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Schreiben von den ZapatistInnen

Wären wir Politiker, dann würden wir in Hubschraubern herumfliegen und hätten eine gute Presse“, sagte Subcommandante Marcos im Januar in Yucatan. Da hatte er seine Rundreise durch Mexiko im Rahmen der „Anderen Kampagne“ gerade begonnen. Wie der junge Che Guevara hatte er sich auf einem Motorrad am 1. Januar 2006 aus der Autonomen Gemeinde La Garrucha in Chiapas aufgemacht. Bis Juni wird er noch unterwegs sein und in allen Bundesstaaten anhören, was für Probleme die Bevölkerung mit Korruption, Armut und Menschenrechtsverletzungen hat. 20 mexikanische Bundesstaaten hat er auf seiner dreieinhalb Monate andauernden Reise nun schon besucht. Mit Hunderten VertreterInnen von indigenen Organisationen, Bauernverbänden, mit SchülerInnen, StudentInnen und Frauenaktivistinnen hat er gesprochen.

Hofberichterstattung

Die mexikanische Presse verfolgt Marcos Reise durchaus. Immer dabei ist die linke Tageszeitung Jornada, die dazu jeden Tag eine Seite veröffentlicht. Detailliert beschreibt Reporter Hermann Bellinghausen, der schon seit Jahren über den Kampf der ZapatistInnen schreibt, jeden Schritt des Abgesandten, dokumentiert lange Passagen seiner Reden, erwähnt auch, wie viele Kilometer er an einem Tag gereist ist.
Bellinghausen beschränkt seine Berichterstattung auf die Perspektive der ZapatistInnen. „Nur ein Krieg im Südosten Mexikos kann den Staudamm La Parola durchsetzen“, zitierte er Marcos am 17. April. AktivistInnen aus Guerrero berichteten dem Sub von ihrem schwierigen Kampf gegen den ökonomisch wie ökologisch sinnlosen Staudamm, und vom Druck der Regierung, die damit droht, die Armee zu schicken. Am nächsten Tag reagierte Xochil Galvez, Direktorin des Instituts für indigene Angelegenheiten, auf Marcos’ Engagement gegen den Staudamm: Die Mehrheit der BewohnerInnen Guerreros seien für die Umsetzung des Projektes. Diese BefürworterInnen tauchen in Bellinghausens Artikel nicht auf. Zurecht, würde Marcos wohl sagen, denn seiner Ansicht nach spielen die Medien die Probleme um den Staudammbau normalerweise herunter.
Bellinghausens Artikel lesen sich wie zapatistische Hofberichterstattung. Doch sie wirken als Verstärker des wichtigsten Anliegens der „Anderen Kampagne“: Denen, die keiner hört, eine Stimme zu geben. Zugleich findet in der Jornada die lebendigste Debatte um die „Andere Kampagne“ statt. Dabei geht es weniger um ein für und wieder, ein ja oder nein zur Reise der ZapatistInnen, sondern eher um ein: „Ja, das ist nötig” und „Ja, aber.”
Die „Ja, aber”-VertreterInnen beziehen ihre Kritik meist auf den Umgang der Zapatistischen Armee zur Befreiung Mexikos (EZLN) mit der politisch organisierten Linken, also der PRD (Partei der Demokratischen Revolution) und deren Kandidat Andres Manuel Lopez Obrador (AMLO).
Nach dem Prinzip „Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde” entwickelte der argentinisch-mexikanische Philosoph Enrique Dussel, alter Verbündeter der ZapatistInnen, Anfang Januar die Theorie, dass eine Spaltung der Linken in „Andere Kampagne“ auf der einen und „Lopez Obradors Kampagne“ auf der anderen nur der Regierungspartei PAN zu Gute käme. Die beiden linken Bewegungen sollten jedoch zusammenarbeiten, so Dussel: Auf kurze Sicht muss AMLO die Wahlen gewinnen, auf lange Sicht können dann, mit dem PRD-Mann als Präsident, die ZapatistInnen ein besseres Mexiko schaffen. Diese Meinung vertritt auch der Philosoph Luis Villoro, der seinen Artikel Anfang April in der Jornada und auch im konservativen Diario de Yucatan veröffentlichte. In dem Regionalblatt erscheinen neben Debattenbeiträgen regelmäßig Fotokästen, die über Marcos Route und seine Treffen informieren.

Ja, aber

Für Villoro ist eine direkte Demokratie mit rotierenden Ämtern und Volksversammlungen, die auf Konsens basieren, ein Weg, aus Mexiko ein lebenswerteres Land zu machen. Doch wie kommt man dorthin? Laut dem Autor nur über den Weg der repräsentativen Demokratie, sprich, indem AMLO gewählt wird, um dann den ZapatistInnen einen Rahmen zu geben, in dem sie ihre Forderungen durchsetzen können. Die EZLN, so Villoro, rufe jedoch dazu auf, die Wahlen zu verweigern, was nur kontraproduktiv sei.
Marcos betonte dagegen immer wieder, dass die „Andere Kampagne“ mit den Wahlen schlicht nichts zu tun habe, dass jeder wählen könne, was er wolle und alle, die sich der anderen Kampagne angeschlossen haben, würden sowieso so weitermachen, wie bisher.
Diese Haltung findet der Historiker Leonardo Curzio „autistisch.” Ende Februar veröffentlichte er in der großen Tageszeitung Universal einen pessimistischen Kommentar. Keiner der drei Präsidentschaftskandidaten habe den MexikanerInnen Visionen oder Ideen zu bieten. Und die „Andere Kampagne“ sei autistisch, denn „letztlich ist Marcos’ Diskurs reine Bestandsaufnahme und politisch steril, weil er die Willensbildung der PAN und der PRI nicht beeinflusst, und noch viel weniger die der PRD.“ Das klingt nach: „Ja, aber“ – bitte gründet eine neue Partei.

Die Welle bricht

Auf der anderen Seite setzen AutorInnen Hoffnungen in die „Andere Kampagne“, sehen sie als etwas Unvermeidliches. „Die Welle bricht“ betitelte Luis Hernández de Navarro seinen Artikel Mitte Februar in der Jornada. Die Welle ist die „Andere Kampagne“, die immer mehr AnhängerInnen findet und sich Gehör verschafft. Hernández belegt das Interesse an der Reise der ZapatistInnen mit einem Blick auf die Homepage der Jornada:
Der Link zur Aktion der EZLN erhält mehr als doppelt so viele Anfragen wie der zu den offiziellen Präsidentschaftskandidaten. Das Wichtige an der Kampagne der ZapatistInnen und der zahllosen MitstreiterInnen ist für ihn, dass sie denen „von unten“ eine Stimme gibt, sie zu Subjekten macht: „Die Wahlkampagnen fragen sich: Was machen wir mit den Armen? Die „Andere Kampagne“ fragt sich: „Was machen wir mit den Reichen?“

Nixda PRD!

Die „Andere Kampagne“ kann nicht mit der PRD zusammenarbeiten, weil es keine Gemeinsamkeiten gibt, findet Gilberto Lopez y Rivas. Er antwortete damit eine Woche später in der Jornada auf Enrique Dussels „Ja, aber nur mit der PRD.“ In den vergangenen Jahren haben sich PRD und ZapatistInnen immer weiter distanziert, so López. Der völlige Bruch ging mit dem Scheitern des Autonomieabkommens von San Andres 2001 einher. PRD-Angeordnete stimmten damals für eine verwässerte Umsetzung, die den indigenen Gemeinden nicht den Status eines Subjekts öffentlichen Rechts einräumt.
Außerdem, so López weiter, sei die PRD in den letzten Jahren einem „ethischen Verfall“ anheim gefallen, während sich die ZapatistInnen treu blieben und in den autonomen Gemeinden mit ihren „guten Regierungsversammlungen“ ihre Visionen in die Realität umsetzten.
Noch bis Ende Juni wird Marcos – ohne Hubschrauber, mittlerweile aber mit Auto – durch Mexiko reisen und seinen GastgeberInnen zuhören. Was sie ihm erzählen, wird zumindest in der Jornada immer zu lesen sein.

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