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Schreiben in Zeiten des Grauens

In Mexiko überflügeln die Realitäten bisweilen die Fiktion. Es ist ein Land, dessen tragische Gegenwart durch abstrakte Zahlen kaum zu erfassen ist. Allein der angebliche Krieg gegen die Drogen hat seit 2007 mindestens 130.000 Todesopfer gefordert. Fast 30.000 Menschen gelten zudem als verschwunden, das heißt sie sind möglicherweise in einem der zahlreichen Massengräber verscharrt. Bei genauerer Betrachtung verschwimmen die Konturen in diesem Krieg, es ist nicht offen erkennbar, wer eigentlich auf welcher Seite steht. Literatur kann sich diesem Grauen auf verschiedene Arten nähern. Der US-Amerikaner Don Winslow etwa schilderte die Geschichte und Gewalt der Drogenkartelle in seinem großen Thriller Tage der Toten derart realistisch, dass man beim Lesen manchmal dazu neigt, ihm maßlose Übertreibung und billige Effekthascherei vorzuwerfen. Der Chilene Roberto Bolaño wählte in seinem epochalen Roman 2666 die Form von Polizeiberichten, um auf hunderten, kaum zu ertragenden Seiten am Stück detailreich den Zustand von in Santa Teresa (Ciudad Juárez) gefundenen Frauenleichen zu beschreiben.
Einen anderen, unerwarteten Zugang findet der mexikanische Autor Yuri Herrera. Dessen drei zunächst unabhängig voneinander veröffentlichte Kurzromane sind im vergangenen Jahr unter dem Titel Der König, die Sonne, der Tod als „Mexikanische Trilogie“ auf Deutsch erschienen. Den ersten Teil Abgesang des Königs brachte der Fischer-Verlag 2011 bereits separat heraus, ohne dass Kritik und Leser*innen diese grandiose, allegorische Erzählung angemessen gewürdigt hätten. Sie handelt von Lobo, dem sein Vater einst nichts als ein Akkordeon mit auf den Weg gegeben hat. Als Sänger von narcocorridos lässt er sich vereinnahmen und preist die Heldentaten eines Drogenbosses „hingebungsvoll wie eine Hymne und energisch wie ein Ausrufer“. Den Drogenboss stilisiert Herrera als König, den Untertanen um Gefallen bitten und vor dem die Untergebenen des Hofstaates buckeln müssen, wenn sie am Leben bleiben wollen. Irgendwann merkt Lobo, dass die Gunst des Königs nicht von Dauer ist.
Im zweiten Kurzroman Zeichen, die vom Weltende künden macht sich Makina in Richtung USA auf, um ihren Bruder zu suchen. Für einen ihrer zwielichtigen Helfer nimmt sie ein Päckchen mit. Jenseits des Grenzflusses ist alles anders, ja sogar die Farbe des Himmels, der „ferner, weniger blau“ erscheint. Auch Makina beginnt sich zu verändern und die Reise nimmt einen anderen Verlauf als erwartet.
Im letzten, undurchsichtig und verwirrend komponierten Roman Körperwanderung versucht Alfaki schließlich inmitten bedrückender Endzeitstimmung zwischen zwei verfeindeten Banden zu vermitteln. Um die Akteur*innen herum grassiert derweil eine Epidemie, ein Verweis auf die 2009 in Mexiko ausgebrochene Schweinegrippe.
In den drei Geschichten sind die tragischen Themen Mexikos wie Drogenhandel, Migration an der Nordgrenze oder Gewalt stets präsent. Aber es gelingt Herrera gleichzeitig, diese im Hintergrund zu halten. Sie bieten den Kontext für zwischenmenschliche Erfahrungen seiner Charaktere, die ebenso in anderen Räumen oder Zeiten angesiedelt sein könnten. Und doch viel von dem heutigen Mexiko einfangen.

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