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So etwas wie Heimat

Dominiert werden die maras von jungen Salvadorianern, die in den USA gelebt haben und dann ausgewiesen wurden. In der verängstigten, vom Bürgerkrieg traumatisierten Gesellschaft El Salvadors wecken die Zwangsheimgekehrten („homies“) Angst und Schrecken. Die beiden größten Banden, die Mara Salvatrucha („MS“) und die Mara 18 üben seit 1992 eine enorme Sogwirkung auf Tausende von Jugendlichen aus. Man erkennt die MS oder die Mara 18 an ihren Tätowierungen, ihrer Kleidung in Übergrößen und ihrer Sprache: sie mischen Englisch und Spanisch zu einer Art „Spanglish“. Das Durchschnittsalter der maras liegt bei achtzehn, die aus den USA ausgewiesenen „leader“ sind rund vier Jahre älter. Sie stellen etwa ein Zehntel der Mitglieder. Einst waren sie in den USA illegale Einwanderer oder geduldete Kriegsflüchtlinge. Sie schlossen sich in den Ghettos von Los Angeles mit anderen Latinos zu Jugendbanden zusammen und hatten dort das Heft fest in der Hand.
Bei jungen Einwanderern, die kriminell werden, machen die US-Behörden kurzen Prozeß: Umwandlung von Gefängnisstrafen in Abschiebung – oder gleich Ausweisung, ohne jeden Gerichtsentscheid. Die Ausgewiesenen kamen nach El Salvador zurück und standen dort wieder vor dem Nichts. Wie schon nach der Einwanderung in die USA sind es Straßenbanden, die Identität und so etwas wie Heimat vermitteln können.
Untersuchungen der Universidad Centroamericana legen nahe, daß die allgemeine Aussichtslosigkeit Hauptursache für die Attraktivität der maras bei Jugendlichen ist. Mit den maras hat sich die Jugendkultur in El Salvador grundlegend geändert. Bis vor einigen Jahren waren es Jugendliche aus den Armenvierteln San Salvadors, die sich in Straßenbanden zusammenfanden, lokal zersplittert – ein Teil der Jugendkultur der Nachkriegszeit.
Doch durch die Fusion mit den Zwangsheimgekehrten mutierten die Strukturen und Ziele der Gangs: „Die Bandenmitglieder aus den USA haben hier ganz schnell ihre Vorstellung von Straßenbande durchgesetzt, in ihrem Auftreten, ihrer Kleidung, ihren Symbolen, vor allem aber in der Dynamik der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gangs“, stellt Miguel Cruz von der Universidad Centroamericana fest.
Die Mara Salvatrucha und Mara 18 liefern sich bewaffnete Machtkämpfe, die allein 1997 24 Tote und über 600 Verletzte unter ihnen forderten. Abgesehen von diesen Bandenkämpfen und den Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt es für die maras eine weitere tödliche Bedrohung: die Verfolgung durch paramilitärische Kommandos „für gesellschaftliche Säuberung“. Ihr erklärtes Ziel ist, diese Jugendbanden auszurotten. Eines der Kommandos mit Namen Sombra Negra – „Schwarzer Schatten“ – konnte vor zwei Jahren nach der Verhaftung von sechzehn Mitgliedern, darunter drei Polizisten, aufgelöst werden.

Ursache Armut und die Folgen des Krieges

Die MeinungsforscherInnen der Universidad Centroamericana fordern, endlich die Ursachen für die hohe Gewaltkriminalität im Land zu erforschen, statt konzeptlos einen hilflosen Vorschlag nach dem anderen zu propagieren, wie vor einiger Zeit die Wiedereinführung der Todesstrafe. In der Tat wird die Frage nach den Hintergründen und Motiven in der öffentlichen Diskussion bislang völlig vernachlässigt. Durch den Kaufkraftverlust der Mehrheit der Bevölkerung in den letzten Jahren stellt sich die Zukunft als existenziell unsicher und perspektivlos dar. Doch läßt sich daraus noch nicht ableiten, weshalb die Gewaltkriminalität in El Salvador weitaus höher liegt als in den mittelamerikanischen Nachbarländern. Offensichtlich kann Kriminalität nicht allein auf das weitverbreitete Elend zurückgeführt werden. Im Falle El Salvadors lassen sich zusätzliche Faktoren benennen, die eng mit der jüngeren Geschichte des Landes verbunden sind: dem zwölfjährigen Bürgerkrieg und seinen Folgen nach Friedensschluß. Zu den Vereinbarungen des Friedensvertrages vom Januar 1992 zählen unter anderem eine drastische Armeereduzierung und die Auflösung sämtlicher Sicherheitskräfte bis auf die neue Zivile Nationalpolizei. Allein 30.000 Armeeangehörige, die ihren Lebensunterhalt bislang mit der Waffe in der Hand verdient hatten, sind entlassen worden. Die vorgesehene Wiedereingliederung war wenig effektiv, so daß viele ehemalige Soldaten den Weg in eine „neue Selbständigkeit“ gesucht haben. Sie haben fortan als kriminelle Banden geraubt und gemordet, zum Teil gar in Waffenbrüderschaft mit dem vormaligen Feind, den demobilisierten FMLN-Guerilleros.
Miguel Cruz kommentiert: „Wir haben zwölf Jahre damit verbracht, uns gegenseitig umzubringen, und als der Krieg endete, entdeckten viele, daß sie nichts anderes gelernt hatten. Eine große Zahl an Waffen ist in den Händen von Zivilisten verblieben, einschließlich von Kindern und Jugendlichen. Und die neue Zivilpolizei war nicht in der Lage, ihre Aufgaben im Land zu erfüllen. Ganze Regionen sind ohne jeden staatlichen Schutz.“
Ein weiteres Problem besteht in einer verbreiteten Straflosigkeit in El Salvador, die bewußt die politisch motivierten Menschenrechtsverbrecher schützt. Teilweise trägt auch der ineffiziente Polizei- und Justizapparat Schuld an der mangelhaften Strafverfolgung von Gewaltverbrechen. Ein Zustand, der nicht nur jeden Abschreckungseffekt vereitelt, sondern zudem gerade bei Jugendlichen nicht dazu geeignet ist, ein positives Rechtsempfinden auszubilden. Es herrscht eine Kultur der Gewalt. Elvio Sisto von der Universidad Centroamericana erläutert den Zusammenhang der Gewaltphänomene: „Es ist erwiesen, daß die Gewalt als Symptom, das die ganze Gesellschaft betrifft, in all ihren Ausdrucksformen insgesamt zunimmt, so daß die kriminelle Gewalt immer nur oberflächlich, aber nicht in ihren Wurzeln von der institutionellen Gewalt getrennt werden kann: Die Gewalt in der Familie von jener der Autofahrer, die Gewalt gegen die Umwelt von der Kindesmißhandlung, die politische Gewalt von der Gewalt in der Arbeitswelt und so weiter.“
Eine vor einiger Zeit von der Interamerikanischen Entwicklungsbank veranstaltete Konferenz zum Thema „öffentliche Sicherheit in Zentralamerika und der Karibik“ ging der Frage nach, warum diese Kultur der Gewalt in Mittelamerika auch in Friedenszeiten fortlebt. Klare Worte fand hier der Vertreter Costa Ricas, der das Problem der Gewalt in einen überregionalen, wirtschaftspolitischen Kontext stellte: „Die wirtschaftliche Struktur, die sich in den letzten Jahren auf der Basis des Neoliberalismus entwickelt hat, ist einer der Hauptfaktoren, die Gewalt erzeugen. Als wirtschaftspolitische Maxime der meisten Regierungen der Halbkugel hat der Neoliberalismus mehr soziale Ausgrenzung, Individualismus, Konsumismus, soziale Ungerechtigkeit und die weitere Konzentration von Reichtum hervorgebracht. Solange sich diese Strukturen nicht verändern, wird es Armut, Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und damit Gewalt geben.“

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