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Schmuggeln für die Hochzeitsfeier

Das mediale Gesicht des Drogenhandels ist gezeichnet durch Gewalt. Berichte von Schießereien, Armeeeinsätzen und unkontrollierbarer Korruption sind angesichts von 3.200 Todesfällen im Krieg um Drogen alleine dieses Jahr fast schon an der Tagesordnung. Jenseits davon bedingt der Drogenhandel aber auch einen weniger spektakulären gesellschaftlichen Wandel.
Wie sieht der Alltag aus in einem Ort an der US-amerikanisch/mexikanischen Grenze, in dem viele Menschen ihr Geld mit Fluchthilfe und Drogenschmuggel verdienen?
Damit hat sich die mexikanische Ethnografin Natalia Mendoza Rockwell in ihrem Buch Conversaciones del Desierto (Gespräche in der Wüste) beschäftigt. Acht Monate hat die Autorin in Santa Gertrudis im Norden des Bundesstaates Sonora verbracht und ihre Hauptthese entwickelt, dass der Drogenhandel nicht losgelöst vom normalen gesellschaftlichen Leben auf abgelegenen Ranches abgewickelt wird, sondern zahlreiche Akteure in seine Praxis involviert sind und er es durch diese breite Beteiligung und seine große wirtschaftliche Macht geschafft hat, das Leben und die ethischen Maßstäbe der örtlichen Bevölkerung auf den Kopf zu stellen. Zwar ist es im Ort nicht gerne gesehen, wenn man sein mit Drogenschmuggel verdientes Geld zur Schau stellt, de facto sind aber inzwischen viele bereit, ein paar Kilo Marihuana im Geheimfach ihres Pickups über die Grenze zu schmuggeln, um z.B. für die Kosten ihrer Hochzeitsfeier aufkommen zu können.
In Santa Gertrudis fühlen sich die Bewohner paradoxerweise weniger durch die mit dem Drogenhandel einhergehende Gewalt bedroht, sondern identifizieren Gefahr für sich und ihren Besitz mit allem Auswärtigen und speziell mit den zahlreichen, durchreisenden MigrantInnen, für die Santa Gertrudis den Ausgangspunkt ihres illegalen Grenzübertritts darstellt. Obwohl fast alle Ortsbewohner auf unterschiedliche Weise Geld mit ihnen verdienen (mit Gasthäusern, Restaurants oder als Coyotes, FluchthelferInnen, die die MigrantInnengruppen nachts durch die Wüste führen), werden die MigrantInnen dafür verantwortlich gemacht, dass sich im Ort Unsicherheit breit mache und die alte Vertrautheit der Vergangenheit angehöre.
Methodisch basiert das Buch auf den ausführlichen Interviews, die Natalia Mendoza Rockwell mit vielen BewohnerInnen von Santa Gertrudis geführt hat. Da sie in ihrer Jugend einige Jahre in dem Ort gelebt hat, war sie mit einem gewissen Vertrauensvorschuss ausgestattet, so dass auch sonst skeptische InterviewpartnerInnen offen und ehrlich ihre Meinung sagten. Es beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit und Gründlichkeit sie die sozioökonomischen (Überlebens-) Strategien vor Ort untersucht hat und sich dabei jeglichen moralischen Urteils enthält. Dabei ist Mendoza Rockwells Vorgehensweise transparent und ihre Ausführungen gut lesbar sowie aufgrund des Humors einiger ihrer Gesprächspartner sehr unterhaltsam. Sie macht auch für weit entfernt lebende LeserInne eine Facette der weltweiten Phänomene des Drogenhandels und der Migration greifbar und trägt so dazu bei, die sensationsheischende Berichterstattung der Mainstreammedien zu kontrastieren. Das Buch ist bislang nur auf Spanisch erhältlich.

Natalia Mendoza Rockwell // Conversaciones del desierto // Editorial Centro de Investigación y Docencia Económicas // Mexiko- Stadt 2008 // 282 Seiten

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