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Soziale Netzwerke unter Generalverdacht

Jorge Gómez ist ein dünner, eher schüchtern wirkender Mann um die 45. Er erwartet uns in der holzverkleideten Kassen- und Schalterhalle des von ihm provisorisch geleiteten Betriebs Empresas Comunitarias de Agua y Alcantarillado de Saravena (ECAAS). Es ist drückend heiß. Seit drei Tagen gibt es keinen Strom mehr. Die Guerilla hat westlich von Saravena die Masten gesprengt. Normalerweise ist Jorge Gómez nur Ingenieur bei ECAAS, dem für Wasser, Kanalisation und Müllentsorgung zuständigen Unternehmen in der 40.000 Einwohnerstadt. Aber da die Verantwortlichen der Kooperative seit einiger Zeit in Haft sitzen, obliegt es ihm, Gäste zu empfangen und ihnen den Betrieb zu erklären. Man merkt schnell, dass Gómez das trotz seiner Zurückhaltung gern macht. Der Ingenieur ist stolz auf das Unternehmen, für das er arbeitet. „Wir versorgen Saravena und die Umgebung mit dem besten und billigsten Trinkwasser in ganz Ostkolumbien. Wir haben Sozialfonds, um arme KundInnen von den Zahlungen zu befreien, und es gibt keine Bürokratie bei uns. Alle, die hier arbeiten, haben konkrete Aufgaben: in der Produktionsüberwachung, der Buchführung, bei den Reparaturtrupps oder in der Müllabfuhr. Ein brasilianischer Besucher hat neulich gesagt, wir wären ein Beispiel für ganz Lateinamerika.“

Erfolgreiche kommunale Selbstverwaltung
ECAAS ist tatsächlich ein ziemlich einzigartiger Fall – zumindest für Kolumbien. Das Unternehmen entstand in den 70er Jahren als selbstverwaltetes Projekt der StadtbewohnerInnen und ist bis heute weder in private noch in städtische Hand übergegangen. Die Juntas de Acción Comunal, die basisdemokratischen Nachbarschaftskomitees in der Stadt, entsenden jeweils zwei VertreterInnen in den ECAAS-Aufsichtsrat, der den Geschäftsbetrieb kontrolliert und die Preise autorisiert. Auf diese Weise entscheidet die Bevölkerung über die Verwendung der Gelder. Und erstaunlicherweise funktioniert diese Struktur auch ökonomisch ganz gut: ECAAS arbeitet trotz verschiedener Sozialtarife wirtschaftlich.

…unter Terrorismusverdacht
An sich hätte man also allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Doch so ermutigend die Existenz von ECAAS an sich ist – die aktuelle Situation für die Angestellten ist dramatisch. Jorge Gómez führt uns in den ersten Stock in einen zur Straße hinausgehenden Konferenzraum und zeigt an die Decke. Im Putz sieht man Einschusslöcher. „Wir stehen unter Generalverdacht. Mehr als zehn unserer 55 Angestellten sind in den vergangenen Monaten erschossen worden oder sitzen im Gefängnis. Die Armee und die Todesschwadronen bezeichnen uns als TerroristInnen. Aber ich weiß nicht, was das mit der Guerilla zu tun hat, wenn man in einem Unternehmen zu Gunsten der Allgemeinheit arbeitet.“
ECAAS ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Schon im Gebäude der regionalen Gewerkschaftssektion CUT hat man uns darauf hingewiesen, dass die Militärs in der Kleinstadt immer mal wieder die Büros von Kooperativen und sozialen Organisationen unter Beschuss nehmen, um die wenigen verbliebenen AktivistInnen einzuschüchtern. Von den sechs im Haus der CUT in Saravena untergebrachten Organisationen unterhält beispielsweise nur noch eine einzige, das Menschenrechtskomitee Joel Sierra, ihren Bürobetrieb aufrecht.
Eine halbe Stunde später fahren wir auf einem Pickup an Viehweiden entlang Richtung Kordillere. Die Berge, die sich westlich von hier am Nevado de Cocuy bis auf 5000 Meter erheben, versinken im Dunst. Dunkler, dichter Bergwald erstreckt sich an den Hängen. In dieser Gegend gibt es noch große, völlig unbewohnte Dschungeltäler. Etwas oberhalb, an der Straße Saravena-Cúcuta beginnt außerdem das Siedlungsgebiet der U’wa-Indígenas, die in den vergangenen 15 Jahren einen heftigen und international viel beachteten Kampf gegen die Ausbeutung von Erdölvorkommen auf ihrem Land durch die Occidental Oil Company geführt haben. Der Fahrer des Wagens hält einige Male an, um am Wegrand stehende Bauernfamilien und indígenas einzusammeln. Die ECAAS-MitarbeiterInnen betrachten ihr Unternehmen auch in dieser Hinsicht als eine Art „volkseigenen Betrieb“.
„Ich glaube, dass es diese Zugehörigkeit von ECAAS zum sozialen Netz in der Region ist, warum das Unternehmen so vehement kriminalisiert und angegriffen wird.“ Enrique Robles ist ein ganzes Stück kleiner als Jorge Gómez und auf den ersten Blick ebenfalls recht unscheinbar. Möglicherweise ist genau das der Grund, warum er bisher unbehelligt in der Kleinstadt bleiben konnte. Immerhin gehört Robles zur Leitung von COAGROSARARE, dem ebenfalls unter starkem Druck stehenden regionalen Agrarkooperativenverbund.
„Seit der Amtsübernahme von Präsident Uribe ist die Situation in Arauca unerträglich. Die Bürgerrechte sind außer Kraft gesetzt, viele Leute mit Hilfe von Kronzeugen als GuerillasympathisantInnen verhaftet worden. Sogar der gewählte Bürgermeister sitzt im Knast. Der Ausnahmezustand wurde nur deshalb aufgehoben, weil das Oberste Verfassungsgericht ihn für illegal erklärt hat.“ Robles ist überzeugt, dass die Bekämpfung der im Departement mit etwa 2000 KämpferInnen präsenten FARC und ELN dabei nicht das Hauptanliegen der Regierung ist. Für viel wichtiger hält er die Tatsache, dass in Arauca ein Großteil des ökonomischen Lebens in Kooperativen organisiert ist: Taxis, Buslinien, Landwirtschaft, die Dorfläden. „Das sind praktische Alternativen zur Privatisierungspolitik, die das neoliberale Modell prinzipiell in Frage stellen.“

Zunehmender Druck
Doch ganz so losgelöst von der Existenz der Guerilla in der Gegend sind die Anstrengungen der Uribe-Regierung, die Arauca neben den nordkolumbianischen Departements Sucre und Bolívar nach ihrem Wahlsieg 2002 zum Hauptziel ihrer neuen Sicherheitspolitik machte, denn auch nicht zu betrachten. 300 Meter vor uns stehen Bewaffnete neben der Schotterpiste. Ich mache ein irritiertes Gesicht. Robles deutet auf die Viehweiden. In regelmäßigen Abständen sind camouflage-farbene Hängematten unter Bäumen aufgespannt. Durch das Gebiet verläuft die Trasse der Erdölpipeline Cano Limón-Covenas, über die die Occidental Oil Company kolumbianisches Öl auf den Weltmarkt befördert. ELN und FARC haben diese Pipeline in den vergangenen 10 Jahren mehrere Hundert Mal in die Luft gesprengt und der Regierung in Bogotá damit allein im Jahr 2001 geschätzte 445 Millionen US-Dollar Verlust zugefügt. Das wiederum veranlasste die Bush-Administration 2003, 98 Millionen US-Dollar allein zum Schutz der Ölleitung zur Verfügung zu stellen.
Die Präsenz der Guerilla in Arauca beschränkt sich nicht auf ökologisch fragwürdige Pipeline-Anschläge. Vor allem der Frente Domingo Laín hat im sozialen und politischen Leben des Departements in den vergangenen 20 Jahren eine zentrale Rolle gespielt. Diese örtliche ELN-Einheit wurde im Unterschied zu den meisten anderen kolumbianischen Guerillafronten nicht von bestehenden Verbänden gegründet , sondern ging 1980 aus den Reihen einer radikalisierten Bauernorganisation hervor. So hat die Guerilla in Arauca eine Landreform durchgesetzt, die politischen MandatsträgerInnen bei Korruptionsfällen zur Rechenschaft gezogen und in manchen Gegenden sogar gezielt Entwicklungspolitik betrieben.
Enrique Robles ist dennoch davon überzeugt, dass die Uribe-Regierung im Departement nicht in erster Linie eine Niederlage der Aufständischen anstrebt. „Sonst würden die Militärs mit der Guerilla kämpfen. Die größten Anstrengungen unternimmt die Armee jedoch bei der Verfolgung der sozialen Organisationen.“
Nach 20 Minuten Fahrt durch eine idyllisch anmutende Ebene am Fuß des kolumbianischen Bergwalds erreichen wir die Trinkwassergewinnungsanlage von Saravena. In großen Becken wird das aus einem Fluss entnommene Wasser mehrfach gefiltert und aufbereitet, bis es den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Die drei Arbeiter, die auf der Anlage Schicht haben, zeigen sich freundlich, aber wortkarg. Die Morddrohungen richten sich pauschal gegen alle ECAAS-Angestellten. Man ist der Willkür der Todesschwadronen wehrlos ausgesetzt, die in Arauca unmittelbar Armee und Polizei zugeordnet sind. Die Menschenrechtsorganisation Joel Sierra hat mehrfach darauf hingewiesen, dass in dem Departement keine eigenständige Paramilitärstrukturen existieren. Die Folge ist ein traumatisiertes Schweigen.
Ein junger Ingenieur, der sich speziell für die Arbeit in der Trinkwasseraufbereitungsanlage hat ausbilden lassen, zeigt uns neu erworbene Messapparaturen im Labor. Durch das Fenster blickt man auf einen kurz gehaltenen Rasen und eine erst unlängst gestrichene Mauer. Eine betont gepflegte Anlage. Hinter dem ECAAS-Grundstück erstreckt sich der Wald. Wenn die Trinkwasseranlage nicht so laut brummen würde, könnte man hier Grillen und Käfer zirpen hören. Man spürt, wie kurz es her ist, dass der Krieg in das Leben dieser Menschen eingebrochen ist.
Für Enrique Robles ist es von Bedeutung, dass sich das Kooperativennetzwerk in Arauca nicht auf Produktion und Vermarktung beschränkt. COAGROSARARE, betont er, sei ein integrales Projekt. Um uns davon zu überzeugen, zeigt er uns am darauf folgenden Tag eine ländliche Agrarschule außerhalb Saravenas. Während der Fahrt auf der asphaltierten Überlandstraße herrscht nicht gerade entspannte Stimmung. Die Ein- und Ausgänge der Ortschaften werden von Elitesoldaten bewacht. Kurz nachdem wir die Straßensperre von El Fortul passiert haben, kreuzen Helikopter den Himmel. Die Armee hat unlängst mit Herbizideinsätzen gegen Koka-, aber auch Lebensmittelpflanzungen in der Region begonnen und begleitet die Besprühungen mit einer Militäroperation. Außerdem führt die Straße, auf der wir uns bewegen, nach Tame – einer 20.000 Einwohner-Gemeinde, in der rechte Paramilitärs seit 2002 an die 500 Personen ermordet haben und in die unsere Begleiter nicht mehr reisen können.
Doch bevor wir den von Paramilitärs kontrollierten südlichen Teil des Departements erreichen, biegt der Pickup von der Hauptstraße ab. Für einige Sekunden wird deutlich, dass dieser Krieg mehr ist als nur Anspannung und die Präsenz von Truppen. Am Straßenrand liegt ein Toter, dessen Existenz allerdings keinen der Einheimischen zu schockieren scheint. Wenig später gelangen wir auf eine Finca mit großem Geräteschuppen, Wohnhaus und einer geräumigen Kantine. Hier startete vor einigen Jahren ein Pilotprojekt der Bauernorganisation ADUC zur Weiterbildung von campesinos und campesinas. In den erst seit 30 Jahren kolonisierten ostkolumbianischen Llanos haben die meisten Menschen – wenn überhaupt – nur die Grundschule absolviert. Vor diesem Hintergrund entwickelte die Bauernorganisation mit Unterstützung einiger TechnikerInnen das so genannte bachillerato campesino, das Bauernabitur. Über mehrere Jahre, so Robles, seien die campesinos und campesinas der Gegend jeden Monat für vier Tage zusammen gekommen, um sich in landwirtschaftlichen Techniken und Betriebsführung weiterzubilden. Außerdem sei die Schule so etwas wie ein Organisationsansatz gewesen, um die Solidarität unter der Landbevölkerung zu stärken. Mittlerweile hat man das Programm an dieser Schule abgeschlossen und neue Projekte in anderen Teilen des Departements in Angriff genommen.
Die Finca dient seitdem als Versuchsfeld für die Rohrzuckerproduktion. Der Boden von Arauca ist nicht besonders gut für den Anbau der caña geeignet. Aber auf Grund der Kriegssituation hat man beschlossen, die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln zu organisieren.

Kooperativen bauen auf Autarkie
„Wir versuchen die Abhängigkeit von anderen Regionen zu verringern. COAGROSARARE stellt sogar eine eigene Trinkschokolade her.“ Enrique Robles lächelt. „Viele Leute finden die Schokolade zwar grässlich. Aber unsere Kooperativenläden müssen sie verkaufen. Und irgendwann wird die Kooperative das mit der Rezeptur auch besser hinkriegen.“
Wir werden eingeladen, die Felder der Finca zu besichtigen. Eine junge Frau begleitet uns. In Badelatschen schlappt sie neben uns her. Das Zuckerrohr steht nicht besonders hoch, doch die Frau, die sich als Lehrerin vorstellt, ist trotzdem zufrieden. „Wo sonst in Kolumbien hast du Kooperativen, die eigene Traktoren besitzen? Die Finca hier läuft nicht optimal, ist aber immer noch produktiv genug, um sich zu behaupten.“ Die Frau redet Dialekt. Sie stammt aus der Gegend um Medellín und ist eine von mittlerweile 3 Millionen kolumbianischen Vertriebenen. Bis Mitte der 1990er Jahre habe sie in einem Vorort der drittgrößten kolumbianischen Stadt gelebt. Bis ihr Lebensgefährte mit dem Tod bedroht wurde. „Wir sind hierher gekommen, weil wir dachten, dass wir hier unsere Ruhe haben würden. Na ja, da haben wir uns offensichtlich getäuscht.“ Es ist das Drama, das fast alle kolumbianischen Vertriebenen kennen: Repression und Krieg folgen ihnen überall hin. „Wenn wir auch hier weg müssen, bleibt eigentlich nur noch das Ausland. Wir könnten über den Fluss.“ Venezuela ist nur eine halbe Stunde von hier entfernt. Enrique Robles, der das Gespräch mitgehört hat, macht ein ablehnendes Gesicht. „Wir gehen hier nicht weg. Wir haben das alles aufgebaut und wir haben ein Recht darauf, dass man unsere Arbeit und unser Territorium respektiert.“

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