«

»

Artikel drucken

Sozialprojekt von musikalischem Weltrang

Die Kamera schwenkt über Häuserschluchten und schier endlose Wolkenkratzer. Der Verkehr in Caracas ist dicht und hektisch. Zwischen den Backsteinbauten der barrios am Hügel schlängeln sich schmale Wege empor. Mit etwas Pech gerät man hier schnell zwischen die Fronten zweier Jugendgangs. Soweit das Bild, das der deutsche Dokumentarfilm El Sistema als die eine Seite der venezolanischen Realität vermittelt.
Als andere Seite porträtiert die Dokumentation der MusikfilmerInnen Paul Smaczny und Maria Stodtmeier das staatliche System venezolanischer Kinder- und Jugendorchester sowie ihren Gründer, José Antonio Abreu. Dieser schuf 1975 das Netzwerk El Sistema, das heute knapp 300.000 Kindern kostenlos das Lernen eines Instruments ermöglicht. Die dafür nötigen Gelder musste Abreu den unterschiedlichsten Regierungen abtrotzen. Das war zwar nicht immer leicht, doch heute wird seine Arbeit allseits anerkannt.
Die Jüngsten beginnen mit selbst gebastelten Instrumenten aus Papier. So erlernen sie spielerisch die verschiedenen Funktionen innerhalb eines Orchesters.
Neben der Heranführung an die klassische Musik und dem Erlernen eines Musikinstruments steht jedoch vor allem die soziale Integration im Vordergrund. So sind es Kinder und Jugendliche aus armen Verhältnissen, die gezielt von der Straße und damit weg von möglichen Gefahren wie Gewalt und Drogen in die Musikschulen geholt werden. „Die Kinder lernen innerhalb der Gruppe eines Chors oder Orchesters soziale Interaktion, Solidarität, im Team zu arbeiten“, beschreibt Gründer Abreu sein Projekt. Dieses wirke sich nicht nur auf die Kinder aus, die in den Orchestern spielen, sondern integriere die ganze Familie sowie die Nachbarschaft. Aber „man darf sich unter El Sistema nichts Statisches vorstellen. Da dieses System in den Händen der Kinder und Jugendlichen liegt, hat es eine machtvolle Dynamik“, unterstreicht Abreu.
Diese Dynamik wird den ZuschauerInnen des Films eindrücklich nahe gebracht. Wenn die drei ProtagonistInnen von ihrem harten Alltag im barrio erzählen, dem das Lernen und Spielen im Orchester diametral gegenübersteht, wird deutlich, was für eine bereichernde Wirkung die Musik auf ihr Leben hat. Das „System“ hat so mittlerweile auch international für Schlagzeilen gesorgt. „Sozial gesehen holen wir die Kinder aus der Armut, aber wir machen gleichzeitig Musik von hoher Qualität“, beschreibt Henry Crespo, Musikschulleiter in Maracay, das Erfolgsrezept. Glänzendes Beispiel ist das Simón Bolívar Jugendorchester, dessen Dirigent Gustavo Dudamel heute zu den weltweit am meisten versprechenden NachwuchsdirigentInnen zählt. Sein ausdrucksstarker Stil und die atemberaubende Stimmung, die das Orchester vermittelt, wirken nicht nur auf Klassikfans mitreißend.
Smaczny und Stodtmeier gelingt mit El Sistema ein poetisches und unterhaltsames Porträt des venezolanischen Systems der Kinder- und Jugendorchester. Einzig die vermittelten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wirken aufgesetzt und pauschalisierend. Der Fröhlichkeit, Ausgelassenheit und Lebensfreude der Musik sowie dem Strahlen der Kinderaugen werden immer wieder Bilder von der bedrohlichen weil unendlichen und undurchschaubaren Millionenstadt Caracas gegen geschnitten. Während Kriminalität und die widrigen Umstände in den Armenvierteln stark fokussiert werden, kommt vor allem das politische Leben Venezuelas praktisch nicht vor. Durch die Erzeugung der krassen Gegensätze zwischen hartem Alltag und Musikprojekt, erscheint letzteres in um so leuchtenderem Schein, als einziger Ausweg aus Armut und Gewalt. Dabei wäre das konsequente Ignorieren der vielen Schattierungen gar nicht nötig gewesen. Denn selbst unter Berücksichtigung der in den letzten Jahren entstandenen Sozialprogramme und vollzogenen Änderungen in den barrios ragt El Sistema als einzigartiges Projekt hervor.

El Sistema // Paul Smaczny und Maria Stodtmeier // BRD // 100 Min. // EuroArts Filmverleih // Filmstart in den deutschen Kinos: 16. April 2009

Kasten:

Der lateinamerikanische Film im Überblick
Gemessen an den jüngsten Erfolgen von Filmen aus Lateinamerika auf der Berlinale 2009 kommt der zweite Teil von Movie-mientos gerade richtig: Der lateinamerikanische Film in den Zeiten globaler Umbrüche. Movie-mientos II bietet einen Überblick über rund 250 Spiel- und Dokumentarfilme, die seit 1997 produziert und in das europäische Kino gebracht wurden. Die drei filmthematischen Achsen des Buches widmen sich der Darstellung von Gewalt als Gratwanderung, es geht um Beziehungsleben zwischen Desorientierung und neuen Perspektiven sowie um Migration, kulturelle Identität und Globalisierung. Diese Grundthemen werden in den einzelnen Kapiteln schrittweise anhand der ausgewählten Filme thematisch weiter aufgebrochen und entwickelt. Das Buch beschränkt sich nicht auf filmische Beschreibungen und Analysen; die Bedingungen der Filmproduktion und die gesellschaftliche Rezeption der Filme rahmen die Betrachtungen immer wieder ab, was wiederum durch viele Zitate und Kommentare bereichert wird. Vielleicht kein Buch, das sich in einem Zug durchlesen lässt, sondern eher in Etappen zu erlesen ist. Ganz sicher bietet es aber reichhaltige Anregungen, um mit den ausgewählten Filmen über die Grundthemen nachzudenken – und den einen oder anderen Film (wieder) neu zu entdecken. Auf jeden Fall wünschenswert wäre ein ausführlicheres Inhaltsverzeichnis gewesen, denn so bleiben viele interessante Unterthemen erst einmal arg im Verborgenen.
// LN

Bettina Bremme // Movie-mientos II Der lateinamerikanische Film in den Zeiten globaler Umbrüche // Schmetterling Verlag // Stuttgart // 152 Seiten // 24,80 Euro

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/sozialprojekt-von-musikalischem-weltrang/