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Schadenfreude und Neid

Vorwärts und alles vergessen“, könnte die Parole derjenigen in Brasilien lauten, die heute die argentinische Katastrophe bejammern. „Meinem Freund Domingo Cavallo gelingt es in erster Linie auf Grund der wachsenden Wettbewerbsfähigkeit der argentinischen Ökonomie, die Parität zwischen Peso und Dollar zu bewahren“, schrieb Brasiliens Wirtschaftsminister Malan zu andern Zeiten. Dies aber sollte weder in Brasilien noch anderswo vergessen werden. Auch wenn sich in letzter Zeit warnende Stimmen gemehrt hatten, so galt Argentinien doch lange Zeit als Musterfall gelungener Stabilitätspolitik, vor allem in den unruhigen Zeiten der Asienkrise 1998/99. Von vielen argentinischen, brasilianischen und internationalen Ökonomen wurde Brasilien geraten, dem Currency Board Modell (vgl. nachfolgenden Artikel), der Bindung der eigenen Währung an den US-Dollar, des Nachbarlandes zu folgen. Dass Präsident Fernando Henrique Cardoso in den turbulenten ersten Monaten des Jahres 1999 eine andere Entscheidung fällte, seinen damaligen Zentralbankchef und Währungsstabilitätsfanatiker Gustavo Franco entließ und den Real abwertete, wird wohl als einer der Pluspunkte seiner Regierung in die Geschichte eingehen.

„Brasilien ist nicht Argentinien – der Regierung sei Dank.“

Ausgangspunkt dieser Lesart ist ein vielleicht doch überraschender Tatbestand: Die argentinischen Unruhen haben Brasilien sowie andere Schwellenländer und damit die Weltwirtschaft (bis jetzt) erstaunlich wenig tangiert. Während nach dem 11. September und den ersten Anzeichen des bevorstehenden Zusammenbruchs in Argentinien der Dollar nach oben schnellte, erholte sich die brasilianische Währung Real ab November kontinuierlich, und die Börse kompensierte in den letzten Wochen fast die im Laufe des Vorjahres akkumulierten Verluste. Die internationalen Anleger – so die Regierung – hätten inzwischen gelernt, zwischen spezifischen Situationen der Länder zu unterscheiden. Für Fondsmanager anscheinend eine erstaunliche Intelligenzleistung. So hat Argentinien nicht wie Russland einen Sog erzeugt, der alle Schwellenländer mit sich zog, nicht einmal Brasilien.
Das Vorgehen der Regierung hat noch eine andere Pointe: Brasilien ist nicht da, wo Argentinien heute ist, dank der weisen Wirtschaftspolitik von Präsident Cardoso, Wirtschaftsminister Malan und Zentralbankchef Fraga, die 1999 die Abwertung (spät, aber nicht zu spät) des Reals manageten. Damals hatte sich Brasilien harsche Kritiken aus Buenos Aires anhören müssen, heute sieht sich die brasilianische Regierung auch durch die Geschichte bestätigt.

„Brasilien ist nicht Argentinien – leider.“

Das ist eine Variante, die öfter auf den Straßen und in Bars zu hören ist und auch durch manchen Zeitungsartikel durchschimmert. Bei aller Rivalität wird hier der Mobilisierung des argentinischen Volkes Respekt gezollt. Die Massen haben sich gegen den Neoliberalismus erhoben – und das wünscht sich ein Teil der Linken denn doch auch für Brasilien. Damit eng verbunden ist eine analytischere Leseart: Brasilien ist nicht Argentinien, aber soll(te) es werden. Argentinien wird hier als ein gescheiterter Musterschüler neoliberaler Konzepte gesehen. „Die argentinischen Regierungen und ihre Ökonomen haben die Empfehlungen der Washingtoner Institutionen bis auf die ultraliberale Spitze getrieben, bis zur Gefahr, die argentinische Nation zu zerstören“, schreibt Maria da Conceição Tavares, Wirtschaftstheoretikerin der Arbeiterpartei PT. Am argentinischen Beispiel werden die Absurditäten neoliberaler Konzepte und das Scheitern einer totalen Stabilitätsfixierung deutlich, für die das Volk nur noch als Störfaktor auftaucht. Dies ist als Warnung für Brasilien verstanden und als ein Argument, sich von neoliberalen Rezepten in Brasilien weiter abzukehren. Und damit sind wir im Wahlkampf. Im Oktober stehen Präsidentschaftswahlen an, und während die Opposition aus dem Scheitern neoliberaler Politik im Nachbarland Argumente für eine Wende ziehen will, sieht das die Regierung ganz anders:

„Brasilien ist nicht Argentinien – und darf es nicht werden.“

Die Weisheit der jetzigen Regierung hat das Land durch die gefährlichen Klippen der letzten Krisen gesteuert – und so soll es bleiben. Deshalb ist Kontinuität angesagt und keinesfalls Experimente mit inkompetenten Oppositionsparteien. Die argentinische Katastrophe hat in dieser Lesart nichts mit Neoliberalismus zu tun, sondern mit Inkompetenz und politischer Willkühr. Die Opposition und insbesondere die PT, deren Kandidat Lula alle Umfragen anführt, zeigt sich zunehmend besorgt. „Es ist eine Marketing-Operation im Gange, die das Bild der PT mit aktuellen Ereignissen in Argentinien in Verbindung setzten will. Die Kampagne wird von der nationalen Rechten organisiert, die hier dieselbe Politik anwendet, die Argentinien in die Katastrophe geführt hat“, äußert der Parlamentsabgeordnete der PT Walter Pinheiro.

KASTEN

Reaktionen aus Chile

Mit Dollarschwankungen und Einbußen an der Börse hat Chile auf die wirtschaftliche und politische Krise in Argentinien reagiert. 15,4 Prozent der chilenischen Auslandsinvestitionen gingen bisher ins Nachbarland. Das sind seit 1990 etwa 13 Milliarden US-Dollar und damit etwa 18 Prozent der Gesamteinnahmen der chilenischen Unternehmen. Dass Argentinien Verzögerungen für die Zahlung von annähernd 200 Millionen US-Dollar im Exportbereich ankündigte, hat zu einem Besuch des chilenischen Botschafters im argentinischen Regierungspalast geführt, um Garantien für eine Normalisierung der Finanzbeziehungen zu erreichen.
Auch wenn bisher keine größeren wirtschaftlichen Probleme in Chile direkt auf die Argentinien-Krise zurückgeführt werden und der Internationale Währungsfonds ausdrücklich „keine Anzeichen von Ansteckung” festgestellt hat, gehen Finanzexperten davon aus, dass die Krise die Reaktivierung der angeschlagenen chilenischen Wirtschaft verlangsamen wird. Die Nationalbank hat bereits mit Zinssenkungen reagiert.
SG

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