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Spielball der Mächtigen

Es ist eine Geschichte, die von Ausbeutung, Bevormundung und Ungerechtigkeit handelt. Von Armut und Unterdrückung, Sklaverei und Verfall. Bereits 1971 erschien die Erstfassung von Eduardo Galeanos Hauptwerk Die offenen Adern Lateinamerikas. Wegen seines explosiven, linksgerichteten Inhalts wurde es zunächst von den Militärregierungen Uruguays, Chiles und Argentiniens verboten. Nichtsdestotrotz erlangte die Veröffentlichung des uruguayischen Autors große Bekanntheit, nicht nur in den Staaten Lateinamerikas, sondern auch auf internationaler Ebene.
Galeanos Historie des lateinamerikanischen Kontinents beginnt bei seiner „Entdeckung“ durch die Europäer*innen und führt bis Anfang der 1970er Jahre. Mit Einsetzen der Kolonialisierung musste Lateinamerika unter fremden Mächten leiden, die das Land wegen seiner Reichtümer an sich rissen, gierig ausschlachteten und schließlich dem Verfall anheim gaben. Für Gold, Zucker, Kautschuk und Bananen gingen zuerst die europäischen Kolonialmächte und später auch die Nordamerikaner*innen buchstäblich über Leichen. Ganze indigene Völker wurden von ihrem Land vertrieben oder gar vernichtet. Oder aber sie wurden versklavt und gewaltsam zu unmenschlich schwerer Arbeit in den Minen oder auf den Feldern gezwungen. Während der Reichtum der herrschenden Klasse immer weiter wuchs, konnten die Arbeiter*innen den Eigenbedarf an Gütern nicht einmal annähernd decken. Gewalt, Brutalität und Verzweiflung brach über die Lateinamerikaner*innen herein, die sich gegen die übermächtigen Gegner*innen nur unzureichend zu wehren wussten.
Der anschauliche und sehr ausführliche Stil, dessen sich Galeano in Die offenen Adern Lateinamerikas bedient, wirkt streckenweise etwas langatmig, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Werk eine wichtige Botschaft transportiert: Schonungslos und detailliert berichtet der uruguayische Schriftsteller von der Ungerechtigkeit, die Lateinamerika widerfährt. Er lässt nichts aus, beschönigt nichts und erzählt in einer lückenlosen Chronologie von all den Gräueln, so dass man nicht umhin kommt, als Leser*in die Empörung des Autors aus dem Text herauszulesen. Eine berechtigte Empörung allerdings, bedenkt man, dass Lateinamerika sich nie vollständig von der jahrhundertelangen Tortur der Kolonialisierung, Kriege und Ausbeutung erholt hat.
Seit Ankunft der Europäer*innen ist Lateinamerika dem Welthandel unterworfen. Der Subkontinent wird klein gehalten, ist in einem Teufelskreis aus Armut und partieller Unmündigkeit gefangen. Viele Lateinamerikaner*innen erhalten noch heute Hungerlöhne und ausländische Unternehmen schöpfen noch immer einen Großteil des Ressourcenreichtums ab, das die Lateinamerikaner*innen für ihre eigene Entwicklung nutzen sollten. In einem Nachwort, das sieben Jahre nach der Erstveröffentlichung entstanden ist, bedauerte der Mitte April verstorbene Galeano, dass sich im Grunde nicht viel an den politischen und ökonomischen Verhältnissen in Lateinamerika geändert habe. Das war Ende der 1970er Jahre. Knapp drei Jahrzehnte später hat sich zwar einiges verändert, doch ist Lateinamerika noch lange nicht am Ziel einer vollständigen Selbstbestimmung angelangt.

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