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Stan zeigt den Unterschied

Tagelanger Dauerregen prasselte auf weite Teile El Salvadors und den Westen und Süden Guatemalas nieder. Hurrikan Stan verwandelte Bäche in reißende Flüsse, die über die Ufer traten und verheerende Schäden anrichteten. Einige Tiefebenen und Gebiete der Flussmündungen wurden großflächig überflutet.
Manche Regionen El Salvadors und Guatemalas weichten buchstäblich auf. In den zerklüfteten Bergregionen kam es zu tausenden kleineren und größeren Erdrutschen. Die Dörfer am pittoresken Atitlán-See wurden für viele zur Todesfalle. Die Gemeinde Panabaj verschwand komplett in einem Erdrutsch, wurde zum Friedhof erklärt und soll nicht wieder aufgebaut werden. Allein in Panabaj werden bis zu 1.400 Tote befürchtet. Auch das an der Grenze zu Mexiko gelegene Departement San Marcos wurde schwer getroffen. Dort starben in der Gemeinde Cua am Vulkan Tacaná 80 Menschen in zwei Kirchen, die als Notunterkunft dienten und unter einer riesigen Schlammlawine begraben wurden.
Insgesamt könnte die Zahl der Todesopfer auf 2.000 ansteigen, viele Menschen werden noch immer vermisst. Hunderttausende Menschen mussten aus ihren Dörfern fliehen. Sie haben oft nicht nur ihre Häuser verloren. Auch ihre Felder wurden verwüstet, die kommende Ernte ist zerstört. Die Infrastruktur wurde schwer beschädigt. In beiden Ländern haben die Wassermassen und Schlammlawinen dutzende Brücken mitgerissen. Allein in Guatemala sind 1.500 Kilometer Straße unbefahrbar. Selbst zehn Tage nach Beginn der Regenfälle waren einige Gemeinden noch immer von der Außenwelt abgeschlossen.

Mehr als eine Naturkatastrophe
Stan war mehr als eine Naturkatastrophe. Der Hurrikan offenbart die enormen sozialen Unterschiede in den beiden Ländern. Denn es sind vor allem die Armen, die ihre Hütten und Häuser in steilen Hanglagen oder an ungesicherten Flussufern errichten. Der Staat duldet die häufig illegalen Bauten. Schließlich ist dies einfacher, als alternativen und besseren Siedlungs- und Wohnraum anzubieten. Doch die Regierungen kümmern sich viel zu wenig um einen besseren Schutz der Siedlungen vor Unwetterschäden.
Ein gutes Beispiel für die verfehlte Politik ist El Salvadors Hauptstadt. Hier werden mit dem Bau von neuen Straßen, Einkaufszentren und ganzer Stadtviertel die Ausläufer des Vulkans von San Salvador und anderer umliegender Berge versiegelt. Dies verhindert in Kombination mit den Abholzungen, dass das Regenwasser in den Boden versickern kann. Die Folge: immer reißendere Sturzbäche ergießen sich in das Gebiet der Hauptstadt. Ohne die Genehmigung der Bauten in diesen ökologisch sensiblen Gebieten in den letzten Jahren hätte der Hurrikan längst nicht so verheerende Auswirkungen gehabt.
Ein Teil der Katastrophe ist also menschengemacht. In El Salvador liegt einige Verantwortung bei der seit 16 Jahren regierenden rechten ARENA-Partei, die sich mehr für ihre Klientel der GrundstücksspekulantInnen und BauunternehmerInnen interessiert als für die BewohnerInnen von Armensiedlungen. Es gibt zwar ein Umweltministerium, doch dieses hat noch keinen Bau in den gefährdeten Gegenden verhindert, wenn dort hohe Profite zu erwarten waren.
Zeitgleich mit den starken Regenschauern brach der Vulkan Ilamatepec im Westen El Salvadors aus. Seit Wochen schon hatten ExpertenInnen davor gewarnt. Auch die Regierung wusste um die Gefahr einer schweren Eruption. Doch das Nationale Notstandskomitee COEN reagierte nicht. COEN-Chef Mauricio Ferrer wollte die gefährdeten Gebiete nicht evakuieren. Er erklärte, wer die Gemeinden verlasse, handle auf eigene Verantwortung und müsse selbst sehen, wo er unterkomme. So traf die schwere Eruption am 1. Oktober die BewohnerInnen der Gemeinden an den Hängen des Vulkans weitgehend unvorbereitet. Bis zu 20 Kilometer hoch stieg die Aschesäule, einige Gemeinden wurden Meter hoch unter Gestein und Asche begraben. Drei Tote waren zu beklagen, einige Hundert Familien verloren ihr gesamtes Hab und Gut und mit den verschütteten Feldern auch ihre Lebensgrundlage.

Hilfe mit parteipolitischem Kalkül
Katastrophenschutz wird für die salvadorianische Regierung besonders dann zum Fremdwort, wenn es um Gemeinden geht, die mehrheitlich der Opposition nahe stehen. So wurden nach dem Hurrikan Mitch 1999 zahlreiche Gemeinden am Unterlauf des Lempa-Flusses überschwemmt. Die Landkreise dort werden sämtlich von der Ex-Befreiungsbewegung FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) regiert. Mit der Wiederherstellung von einigen Kilometern Schutzdämmen und Drainagekanälen, die bereits einmal guten Schutz boten, als die Region noch von Baumwollplantagen und Rinderfarmen geprägt war, hätten die Überschwemmungen 1999 und auch dieses Mal verhindert werden können. Aber in den letzten sechs Jahren wurde kaum an diesen Dämmen gebaut, die Regierung blieb weitgehend untätig. Die Menschen interessieren sie nicht, zumal sie mehrheitlich FMLN wählen.
Selbst während der Katastrophe ging die Diskriminierung weiter: GemeindevertreterInnen von beiden Seiten des Lempa-Flusses klagen, dass das Notstandskomitee COEN die Notunterkünfte der Region nicht versorgen würde. José Santos Guevara, Präsident einer Gemeindevereinigung des Bajo Lempa, berichtete, dass für die 2.800 Familien, die in Notunterkünften untergebracht werden mussten, auch nach fünf Tagen noch keine Hilfslieferungen des COEN angekommen seien. Bisher seien ausschließlich über Nichtregierungsorganisationen und die Kirchen Hilfslieferungen eingetroffen.
Obwohl die Regierung nach den schweren Erdbeben Anfang 2001 Besserung versprochen hatte, agiert das COEN erneut selektiv und arbeitet nicht mit Basisorganisationen und lokalen Instanzen zusammen.
Dafür kooperiert das COEN mit dem Unternehmerverband ANEP, von dem einige Mitglieder die Katastrophe bereits für eigene Geschäfte nutzen. Derweil verteilen ARENA-KandidatenInnen für die Kommunal- und Parlamentswahlen im März 2006 publikumswirksam Hilfe an die Hurrikanopfer.
Doch die Hilfe kommt längst nicht immer bei denen an, die sie wirklich nötig haben. Mit Straßenblockaden protestierten aufgebrachte BewohnerInnen aus Armensiedlungen dagegen, dass die Regierung ihnen selbst nach einer Woche noch kein Räumgerät bereit gestellt habe, um Straßen frei zu bekommen – während eine Schlammlawine im Reichenviertel San Benito bereits nach vier Stunden geräumt war.
Auch aus Guatemala ist bereits die Kritik zu vernehmen, dass AnhängerInnen der Regierungskoalition von Präsident Berger bei Hilfslieferungen bevorzugt würden. Bischof Alvaro Ramazzini von der Diözese San Marcos wies auf ein weiteres Problem hin: Selbst den guten Willen der Regierung vorausgesetzt, sei der Staat zu schwach, um angemessen auf die Katastrophe zu reagieren. In der Tat: Es fehlen in Guatemala – und auch in El Salvador – gut funktionierende Katastrophenschutzorganisationen.
Doch dies liegt nicht nur an den leeren Staatskassen, die einen effektiven Katastrophenschutz verhindern. Es ist auch eine Frage des politischen Willens und der Prioritätensetzung staatlichen Handelns. Wie wäre es sonst zu erklären, dass das wirtschaftlich schwächere Kuba die eigene Bevölkerung viel besser vor herannahenden Hurrikanen schützt und die gefährdeten Menschen evakuiert?
Michael Krämer

Spendenaaufruf :
Schwere Zerstörungen durch Hurrikan Stan

Unterstützung für die Hurrikanopfer in Guatemala und El Salvador

INKOTA-netzwerk, Ökumenisches Büro für Frieden und Gerechtigkeit und Flüchtlingshilfe Mittelamerika bitten gemeinsam um Spenden für Nothilfe- und Wiederaufbauprojekte. Alle drei Organisationen arbeiten seit vielen Jahren mit lokal verankerten Partnerorganisationen zusammen und können daher sicherstellen, dass die Hilfe auch bei denen ankommt, die sie dringend benötigen.

Spenden unter dem Stichwort „Hurrikan Stan“ bitte an:
INKOTA-netzwerk, KD-Bank, Konto 155 500 0010, BLZ 350 601 90
Ökumenisches Büro für Frieden und Gerechtigkeit, SSK München, Konto 561 76 258, BLZ 701 500 00
Flüchtlingshilfe Mittelamerika, Bank für Sozialwirtschaft Essen, Konto 820 4 300, BLZ 370 205 00
Ökumenisches Büro und Flüchtlingshilfe sammeln speziell für El Salvador, INKOTA sammeln für Guatemala und El Salvador.

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