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Schattenboxen mit Hugo

Simón Bolívar erlebt gerade einen neuen Frühling. Die „Bolivarische Republik“ Venezuela trägt den Namen des libertador (Befreiers) und so entsteht logischerweise auch Bedarf nach Biografien, die das Leben des Mannes, der Südamerika den Spaniern entriss, für die heutige Zeit beschreiben. In Deutschland hat sich Norbert Rehrmann der Heldengestalt angenommen und in jeder Bewertung dieser Figur schwingt eine unterschwellige Ablehnung Hugo Chávez’ mit. Er stilisiert Chávez zum Wiedergänger Bolívars – als der er sich selbst wohl auch gerne sieht. Aber Rehrmanns Bolívar ist ein „Diktator“, „Erotomane“, „ruhmverliebter Aristokrat“, der sich durch einen „schier maßlosen Sexualappetit“ auszeichnet. Mit solch einem Helden in „menschlich-tragischer Pose“ mag niemand verglichen werden.
Bei Rehrmann ist die Auseinandersetzung mit dem Leben von Bolívar so zu einem Schattenboxen mit Hugo Chávez verkommen. Nichts spricht dagegen, den Bolívar-Kult in Venezuela in Frage zu stellen. Aber nicht auf diese Weise. Rehrmann ist Historiker. Als solcher müsste er eigentlich wissen, dass er eine historische Persönlichkeit nur dann verstehen kann, wenn er sich mit ihrer Epoche auseinandersetzt. Nun ist er zweifelsohne ein Experte für lateinamerikanische Geschichte, das Handwerkszeug steht ihm also zur Verfügung. Aber Bolívars Wirken zu Beginn des 19. Jahrhunderts ordnet er nicht in die Zeit ein. Für ihn ist er der abgehobene Aristokrat, der nichts mit dem Volk zu tun haben wollte, die Sklaverei nur scheinbar abschaffte und der einen realitätsfernen Zentralismus forderte. Um eine solche Bewertung vorzunehmen, müssten zuerst konkrete Alternativen zur Politik auf der Basis der historischen Wirklichkeit diskutiert werden. Dann wäre eine moralische Bewertung kein Problem, realitätsgerecht versteht sich. Bei Rehrmann hingegen steht das moralische Urteil von vornherein fest. Allein der Schriftsteller Bolívar bekommt Gnade vom Biografen, der ihn ansonsten als liebestollen Caudillo beschreibt, dem lieber keine Armee, geschweige denn ein Staat anvertraut werden sollte.
Rehrmann schreibt mit leichter Feder und anschaulich. Der Lesefluss wird nur gestört durch die Verärgerung über seine eingestreuten moralinen Bewertungen der Hauptperson. Insgesamt ist dem Autor ein dichter und in sich schlüssiger, essayistischer Text gelungen, der aber aufgrund seiner faktischen Mängel nicht einmal mit größerem Gewinn gegen den Strich gelesen werden kann. Die Darstellungsart und vor allem das offenkundige Ziel des Buches, mit der Dekonstruktion des Helden Bolívar auch Chávez zu diskreditieren, ist vor allem Wasser auf die Mühlen derer, die es schon immer gewusst haben: Venezuelas Präsident ist ein Spinner, die Wiederkehr Bolívars als Farce.
Wer sich auf Deutsch mit Leistungen und Grenzen des libertador beschäftigen will, dem sei Michael Zeuskes aktuelle Gesamtdarstellung der venezolanischen Geschichte ans Herz gelegt. Seine Bewertung von Bolívar als „Utopist, Visionär und Realist“ hält bei allen menschlichen Beschränkungen und Widersprüchen, die sich in dessen Werk und Leben zeigen, der Analyse stand. Rehrmann trifft bei seinem Schattenboxen hingegen die Luft.

Norbert Rehrmann // Simón Bolívar. Die Lebensgeschichte des Mannes, der Lateinamerika befreite // Wagenbach // Berlin 2009 // 238 Seiten // 19,90 Euro

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