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Shakespeares sinkendes Boot

Die Gegenwart ist schnell vorbei. Nachdem die Geschichte der Theatergruppe „The Great Will“ im Hier und Jetzt beginnt, lässt man diese Periode jschnell hinter sich und vergisst sie nahezu. Der Erzähler nimmt den Leser mit auf eine kleine Insel, auf der er einen alten Waichai Indianer trifft. Dieser beginnt nun wiederum die Geschichte der Theatergruppe zu erzählen, welche vor der Küste dieser Insel endete.
Der Roman des Argentiniers Leopoldo Brizuela, der sich aus Legende, realen Fakten, Fantasie und der Literatur Shakespeares zusammensetzt, bewegt sich Stück für Stück in die Vergangenheit zurück. Jeder erzählte Abschnitt endet mit einem weiteren Schritt in die Vergangenheit. Eine Methode, die trotz aller Erzählkunst ermüdend ist, da der Leser nie mit einer wirklichen Lösung belohnt wird, sondern immer weiter in die Vergangenheit vordringen muss, um zu verstehen.
Man erfährt von einer Gräfin, die als junges Mädchen von ihrem Vater an den Zirkus übergeben wurde. Seitdem war sie auf der Suche nach dem Ursprung ihres Schicksals und die Schauspieler der Gruppe hofften mit der Gräfin als Leiterin wieder auf neuen Ruhm.
Weiter zurück geht es zu der Zeit, als die Schauspieler erfolgreich durch die Länder zogen, zurück, bis hin zu Shakespeare selbst. Er schloss sich der Gruppe nicht nur an, sondern hinterließ ihr seine Stücke. Im Laufe der Zeit wurde diese Hinterlassenschaft ein immer belastenderes Erbe, da das Publikum sowohl den Bezug wie auch das Interesse an Shakespeares Stücken verlor.
„Will“ bedeutet im englischen auch „Testament“ und so zog “The Great Will“ weiter durch die Lande – auf der Suche nach Idealen und um seine Mission zu erfüllen. Selbst als die englische Schauspieltruppe mit einem italienischen Zirkus zusammengelegt wurde, gaben sie ihre Liebe und Treue zu Shakespeares Sprache nicht auf.

Von Panama
nach Patagonien
Schließlich verschlug es sie an die Küste Amerikas, wo sie anlässlich der Einweihung des Panamakanals auftraten. Dort feierten sie die so lang ersehnten Erfolge und wurden schließlich eingeladen, wieder nach England zurückzukehren. Alle Träume und Hoffnungen schienen sich zu erfüllen, doch die Gräfin hatte andere Pläne. Sie tauschte die Almighty Word, das Schiff, auf dem die Schauspieler schon seit Shakespeares Zeiten die Küsten entlang gesegelt waren, gegen den klobigen Panzerkreuzer „Patagonia“. Mit diesem Schiff wollte sie in den äußersten Süden Amerikas: Patagonien. Dort ist die Heimat Calibans aus dem Stück „Der Sturm“. Mit dieser Rolle hatte die Gräfin einen großen Erfolg gefeiert und dem Zirkus zu neuem Ruhm verholfen. Dort erhoffte sie sich, endlich den Ursprung ihres Schicksals zu erfahren.
Brizuela greift in seinem Roman die Legende von einer Schauspieltruppe auf, deren Schiff vor der Küste Patagoniens versank. Er bedient sich der Literaturgeschichte, indem er Shakespeares Drama „Der Sturm“ verarbeitet und auf seine Weise interpretiert. Er verbindet Fakten und Fiktion zu einem Roman, in dem er die Geschichten und Schicksale unterschiedlichster Menschen erzählt. Er widmet seinen Roman der Liebe zur Sprache, doch leider erschlägt den Leser gerade diese Fülle der Erzählkunst: Verwirrt wird der Leser durch die Zahl der Einzelschicksale, die verzweigten Wege des „Great Will“ sowie des Dramas „Der Sturm“ und schließlich die Art und Weise, wie am Ende der Blick auf das Schicksal der amerikanischen Ureinwohner gelenkt wird. Dem Buch fehlt eine klare Handlungslinie.

Leopoldo Brizuela: Inglaterra,
Aus dem Spanischen von Christian Hansen, Berlin Verlag, 2004,
415 Seiten, 22,00 Euro

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