Berlinale | Mexiko | Nummer 573 - März 2022

SOG DER GEWALT

Robe of Gems zeigt visuell beeindruckend die Auswirkungen des Drogenhandels in Mexiko

Von Dominik Zimmer

Antonia Olivares und Daniel García in Robe of Gems (Foto: © Visit Films)

Bewertung 4 / 5

„Zieh das Zeug aus! Auf der Stelle wirfst du das in den Müll!“ Roberta, der örtlichen Polizeichefin in Robe of Gems, dem mexikanischen Wettbewerbsfilm der Berlinale 2022, passt es gar nicht, wie ihr Sohn Adán so herumläuft. Teure T-Shirts und Marken-Turnschuhe, weite Hosen, glitzernde Ohrringe, Halskettchen aus Gold und Silber – das ist der Look, mit dem sich normalerweise der Nachwuchs der Narcos, also der Drogenmafia, zu erkennen gibt. Deshalb herrscht Roberta Adán an, bis er nur noch in Unterhosen auf dem Vorplatz ihres Hauses herumsteht. Aber der Drogenhandel und die Gewalt, die er mit sich bringt, lassen sich nicht einfach abstreifen wie ein paar Kleidungsstücke. Das wird auch Roberta im Laufe des Filmes noch mehrfach zu spüren bekommen.

Natalia López Gallardo, die Regisseurin von Robe of Gems, ist Bolivianerin, lebt aber seit 15 Jahren selbst im ländlichen Mexiko und musste dort aus nächster Nähe den „fortschreitenden Kollaps der sozialen Struktur“, wie sie es selbst beschreibt, beobachten. Mit ihrem Debütfilm als Regisseurin hat sie nun eine beeindruckende, manchmal rätselhafte, aber ungeheuer wirkmächtige Collage über die alles dominierenden Strukturen der brutalen Gewalt in ihrem Umfeld vorgelegt. Der Film folgt dabei dem Schicksal dreier Frauen: Isabel, selbstbestimmt und undurchschaubar, zieht nach ihrer Scheidung in ein von ihrer Mutter verlassenes und halb verfallenes Anwesen auf dem Land. Maria, ihre Hausangestellte, sucht ihre verschwundene Schwester und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und Roberta kämpft in der Polizei und in ihrer eigenen Familie gegen die Windmühlen des Drogenhandels, die vor allem Frauen wenig Möglichkeiten lassen, ihr Leben unabhängig und ohne Furcht zu gestalten. Denn was Mercé, Marias Mutter, zu Beginn des Filmes der Outsiderin Isabel sagt, die bei der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter helfen will, bewahrheitet sich im Laufe der Geschichte immer deutlicher: „Bei allem Respekt, aber Sie wissen nicht, dass die Dinge hier bei uns anders laufen.“

Robe of Gems macht es seinen Zuschauer*innen nicht leicht, die Zusammenhänge zu verstehen, die den zähen Sog der Gewalt aufrechterhalten, der die Gemeinschaft der Bewohner*innen in den kleinen Dörfern und Anwesen wie ein unsichtbares Netz verbindet und langsam von innen zerfrisst. Nach außen bewahrt alles den Anschein des Normalen, doch ein Schritt in die falsche Richtung, ein unbedachtes Wort kann fatale Konsequenzen haben. López Gallardo folgt dabei einer ungewöhnlichen Methode: Sie macht das Sichtbare unsichtbar. Was zunächst paradox klingt und beim Betrachten des Films oft anstrengend wirkt, ergibt in der Gesamtschau Sinn. In Dialogen wird das Offensichtliche meist nicht gesagt („Alles in Ordnung, es ist nichts passiert“, wiederholt Maria im Gespräch mit einer Bekannten beispielsweise immer wieder, während ihr Tränen über die Wangen laufen). Die Erzählung folgt Personen, verliert sie, findet sie später in neuen Situationen wieder, ohne zu erklären, wie sie hineingeraten sind. Gesichter sind oft nur schemenhaft oder gar nicht zu erkennen, die Kamera filmt von hinten oder fokussiert auf Gegenstände und Körperteile, die außerhalb des Zentrums der Aktion liegen. Und versetzt das Publikum damit in die ausweglose Situation der Bewohner*innen der von Gewalt beherrschten Umgebung, die ihre verschwundenen Angehörigen suchen und mit bruchstückhaften Informationen und ihrer Verzweiflung oft alleingelassen sind.

Töne und Bilder sind in Robe of Gems häufig wichtiger und aussagekräftiger als das Gesagte. Geräusche wie das Zirpen der Insekten sind laut, manchmal überlaut zu hören und die karge Landschaft, gezeigt in matten Farben, bildet den Hintergrund für eine von Zwängen und unausgesprochenen Regeln beherrschte Lebensrealität, die sich eindeutigen Deutungen entzieht. Das macht den Film streckenweise zu einem harten Brocken, der vermutlich nicht alle Zuschauer*innen befriedigt zurücklassen wird. Sich auf Robe of Gems einzulassen, lohnt sich aber nicht nur aufgrund der beeindruckenden Bilder, die für die große Leinwand wie gemacht sind. Was Kino leisten kann, ist nicht nur, Geschichten zu erzählen, sondern auch Gefühle zu vermitteln. Dieses Potenzial hat Natalia López Gallardo mit ihrem Debüt auf beeindruckende, in ihrem Fall fast beängstigende Weise ausgeschöpft.

Robe of Gems // Berlinale Wettbewerb // Natalia López Gallardo // Mexiko/Argentinien/USA 2022 // 118 Minuten

Natalia López Gallardo (Foto: © Natalia López Gallardo)


Weitere Vorführungen auf der Berlinale:

14. 02., 15:00. Cubix 9

17. 02., 21: 00 h, International

20.02., 15:00 h, Cubix 5

20. 02., 15:00 h, Cubix 6

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