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Solidarische Zähne

In eurer Partnergemeinde hat es vor kurzer Zeit verheerende Regenfälle gegeben. Kannst Du die Situation vor Ort beschreiben?

Dieter Radde: Die Niederschläge dort waren größer als während des Hurrikans Mitch im letzten Jahr. Die Gemeinde hat 40 000 Einwohner. Es gibt 8 000 Personen, deren Häuser beschädigt wurden. 1 000 Personen mußten sogar evakuiert werden, so daß vier Notaufnahmelager aufgemacht wurden. Bei meinem Besuch im Oktober war ein großer Teil der Gemeinden noch immer nicht per Fahrzeug erreichbar. Außerdem wurde ein Staudamm zerstört, wodurch auch die gravierendsten Überschwemmungen verursacht wurden. In diesem Teil der Gemeinde sind die meisten Häuser und ein großer Teil der Ernte zerstört worden. Das betrifft zu 80 Prozent das dort frisch ausgesäte Gemüse, dessen Anbau wir gefördert haben und 50 Prozent der Grundnahrungsmittel.

Bedeutet dies, daß jetzt Ansätze einer strukturellen Verbesserung im Bereich der Agrarwirtschaft zerstört wurden und Ihr wieder von vorne anfangen müßt?

Nicht ganz. Unsere beiden Gesundheitszentren und die bessere Trinkwasserversorgung haben die Ausbreitung von Cholera verhindert. Aber insgesamt ist es sicherlich ein Rückschlag. Der beschränkt sich jedoch auf den materiellen Bereich. Wir haben nach Mitch ein Gemüseanbauprojekt gemacht, und dort sind die Ernten verlorengegangen. Außerdem konnten keine Rücklagen gebildet werden. Aber von einem wirklichen Entwicklungsrückschritt kann man nicht sprechen.

Kann man also sagen, daß nach Mitch punktuell sogar ein Neuanfang möglich war?

Das wäre zu weitgehend. Aber es gibt eine höhere Bereitschaft unter den Kleinbauern, alternative Anbaumethoden auszuprobieren. Wir hatten im Sommer mit relativ hohem Erfolg den ersten Bauernmarkt veranstaltet. Dort steigt die Nachfrage. Dieses Programm haben wir kontinuierlich mit Fortbildungen für Agrartechniker und Veterinärmedizinern begleitet. Der Erfolg war so groß, daß wir jetzt auch nationale Mittel akquirieren können.

Bedeutet dies, daß ihr mit der Regierung zusammenarbeitet?

Nein, das sind Gelder, die von der Interamerikanischen Entwicklungsbank für Nicaragua bereitgestellt werden und an Nichtregierungsorganisationen verteilt werden. Dort wird jetzt ein Ausbildungszentrum aufgebaut, wo alternative Techniken des Landbaus, natürliche Formen der Schädlingsbekämpfung, Maßnahmen zum Erosionsschutz et cetera vermittelt werden.

Wenn es sich um eine Städtepartnerschaft handelt, wie funktioniert denn dann die Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung?

Der größte Konflikt ist, daß sie uns in Ruhe lassen. Zum andern führen die häufigen Wechsel in der Gemeindeverwaltung jedoch dazu, daß dort niemand über die logistischen Strukturen verfügt, um irgendwelche Projekte durchzuführen. Die einzige handlungsfähige Institution vor Ort ist unser Partner. Deswegen wollen die unsere Strukturen mit nutzen.

Die wollen Euch also vereinnahmen?

Genau. Aber das hat auch seine positiven Seiten. Wir haben jetzt ein großes Wasserprojekt eingeweiht. Damit die Bevölkerung dabei aktiv mitarbeitet, arbeiten wir mit Komiteestrukturen. Der Chef des Komitees ist ein Liberaler, und der streitet sich massiv und öffentlich mit der Gemeindeverwaltung, die ebenfalls liberal ist. Wir haben ja früh damit angefangen, die Eigenbeteiligung der Bevölkerung bei gemeinsamen Aktivitäten vorauszusetzen, und dabei merkt man, daß in der konkreten Situation die großen ideologischen Konflikte überhaupt keine Rolle spielen.

Was habt Ihr denn sonst noch für Projekte?

Wir haben ein großes Trinkwasserprojekt, von dem 10 000 Leute profitieren sollen. Ein weiterer Schwerpunkt ist Ressourcenschutz und einkommensverbessernde Maßnahmen für Kleinbauern. Dann ein Wiederaufforstungsprojekt in Kombination mit der Pflanzung von 20 Prozent Obstbäumen. Ziel ist also, nichttraditionelle Anbauprodukte einzuführen, das heißt vor allem Gemüse wie Rettich, Gurken et cetera.

Und wie werden die neuen Produkte angenommen?

Gut. Das Hauptproblem ist, daß die Kleinbauern Schwierigkeiten haben, die Sachen selbst zu verkaufen. Die haben sich zum Teil nicht getraut, richtig Geld zu verlangen, haben sich an den alten Zwischenhändlerpreisen orientiert und dann alles viel zu billig verkauft. Aber ihre Sachen waren sie los. Dieser Aspekt ist total unterschätzt worden. Aber dennoch war der Verkauf für die beteiligten Familien ein voller Erfolg. Dieses Projekt soll weiter ausgebaut werden, und wir wollen ein ähnliches Projekt im Viehzuchtbereich starten. Dazu läuft ein umfangreiches Schulungsprogramm. Acht Lehrer werden von hier aus mit Schulpatenschaften finanziert. Im Gesundheitssektor hat jetzt vor kurzem der Bau eines neuen Zentrums begonnen. Wir unterstützen Impf- und Hygiene-Kampagnen.

Wie kommt Ihr zu eurem Geld?

Tilo Baillen: Für die kostenintensiven Projekte wie das Krankenhausprojekt oder das Wasserprojekt bekommen wir das Geld von der Europäischen Union oder vom Entwicklungshilfeministerium, von der Senatsstelle für Entwicklungszusammenarbeit aber auch vom Bezirk Kreuzberg oder von Stiftungen. Die für diese Unterstützung notwendigen Eigenmittel erwirtschaften wir aus Mitgliedsbeiträgen, die für die laufenden Kosten hier in Berlin verwendet werden, und aus Spendeneinnahmen. Das sind im Schnitt pro Jahr ungefähr 100 000 DM. Außerdem veranstalten wir kleinere Ausstellungen in Arztpraxen und Betrieben und stellen Spendenbüchsen daneben. Wir werben bei Zahnärzten dafür, daß sie verschlissenes Zahngold für uns sammeln. Das haben wir schon zweimal gemacht, und dabei sind das letzte Mal 1,7 kg Gold oder 18 000 DM zusammengekommen.

Dieter, wie bist du zu der Arbeit hier gekommen?

Als die Bundesregierung ihre Entwicklungshilfe an die Sandinisten einstellte, reagierten diese damit, den Aufbau von Partnergemeinden zu fördern. Also schlossen sich einige Gruppen mit dem Ziel zusammen, eine Region konkret und dauerhaft zu unterstützen. Aber bis wir schließlich die Partnerschaft stehen hatten, dauerte es noch. Die Grünen und die SPD unterstützten die Partnerschaft, aber die CDU hat eineinhalb Jahre lang blockiert. Als der CDU-Bürgermeister einmal im Urlaub war und wir gleichzeitig den sandinistischen Bürgermeister nach Berlin eingeladen hatten, unterschrieb der Vizebürgermeister von der SPD die Urkunde. Als wir diese dann vor der Bezirksversammlung mitsamt dem Grundgesetz aushändigten, ist die CDU-Fraktion aus dem Rathaus ausgezogen. Der letzte Gag war bei der 750-Jahr-Feier 1987. Damals hatten wir durchgesetzt, daß auch der sandinistische Bürgermeister und ein Stadtrat nach Berlin kamen. Dann gab es dieses berühmte Fest hier in Kreuzberg im Verkehrsmuseum. Aber da Kreuzberg im amerikanischer Sektor lag, waren auch die amerikanischen Offiziere eingeladen. Und der Staatsschutz hielt unsere Gäste für so gefährlich, daß wir mit einer Menge Zivilbeamten umgeben wurden. Auf der offiziellen Feier hat eine Band aus Nicaragua dann die sandinistischen Lieder gespielt. Da gab es natürlich Auseinandersetzungen. Das heißt, wir haben die Auseinandersetzung auch hier auf die kommunale Ebene geholt, und das war ja eines unserer Ziele.

Siggi, seit wann bist denn Du hier dabei?

Sigrid Picker: Ich bin seit vier Jahren im Verein und seit zwei Jahren im Vorstand. Das kam damals so, daß ich mich zwar schon immer für Lateinamerika interessiert habe, aber erst vor vier Jahren, als meine Schwester in Nicaragua auf Brigade war, habe ich sie dort besucht. Und die Begegnung mit den Leuten in diesem Dorf, das Leben zwischen Schweinen, Hühnern und kleinen Kindern hat so einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, daß ich dort mein Herz verloren habe. Daraus sind dann ganz intensive Freundschaften geworden. Ich habe dann noch ein paar Tage an einem Schulprojekt mitgearbeitet. Als ich zurück nach Berlin kam, bin ich mit offenen Armen von dem Verein aufgenommen worden und habe, für welche Aktivitäten auch immer, meine Dienste angeboten. Ich wollte endlich etwas tun im entwicklungspolitischen Bereich. Und heute macht es vor allem Spaß.
Dein Engagement hatte also weniger mit revolutionärem Impetus zu tun?

Nicht ganz. Ich hatte die aktuelle Situation in Nicaragua schon immer verfolgt. Aber ich wäre damals nicht aufgrund von politischer Motivation hingefahren. Es hätte jedes x-beliebige Land sein können.

Welche Auswirkungen hatte denn die Wahlniederlage der Sandinisten auf den Verein?

Dieter Radde: Noch in der gleichen Nacht gingen die Auseinandersetzungen los. Einige aus dem besonders revolutionären Flügel sind dann ziemlich schnell ausgetreten. Aber insgesamt war das Konzept des Vereines sowieso ein anderes. Wir sind ja nicht in eine der sandinistischen Hochburgen gegangen, um dort die siebte Städtepartnerschaft aufzubauen, sondern wir haben gefragt: „Wo ist Solidarität notwendig?“ San Rafael del Sur war eine konservative Stadt ohne Frente-Basis, die keinerlei Unterstützung hatte, und da wollte auch keine revolutionäre Soli-Gruppe hin. Diese Entscheidung hat natürlich dann schon auch mitgeprägt, wer im Verein mitgearbeitet hat.

Wie ist denn heute die Beziehung zur Frente, Siggi? Hast Du Kontakte zu ihr?

Sigrid Picker: Die meisten der Leute, die ich dort kenne, wählen zwar die Frente, aber ich habe keinen Kontakt dahin.

Und wie ist das mit dem Verein insgesamt?

Dieter Radde: Die Entwicklung in San Rafael del Sur ist katastrophal. Wir hatten schon vor Jahren einen Konflikt zwischen der ländlichen und der eher städtischen Basis. Der städtische Flügel hat sich durchgesetzt. Und mit denen hatte ich ich jetzt ein Gespräch über die Bevölkerungsbeteiligung an der Projektdurchführung. Deren Position war aber noch ablehnender als die der Liberalen. Die politische Linie steht also dem, was wir wollen, mehr als entgegen. Auf kommunaler Ebene ist die Frente für uns also weggefallen.

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