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Stadtgespräche

Was haben Berlin und Buenos Aires gemein, außer dass die beiden Hauptstädte seit nunmehr elf Jahren städtepartnerschaftlich verbunden sind? Das sie Verbindende liegt länger als ein gutes Jahrzehnt zurück und findet sich in der scheinbaren Parallelität verschiedener historischer Gegebenheiten und Ereignisse. Da sind zum Beispiel die diktatorischen Regime, die beide Metropolen durchlebten. Und auch in den wirtschaftlichen und politischen Krisen und Zusammenbrüchen, die in jüngster Zeit beide Städte dies- und jenseits des Atlantiks beutelten, lassen sich Ähnlichkeiten finden.
Diese werden in beiden Teilen des abwechslungsreich gestalteten und schön bebilderten Buches von Anne Huffschmid (Hrsg.): Stadt als Labor. Krise und Erinnerung in Berlin und Buenos Aires aufgezeigt. Der erste Teil lässt die LeserInnen eintauchen in anregende Diskussionen zwischen argentinischen und deutschen KünstlerInnen, politischen AktivistInnen und Kulturschaffenden. In Form von Kurzporträts erhalten ihre im Buch eingefangenen Stimmen auch ein Gesicht und tragen zur persönlichen Note des Bandes bei. In den Gesprächen geht es um die Krisen in Vergangenheit und Gegenwart, um das Lähmende und Zerstörende daran, aber auch um die Kräfte, die solche totalen Zusammenbrüche wie zum Beispiel im Dezember 2001 in Argentinien freisetzen. Die zentralen Gesprächsthemen Krise, Erinnerung, Identität und Klischees sind in den einzelnen Kapiteln nicht getrennt, sondern fließen ineinander über. Schließlich können die Krisen der Gegenwart nicht ohne die Aufarbeitung des Vergangenen und den Umgang mit der Erinnerung daran greifbar und verständlich gemacht werden. Genauso lassen sich die Fragen nach Selbstbild und Identität als Wege aus der Krise selten ohne einen Anflug von kulturellen Klischees beantworten. Krise als zentrales Ausgangsmoment ist also eine Art „Labor“, so auch der Titel des dem Buch zu Grunde liegenden Projekts: ein Versuchsraum für die Entwicklung neuer Identitäten. Und für die Vergangenheitsbewältigung, wenn auch nicht derart, wie sie die politische Klasse mit großen Worten und Gesten sowie mit oft noch größeren Monumenten zelebriert.

Wem gehört die Stadt?

Gehört denen die Stadt, die sie als Marketingobjekt und Werbebühne nutzen? Gehört ihnen die Verwaltung einer kollektiven Erinnerung? Oder gehört sie nicht auch gerade den vielen kleinen Stimmen, im ersten wie auch zweiten Teil des Buches? In letzterem erzählen, quasi überkreuzt, zwei Deutsche und drei ArgentinierInnen von ihren Erfahrungen und Entdeckungen der jeweils fremden Stadtperspektive. Da sind beispielsweise die Ost-Berlinerin, die auf literarischen Spuren mit dem Linienbus Buenos Aires erkundet, der deutsche und der argentinische Fotograf, die über das Bilder machen in der fremden Stadt nachdenken, oder die argentinische Journalistin, die ihren in Berlin durchlebten Kulturschock wieder wachruft.
Anne Huffschmid lässt die Stimmen der Kunst sprechen, nutzt sie, um der Erinnerung Gehör zu verschaffen – auf leisere und eindringlichere Art als es pompöse Erinnerungsinszenierungen vermögen. Im Vergleich der beiden „Stadtlabore“ Berlin und Buenos Aires weitet sich der Horizont der BetrachterInnen, diese wagen den Blick über den Tellerrand der eigenen Krise und Identitätssuche hinaus. Durch das Schweifen in die Ferne erhalten sie Anregungen für die Ausgestaltung des eigenen Hier und Jetzt. Mag Anne Huffschmids Versuch einer Parallelschaltung zwischen Krisen- und Erinnerungskulturen auch nicht neu oder originell sein, spannend und gelungen ist er allemal.

Anne Huffschmid (Hrsg.): Stadt als Labor. Krise und Erinnerung in Berlin und Buenos Aires. Parthas Verlag, Berlin 2006, 240 Seiten, 24,80 Euro

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