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„Stärkung der kommunitären Organisation“

Was ist die COMDDH, wieviele seid Ihr?

Die Organisation besteht in der jetzigen Form seit 1992. Wir sind maestros indígenas, Lehrer aus den ländlichen Indígena-Gemeinden. Auf den Bundesstaat Oaxaca verteilt, gibt es etwa 60 aktive Personen in sieben Regionen.

Worin besteht Eure Arbeit?

Unser hauptsächliches Engagement sind soziale Projekte wie Fortbildung der Campesinos/as, der Aufbau von Alternativen, die zu Selbstversorgung und Autonomie führen sollen. Arbeiten in dieser Richtung finden bereits seit etwa 20 Jahren auf Gemeindebasis statt. Ein weiteres Feld ist jedoch auch die Aufklärung von Morden, zum Beispiel an Lehrern, von Fällen von Verschwundenen etc.

Wie sieht es konkret in den Indígena-Gemeinden aus, in denen Ihr aktiv seid?

Diese Region ist bi- bzw. monolingual, mit so gut wie keiner Infrastruktur – völlig abgelegen. Unsere Hauptanstrengung dort gilt der Stärkung der kommunitären Organisation, der Bewahrung und Wiederbelebung der traditionellen Werte, des kulturellen Erbes, der Wiedererlangung von Würde und Identität. Die Generation der Alten spielt hierbei eine wichtige Rolle, als Bewahrer der Wurzeln, die der Jugend teilweise erst wieder zugänglich gemacht werden müssen.

Wie ist es genauer um die Situation der Jugendlichen bestellt?

Die Indígena-Gemeinden sind in den 90er Jahren natürlich mit der umfassenderen Gesellschaft verknüpft – politisch wie ökonomisch – wenn auch nicht als gleichwertig integriert. Speziell die Jugendlichen spüren den Einfluß der urbanen Welt. Sie wachsen praktisch in zwei Gesellschaften auf und sind sich dessen sehr wohl bewußt, dennoch bleibt die Situation des Kulturschocks nicht aus.

Nicht zuletzt aufgrund des Einflusses der Massenmedien…

Genau so ist es. Die Massenmedien entwerfen ein Bild von unseren Gemeinschaften als eine Art einheitliche Welt, dabei ist jede einzelne Comunidad ein individueller, spezifischer Kosmos für sich.

Wie versucht ihr, dieser zwiespältigen Realität in Euren Projekten gerecht zu werden?

Wir sehen es als wichtig und grundlegend an, die Sensibilität für die Rückkopplung zwischen Jungen und Alten zu fördern. Eines der Hauptziele unserer Projekte ist, diese zwei Welten im Clinch einander näherzubringen. Die Alten sind die „Professionalisten“ in den Angelegenheiten der traditionellen Kultur, die Sabios, die „Wissenden“. So arbeiten wir zum einen mit ihnen, mit der Zielsetzung, die kulturellen Aspekte, wie etwa die mündlichen Überlieferungen, das traditionelle medizinische Wissen, zu retten. Über Projekte etwa der Alternativ-Medizin kann man auch die Jüngeren einbinden, zum Beispiel beim Anlegen botanischer Gärten, wobei die Alten dann ihr Wissen beisteuern. Wir haben in den Dörfern praktisch zwei verschiedene Denkweisen. Für die Jüngeren ist es nicht leicht abzuwarten, bis sich etwas ändert, es ist für sie schwierig, die Langsamkeit der anderen Generation zu begreifen. Mit den Jahren ändert sich der Rhythmus natürlich, die Leute, die früher meine Schüler waren, sind mittlerweile selbst Eltern von Schulkindern …

Hast Du fortbestehende Kontakte zu Deinem Heimatdorf?

Als ich damals wegging, in die Hauptstadt Oaxaca, haben viele gedacht, ich entferne mich auch innerlich und interessiere mich nicht mehr für ihre Belange. Die Leute achten mein jetziges Engagement – ich habe sie nicht verlassen. Ich zeige ihnen – und was dabei wichtig ist, sind Taten, nicht Worte – was ihre Kultur wert ist, die Erde, die Sprache, die traditionellen Bräuche. Dies ist fundamental für ihr Selbstbewußtsein.

„La tierra“ – die Erde – wie gravierend ist die Landproblematik?

Eben das ist unser fundamentales Problem. Die Erde ist für die Leute in den Comunidades alles, sie hat spirituelle Substanz und Bedeutung, ist mit der Kosmologie und Weltanschauung verbunden. Den Leuten die Erde wegzunehmen ist das Ende für die Comunidades, gleichbedeutend mit Mord, mit Auslöschung.

Um auf die Menschenrechte zukommen: gibt es in der Mixe-Region konkrete Konfrontationen mit dem Militär?

Auch das ist ein sehr problematischer Aspekt. Wir hatten, beginnend im Januar 1994, mehrere Male Übergriffe der Streitkräfte, speziell im Landkreis San José Paraíso. Es kam zu Übergriffen und Belästigungen gegenüber der Bevölkerung. Der Vorwand war, es gebe dort Kontakte zur EZLN oder EPR, bis hin zu einem Waffenlager und einem Trainingsplatz. Es geht um die Unterdrückung der sozialen Bewegungen, die sofort als focos rojos, roze Keimzellen eingestuft werden. Als Folge dieser Ereignisse kam es zu einer administrativen Umstrukturierung, die Gemeinde verlor den Status als Municipio und untersteht jetzt der Verwaltung von Tehuantepec.

Das hört sich nach Interessenkonflikt an …

Es ist so, daß die gesamte Region seit etwa den 40er Jahren von Kaziken kontrolliert wird, die Kaffee anbauen, mit den bekannten Mechanismen der Unterdrückung. Es handelt sich um einen Auswuchs der allgemeinen politischen Dekadenz. Durch die administrative Unterordnung von San José an Tehuantepec verstärkt sich die geographische, regionale Isolierung noch mehr.

Ist das nicht vielleicht auch eine Art Chance zur Autonomie für die sozialen Projekte – ich denke da etwa an Tepoztlan …?

Das ist möglicherweise ein Aspekt. Es ist so, daß sich für diese abgelegene Region einfach niemand interessiert, es kümmert sich keiner um die Anliegen der Bevölkerung.

Wie ist Deine allgemeine Einschätzung der Menschenrechtssituation in Oaxaca?

Die momentane Situation ist Ausdruck der gesamten Problematik der sozio-ökonomischen Krise des Landes. Es gibt in Mexiko keine soziale Kontrolle mehr, und es herrscht auf verschiedenen Ebenen der Regierung Angst. Die „Lösung“ ist bislang, jeden Versuch, sich von der Kontrolle durch den caciquismo zu befreien, pauschal zu unterdrücken. Es handelt sich bei der Gewalt gegen die Campesinos um die verlängerte Unterdrückung seit der Conquista, um die Marginalisierung und Unterwerfung der Indígena-Gemeinden unter die Interessen „der Anderen“. Die Regierung versucht, die Kontrolle aufrechtzuerhalten mittels Korruption und Stimmenkauf. Die Stimmen sind sehr wichtig für die PRI, auch wenn die Region dünn besiedelt ist, so fallen sie doch ins Gewicht. Der Staat hat Angst, da er die politisch-ökonomischen Felle dahinschwimmen sieht, nicht nur was die Stimmen angeht, sondern auch die materiellen Ressourcen.
In San José herrscht eine massive Angst vor selektiven Festnahmen – einer der Praktiken des Krieges niederer Intensität. Vor einigen Jahren etwa tauchte ein Brigadegeneral, Sr. Guillermo Galvan Galvan der 29. Zona Militar (Veracruz, Minantla) unvermittelt in San José auf und inspizierte dort herum, was in einer Schwarzen Liste mit den Namen von Lehrern, den Dorfälteren und weiteren verdächtigen Personen resultierte.

Was macht Eure Organisation in so einem Fall?

Obwohl wir uns natürlich um solche Situationen kümmern, hat unsere Organisation damals nichts über das Thema in Umlauf gebracht, vor dem Hintergrund, daß die Gemeinde zu dieser Zeit im Dialog mit der Regierung (von Oaxaca) stand, um die ebenfalls offene Frage der Vorwürfe im Zusammenhang mit der EPR zu klären: Gibt es Waffendepots, Trainingscamps oder nicht … Eine Angelegenheit, deren Klärung sowohl für die Comunidades wie für die Regierung äußerst wichtig ist, als Beweis für die Glaubwürdigkeit gegenüber der Öffentlichkeit. Deshalb hielten wir uns mit Veröffentlichungen zurück.

Wie siehst Du die Stimmung in den Comunidades angesichts der Aktionen der EZLN und EPR – werden sie als eher kontraproduktiv oder als bestärkend für das Selbstbewußtsein erfahren?

Die Dorfgremien schätzen die Aktionen der aufständischen Gruppen und Comunidades tendenziell positiv ein. Es entsteht in wachsendem Maße eine quantitativ wie qualitativ andere Einstellung bezüglich der herrschenden Verhältnisse, eine besseres Verständnis dessen, was vorgeht.

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