.

Da ist zum einen der schusselige Postbote, der gern singend seine Briefe austrägt, die Adressaten und Postkästen verwechselt und somit für Chaos sorgt. Zum anderen lebt dort Nico, der Apothekenhelfer, der Otto regelmäßig seine Medizin bringt. Mit großer Hingabe testet er die unterschiedlichsten Medikamente und kennt außerdem alle Beipackzettel und Nebenwirkungen auswendig. Der ehemalige japanische Unteroffizier Taniguchi, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte und viele Jahre als Widerstandskämpfer im philippinischen Dschungel verbrachte, lebt nun ebenfalls seit geraumer Zeit ebenfalls in dem Dörfchen und verliert langsam sein Gedächtnis. Eine weitere Nachbarin ist Mariana, die sich mit Vorliebe nachts ein Erdbeer-Joghurtgetränk mixt und damit Otto um seinen Schlaf bringt. Wenn er wieder einmal von diesem Geräusch geweckt wird, weiß er, dass ihr Mann wie so oft nicht zu Hause ist. So bekommt der alte Witwer, obwohl er aus Trauer und Gewohnheit kaum das Haus verlässt, doch fast das gesamte Dorfleben mit. Die Hauswände sind nämlich dünn und Otto kann gut hören.

Allmählich erfährt der Protagonist immer mehr über seine Nachbar*innen und deren Leben. Dafür sorgen auch seine Grübelei und die Erinnerungen an seine verstorbene Frau Ada. Dadurch sieht er sich aber wiederum neuen Fragen gegenüber: Warum hat seine Nachbarin Iolanda neuerdings eine Bügelgehilfin, die nicht bügeln kann? Warum findet er einen riesigen Tacker im Eimer seiner Abstellkammer, der nicht ihm gehört? Und warum braucht die Gemeinde plötzlich eine neue Kirmesplane? So kommt er Schritt für Schritt einem unglücklichen Ereignis, dem Zwischenfall, auf die Spur, an dem auch seine Frau beteiligt war. Diese Tatsache hatte sie ihm jedoch verheimlicht.

Die Autorin verknüpft in diesem Roman geschickt die unterschiedlichen Erzählstränge von Figuren und Geschehnissen im Dorf und leitet so die Handlung hin zum großen Geheimnis. Zusammen mit Otto können sich die Leser*innen auf Spurensuche begeben und den Hinweisen folgen. Nach und nach kann man dann erahnen, was genau bei jenem Zwischenfall passierte. Über die ein oder andere präzise geschilderte Einzelheit mag man zwar sich wundern, aber Vanessa Barbara schafft es, diese scheinbar belanglosen Details zu einer kohärenten Geschichte zu verbinden. Eine leichte und teils sehr humorvolle Lesekost.

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