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Shopping-Gutscheine für Katastrophenopfer

Anfang April ereignete sich im Norden Chiles ein Erdbeben der Stärke 8,2. Für die Gegend um die Städte Iquique und Arica war es das schwerste Beben seit über 150 Jahren. Vor allem aus Angst vor der kurz auf das Beben folgenden Tsunami-Welle wurde fast eine Million Menschen aus den Küstengebieten evakuiert. Es kam zu erheblichen Schäden, sechs Menschen verloren infolge von herunterstürzenden Trümmerteilen und Herzinfarkten ihr Leben und mehrere hundert Häftlinge flohen aus den Gefängnissen.
Anders als bei dem Beben und dem sich anschließenden Tsunami im Februar 2010, schienen die Tsunami-Warnung und Evakuierung diesmal jedoch gut zu funktionieren. Bei der Katastrophe vor vier Jahren waren über 500 Menschen ums Leben gekommen, hunderttausende Häuser wurden ganz oder teilweise zerstört. Viele Chilen_innen kritisierten das schlechte Krisenmanagement der Regierung und die zögerliche Hilfe. Zu spät wurde der Ausnahmezustand ausgerufen und das Militär in die betroffenen Gebiete entsendet. Zu spät reagierten auch die Tsunami-Frühwarnsysteme: Die damalige Direktorin der Katastrophenschutzbehörde ONEMI, Carmen Fernández, teilte Präsidentin Michelle Bachelet mit, dass ein Tsunami ausgeschlossen werden könne. Zu diesem Zeitpunkt hatte eben dieser bereits die Robinson Crusoe-Insel im Archipel Juan Fernández überspült und gerade damit begonnen, die Küste der Region Maule zu verwüsten. In vielen Städten kam es zu Plünderungen, Übergriffen und institutionellem Chaos.
Die für Katastrophenschutz und Risikomanagement verantwortliche Behörde ONEMI war seit langer Zeit völlig isoliert und ohne ausreichende technische und finanzielle Ausstattung geblieben. Während des Erdbebens 2010 gab es infolge dessen nicht einmal die nötigen Funkgeräte, um die Aktionen der Behörden und des Militärs zu koordinieren. Die Kommunikation zwischen dem Innenministerium, dem Oberkommando des Heeres und den Soldat_innen war desaströs, auch die Polizei in den betroffenen Gebieten konnte kaum erreicht werden.
Das mangelnde Interesse, das die Behörden lange den technischen und organisatorischen Voraussetzungen für einen gut funktionierenden Katastrophenschutz entgegenbrachten, zeigt sich heute vor allem in Bezug auf andere relevante Aspekte, wie der Urbanisierung, dem demografischen Wandel oder der sozialen Ungleichheit. Diese Faktoren können für das Ausmaß einer Naturkatastrophe ausschlaggebend sein und müssten in Risikoanalysen und Katastrophenmanagement wesentliche Beachtung finden. Bei allen Naturkatastrophen sind die ärmsten Menschen am stärksten betroffen. Sie errichten ihre Häuser und Hütten teilweise illegal und abseits von sicherheitsrelevanter Infrastruktur. So auch in der Hafenstadt Valparaíso, in der Mitte April ein Feuer ausbrach, das tausende Menschen obdachlos werden lies. Dieses jüngste Ereignis macht deutlich, dass trotz des erfolgreichen Katastrophenmanagements der Regierung und des verhältnismäßig glimpflichen Ausgangs des Erbebens im April, in Chile in Sachen Risikomanagement und Katastrophenschutz noch so einiges zu tun ist. Betroffen von dem Großbrand waren vor allem ärmere Bevölkerungsschichten, deren Häuser sich zum Teil auf dem Grundbesitz einiger Forstunternehmen befanden. Es handelte sich dabei um Landbesetzungen aus den 1980er Jahren, deren Existenz von den Behörden nie berücksichtigt und die nie an die Strom- und Trinkwasserversorgung oder die Müllentsorgung angeschlossen wurden. Das Feuer brach auf einer Müllhalde aus, die die Menschen als Alternative zu der ihnen verwehrten Müllabfuhr nutzten.
Die staatlichen Hilfen der Bachelet-Regierung für die Opfer des Feuers von Valparaíso sind indes geradezu lächerlich: So werden an die obdachlosen Familien Geschenkgutscheine großer Einzelhandelsketten im Wert von 200.000 Pesos (ca. 257 Euro) verteilt, mit denen ausschließlich Kleidung gekauft werden kann. Gleichzeitig verhindert die Regierung die freiwillige solidarische Hilfe vieler Chilen_innen, die den Wiederaufbau und die betroffenen Menschen mit Spenden unterstützen wollen. Die Behörden rufen öffentlich dazu auf, nicht zu helfen – wer trotzdem hinfährt, dem wird mit Polizeigewalt der Zugang zu den betroffenen Gebieten verwehrt. Dieses Phänomen ist keine Ausnahme: Ähnliches passierte bei den Erdbeben 2005, 2010 sowie im April diesen Jahres. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen haben wenig mit der Lebensrealität der Menschen und ihren Bedürfnissen in Notsituationen zu tun. Die Menschen im Süden Chiles leben noch immer mit den Erinnerungen an das Erdbeben von 2010 und die mangelnde Hilfe, die der Staat damals gewährte. Die Hütten, die nach der Katastrophe als Notunterkünfte gestellt wurden, sind zu permanenten Behausungen geworden. Dabei halten sie wegen der dünnen Holzwände und Blechdächer keine starken Regenfälle aus. Sebastián Piñera, der damalige Präsident Chiles, setzte verfügbare finanzielle Mittel lieber andersweitig ein.

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