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SIEG FÜR DIE VIELFALT

 

Wie ist Ihre Meinung zum neuen Gesetz? Verbuchen Sie es als Erfolg?

Nein, als Erfolg würde ich es nicht beschreiben, denn es liegen noch zu viele Herausforderungen vor uns. Da die konservative Opposition sehr stark war und ist, wäre es schwierig gewesen, auf einen Schlag gleich alle unsere Forderungen zu erfüllen. Es ist aber sicher ein großer Fortschritt und wir sind dankbar, dass wir uns jetzt auf diese Grundlage zur Anerkennung unserer sozialen Identität berufen können. Zumindest ein Teil von uns hat nun den rechtlichen Anspruch auf die Änderung des Namens und Geschlechts im Melderegister, bis zu zweimal im Leben. Wichtig ist uns die Bedeutung des kompletten Namens des Gesetzes: „Gesetz zur Anerkennung und zum Schutz des Rechts auf die Geschlechtsidentität“. Wir Trans*-Menschen haben damit ein in der Verfassung verbürgtes Menschenrecht auf unsere soziale Identität. Das gilt sogar auch für Ausländer*innen, die eine Aufenthaltsgenehmigung in Chile haben.

Wieso brauchte die Gesetzesinitiative mehr als fünf Jahre?

Die rechtskonservativen Abgeordneten haben die Jahre über eine erfolgreiche Verzögerungstaktik gefahren. Ich möchte da keine konkreten Namen nennen. Generell sorgten sie immer wieder für Vermerke am Gesetzesvorschlag, die dann in speziellen Kommissionen diskutiert werden mussten. Einige lernten über die Zeit hinweg mehr über das Thema, allerdings schafften sie es nie, unsere tieferliegenden Beweggründe nachzuvollziehen. Geschweige denn, dass sie von ihren konservativen und religiösen Argumenten abrückten. Die kürzliche Annahme des Gesetzes konnte nur zu Stande kommen, nachdem der Vorschlag einige Zeit einem alternativen Verfassungsverfahren unterworfen wurde, in dem Abgeordnete beider Kammern Änderungen aus­handelten.

Wie werden die Konzepte Gender bzw. Geschlechtsidentität im Gesetz definiert?

Gender wird im Grunde gar nicht definiert, sehr wohl aber die soziale Identität, mit deren Auslegung wir sehr zufrieden sind. Im Rahmen des neuen Gesetzes wird die soziale Identität als persönliche Überzeugung aufgefasst, festgelegt durch eine innerliche Erfahrung. Somit sind weder demütigende psychologische oder ärztliche Untersuchungen notwendig, noch, dass die Person gezwungenermaßen ihr Äußeres durch Hormontherapie oder Chirurgie ihrer gefühlten Identität beziehungsweise ihrem gefühlten Geschlecht anpassen muss. Im Widerspruch zu dieser inneren Überzeugung steht die im selben Gesetz festgelegte Bedingung, dass der Antrag auf Änderung im Standesamt von zwei Zeug*innen begleitet sein muss, die die Geschichte des Trans*-Menschen bestätigen.

Kontrovers diskutiert wurde die Aufnahme der unter 14-Jährigen in das Gesetz, letztlich wurde dieser Punkt vom Kongress abgelehnt. Was ist an diesem Ausschluss problematisch?

Das ist auf jeden Fall einer der größten Schwachpunkte! Die unter 14-jährigen Trans*-Menschen, also Kinder und Jugendliche, sind eine der verletzlichsten Gruppen unserer Community. Chile hat eine der höchsten Selbstmordraten weltweit, das zeigt, dass unsere Gesellschaft beim Thema psychische Gesundheit große Lücken aufweist. Unter den Kindern und Jugendlichen der Trans*-Community ist die Selbstmordrate proportional sehr hoch und wir haben durch den Ausschluss dieser Gruppe vom neuen Gesetz keinerlei neue Möglichkeiten schaffen können, diese bedrückende Situation zu ändern. Schätzungen zufolge wird sich 2020 jeden Tag ein Kind oder ein*e Jugendliche*r das Leben nehmen.

Welche weiteren Kritikpunkte haben Sie an dem Gesetz?

Als sehr eingeschränkt empfinden wir die begrenzte Auswahl des neuen Geschlechts. Es gibt uns nur die Möglichkeit, Frau oder Mann zu werden, aber es existiert kein drittes, neutrales Geschlecht. Das schließt eine Reihe an Personen aus, Menschen mit einem fließenden Geschlecht und die Queers. Auch für verheiratete Trans*-Menschen ist es schwieriger, ihr Recht auf Identität geltend zu machen. Da es in Chile keine gleichgeschlechtliche Ehe gibt, müssen sie zuerst die eheliche Verbindung auflösen, bevor sie ihren Namen und ihr Geschlecht ändern können. Die Gruppe der 14- bis 18-Jährigen ist im Gesetz aufgenommen, allerdings können sie nicht einfach den Antrag auf die Eintragsänderung beim Standesamt stellen, sondern müssen diese, zusammen mit ihren Eltern oder ihrem Vormund, bei einem Familiengericht beantragen. Die Genehmigung hängt in dem Fall von der* oder dem* zuständigen Richter*in ab.

Welche weiteren Kämpfe muss die Trans*-Bewegung nach diesem Fortschritt in der Gesetzgebung noch ausfechten, um ihre Diskrimi­nierung zu beenden?

Grundsätzlich gibt es drei große Bereiche, wo wir in den nächsten Jahren für bessere Bedingungen sorgen wollen. Den Zugang und die Studienbedingungen im Erziehungssystem für Trans*-Menschen zu verbessern ist fundamental, denn Studien belegen, dass sie aufgrund der fehlenden Anerkennung ihrer Identität oft schlechtere Noten haben. Genauso brauchen wir einen würdigen Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem, mit garantierten spezifischen Leistungen wie beispielsweise psychologischer Betreuung und vergünstigter oder kostenloser Hormon­behand­lungen oder chirurgischer Eingriffe. Aktuell gibt es nur sechs auf unsere Bedürfnisse spezialisierte Polikliniken und die sind zudem unterfinanziert. Auch im Bereich der Arbeitswelt müssen wir bessere Bedingungen schaffen, die Diskriminierung aufgrund des offenen Ausdrucks der sozialen Identität muss aufhören. Nicht unbedingt durch eine festgelegte Quote, sondern durch die Anerkennung von Institutionen und Unternehmen, die gay- oder trans*-freundlich sind. Es ist unbedingt notwendig, dass der Staat unsere speziellen Bedürfnisse, als Minderheit in der sexuellen Vielfalt, anerkennt und schützt!

Welche Verbündeten wünschen Sie sich auf diesem Weg?

Im Kongress haben wir bereits einige wichtige Verbündete, vor allem das Linksbündnis Frente Amplio und einige junge Abgeordnete aus dem Spektrum der linken Mitte, die unserem Kampf im Rahmen der Menschenrechte unterstützen. In der Gesellschaft stützen wir uns momentan auf die der Bewegung nahen Stiftungen und Aktionen mit den seit 2011 an Stärke zunehmenden sozialen Bewegungen. Dazu zählen die Studie­renden­bewegung, die feministische Bewegung und auch die Bewegung für eine Änderung des Rentensystems (AFP). In diesem Bereich sehe ich ein großes Potential für eine Zusammenarbeit mit dem Ziel einer humaneren Gesellschaft, ein Traum, den wir alle teilen.

Welche Rolle spielt dabei die Arbeit Ihrer Stiftung?

Ich fühle mich privilegiert, denn mein (anhaltender) Wandel zur Frau wurde mit Zärtlichkeit von meiner Familie begleitet, von meinem sozialen Umfeld größtenteils unterstützt und hat mich nicht daran gehindert, mein Studium aufzunehmen und durchzuhalten. All diese Umstände bringen mich dazu, etwas zurückgeben zu wollen, durch die Erziehung der Gesellschaft eine neue Mentalität zu schaffen, die es zukünftigen Generationen ermöglicht, nicht mehr von Inklusion, sondern von Zusammenleben zu sprechen. Deshalb setzen wir, wie auch die feministische Bewegung, auf eine feministische Erneuerung des Bildungssystems.

Wie genau wollen Sie das ermöglichen?

Zum einen, indem wir alle, die im Bildungssystem an Schulen und Universitäten integriert sind – von Lehrenden, Studierenden und Schüler*innen, über Funktionär*innen und Verwaltungskräfte, Vormünder bis zum staatlichen Dienst für Minderjährige ohne Familie (SENAME) – für unsere Themen wie Inklusion und gleiche Möglichkeiten für alle sensibilisieren und mit einer Gender-Perspektive fortbilden; Genderorientierte Lehrpläne für Schulen und Universitäten ausarbeiten; Eine psychopädagogische Betreuung für LGBTI- Studierende anbieten, die gleichen Studienbedingungen für alle schaffen; Den am Bildungssystem Beteiligten und der Gesellschaft begreiflich machen, was es wirklich bedeutet, dass die menschliche Sexualität so vielfältig ist, wie es Menschen auf der Erde gibt; Und die Anerkennung ihres freien Ausdrucks ein grundlegendes Menschenrecht ist.

 

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