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Stark im Geist der Vorfahren

2008 hatten die Konzerte mit Aurelio Martínez als Leadsänger noch spüren lassen, wie sehr das Garifuna Collective unter dem Schock von Andy Palacios Tod nach Orientierung suchte. Aber die Gruppe nahm dessen Erbe entschlossen als Inspiration an. 2009 präsentierten dreizehn Garífuna-Frauen mit Umálali ihre kraftvollen Balladen , Hymnen und Chants. Aurelio Martínez nahm den Tod seines Freundes als Signal, aus dem Parlament von Honduras zur Musik zurückzukehren, und präsentierte 2011 nach einjähriger Arbeit mit Youssou N’Dour sein Album Laru Beya.
Heute versteht sich die Gruppe mehr denn je als Kollektiv aus starken Musiker_innen, in dem jeder sich voll entfalten kann und alle von der Mission Andy Palacios überzeugt sind, der mit zeitgemäßer Musik und Texten auf Garífuna die Jugend animierte, ihre im Alltag verwurzelte Sprache und Kultur nicht aufzugeben. „Auch ich habe als Jugendlicher nie Garífuna sprechen wollen, weil es nicht ‚in‘ war“, sagt Joshua Arana im Interview in Prag. Bis ihn Andy Palacio eines Besseren belehrte. Ausgerechnet Joshua Arana, der wohl profilierteste Trommler der Primero, der seit dem 5. Lebensjahr dieses wichtigste sakrale Instrument der Garífuna-Musik spielt, das bei keinem Konzert fehlen darf. Darum hält er wohl auch den Rekord an Tournee-Auftritten, auch wenn er sie nie gezählt hat.
2013 zeigt sich das Garifuna Collective nun mit neuem, starken Selbstbewusstsein. Ayó (Adieu), der Titelsong des neuen Albums, ist eine Hymne auf Andy Palacio, die Lloyd Augustine kurz nach dessen Tod schrieb. Mit eigenen Songs und Leadgesang tritt er auf dem Album stark hervor mit seiner weichen, eindringlichen Stimme, die fast so klingt wie die von Palacio. Aber die Gruppe will keinen neuen Andy Palacio. Darum teilen sie sich bei den Konzerten auch den Leadgesang im Dreierteam: Lloyd Augustine, Mohobub Flores, der auch mit grandioser Turtle Shell Percussion Aufsehen erregt, und Desiree Diego, die sich in den letzten Jahren zur starken Bandvokalistin entwickelt hat. Der kollektive Geist zeigt sich auch in der Vielzahl der Songautor_innen und Leadsänger_innen des Albums. Ihre Texte erzählen von den kleinen und großen Unbilden des Lebens, die in der Kultur der Garínagu von jeher zu Musik geformt werden. Desiree Diego kommentiert in ihrem eigenen Song „Alagan“ die Enteignung ihres Hauses durch den Grundbesitzer: „Auch der Reiche stirbt und lässt sein Eigentum zurück.“ Andere Songs erzählen von Fischern und Zitrusfarm­arbeitern, erloschener Liebe, Furcht vor AIDS, der leichtlebigen Nachbarin und der Obdach suchenden Frau, von der Mutter, die ihres Sohnes Hilfe braucht, von Gelegenheitsgläubigen und von der Welt des Hungers und der Waffengeschäfte.
Ayó ist ein Album der Abschiede und letzten, posthumen Auftritte, gewidmet Andy Palacio und den während der Aufnahmen verstorbenen zwei Musikern, einem Songautor und einem Mentor der Gruppe. Songautor Juni Aranda (71) starb 2011 an Krebs. Perkussionist Giovani Chi (33) wurde als Zeuge in einem Mordprozess erschossen, ohne dass die Tat je aufgeklärt wurde. Weltmusikmentor Charlie Gillett ehrte Andy Palacio 2008 posthum mit dem BBC Radio 3 World Music Award, eine Auszeichnung, die offenbar mit Gillett starb. Und Justo Miranda singt in seinem Song „Seremei Buguya“ (Ich danke dir) am Schluss des Albums ahnungsvoll über Palacio: „Vater, du hattest es gut, du hattest ein großartiges Begräbnis. Ich aber frage mich, wer wird sich um mein Begräbnis kümmern, wenn mein Tag kommt?“ Nur Monate später starb er an Herzversagen, allein unter einem Baum in Honduras, und seine Bandkollegen in Belize erfuhren davon erst Wochen später.
Nach so viel Abschied wundert es kaum, dass die Band schon an den vielleicht nächsten Abschied denkt. Als Zugabe in Prag kündigte Desiree Diego eine Erstaufführung zu Ehren des „Königs des Paranda“ Paul Nabor (83) an, der nicht mehr die Kraft für Tourneen hat, und sagte: „Mit diesem Lied werden wir Paul zu Grabe tragen, wenn er stirbt.“ Es ist eine von Nabors schönsten Balladen „Náguya nei“ (Ich mache mich wieder auf den Weg), in der er sich eine Band für seine Beerdigung wünscht. In einer hinreißenden Neubearbeitung gesungen von Mohobub Flores, der wie kaum ein anderer zu dieser Hommage berufen ist. Hat er doch Ende der 1970er Jahre zusammen mit Pen Cayetano die Punta-Rock-Ära eingeläutet und damit auch den jungen Andy Palacio inspiriert. Zu dieser „Gründer­genera­tion“ gehörte auch Lugua Centeno, der wie auch Aurelio beim Album Ayó mitgewirkt hat. Damit umspannt die Band die gesamte Epoche zeitgemäßer Garífuna-Musik und musikalischer Identitätsstiftung für die Garífuna-Jugend.
Der Produzent und Bandmusiker Ivan Duran mit seinem Stonetree Records Label in Belize hat mit diesem Album zugleich ein Experiment gewagt: Parallel mit Ayó produziert, brachte er gleich ein zweites Album quasi im „Doppelpack“ heraus: die gelungene Koproduktion Black Birds Are Dancing Over Me mit dem kanadischen Singer-Songwriter Danny Michel, der bei häufigen Aufenthalten in Belize der Garífuna-Musik verfiel. Das Garifuna Collective bereichert Michels Rockpoesie über seine Eindrücke in Belize mit kraftvollen Rhythmen, afrikanischer Perkussion und Response-Versen auf Garífuna, gipfelnd in dem eindringlichen zweisprachigen Schlussduett von Michel mit Paul Nabor, der hier seinen Ehrenplatz findet. Danny Michel wirkte auch bei vielen der 27 Konzerte mit, die das Garifuna Collective in diesem Sommer in Nordamerika spielte.
Die Alben, die Konzerte und persönliche Gespräche zeigen eindrucksvoll, wie stark das Garifuna Collective heute ist und wie entschlossen, Andy Palacios Mission weiterzuführen und die Garífuna-Sprache und -Kultur mit den Mitteln der Musik zu fördern. Und das tun sie mit einem faszinierend hypnotischen Sound aus Nostalgie und Lebensfreude. „Das ist unser Lebensziel, ja, unser Leben“, sagt Joshua Arana, „und das tun wir für die, die nach uns kommen.“

The Garifuna Collective // Ayó // Stonetree Records // Belize 2013 // www.garifunacollective.com, www.facebook.com/garifunacollective

Danny Michel with the Garifuna Collective // Black Birds Are Dancing Over Me // Stonetree Records // Belize 2013 // www.garifunacollective.com, www.facebook.com/garifunacollective

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