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Sterbende Flussuferkultur

Derzeit geht das Leben in Cujubizinho am Rio Madeira im nördlichen Bundesstaat Rondônia noch seinen gewohnten Gang. Mit dem sinkenden Wasserstand im Juni wurde im Schwemmland entsprechend dem Jahresrhythmus auch in diesem Jahr mit dem Pflanzen von Bohnen, Kürbissen, Maniok und anderen Einjahreskulturen begonnen. „Alles, was wir in der várzea pflanzen, wächst an, ohne Dünger und Agrargifte“, erläutert Senhor Caribé aus der kleinen Gemeinschaft am Fluss. Vor dem Ansteigen des Wassers ab November wird geerntet: für den Eigenverbrauch, die Direktvermarktung oder den Verkauf an die staatlichen Ernährungsprogramme Conab und das Schulspeisungsprogramm Merenda Escolar. Letztere geben derzeit für einen bedeutenden Teil der Ernte eine Abnahmegarantie. Doch diese Ernte könnte schon die letzte sein.
Cujubizinho liegt rund 40 Kilometer flussabwärts von Porto Velho, der Hauptstadt des Bundesstaates Rondônia, am Rio Madeira, dessen gewaltige Weißwassermassen den Amazonas speisen. Dort, am rechten Ufer des Madeira, lebt und arbeitet die kleine Gemeinschaft von Flussanwohner_innen. Noch – denn Cujubizinho ist Teil einer voraussichtlich bald sterbenden Flussuferkultur. Zumindest für den Bundesstaat Rondônia ist das Todesurteil für die Lebens- und Wirtschaftsweise der Beradeiro-Kultur längst gefällt. Beradeiro – abgeleitet von beira, Ufer, das „i“ wird im regionalen Sprachgebrauch nicht verwendet – ist die Eigenbezeichnung der Flussanwohner der várzea am Rio Madeira.
Als várzea werden die im Jahresrhythmus überfluteten fruchtbaren Flussauen der amazonischen Weißwasserflüsse bezeichnet. Diese Flüsse enthalten besonders viele mineralische Schwebstoffe und haben eine helle lehmige Färbung. Die Auen finden sich nur an den großen amazonischen Flüssen, die ihre Quellgebiete in den geologisch jungen Anden haben. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um den Amazonas selbst sowie dessen mächtige Nebenflüsse Purus, Juruá und insbesondere den Madeira, der nahezu die Hälfte der gewaltigen nährstoffreichen Sedimentfracht des Amazonas heranführt.
Die Bewirtschaftung der amazonischen várzea erfolgt wohl schon seit der frühesten Besiedelung des Amazonasbeckens durch indigene Völker. Die ersten Kolonisatoren, die den Amazonas befuhren, waren über die Fruchtbarkeit der várzea erstaunt, die ein deutlicher Gegensatz zur nährstoffarmen terra firme ist, die etwa 98 Prozent des Amazonasgebietes umfasst. Es wird geschätzt, dass auf dem nur zweiprozentigen Flächenanteil der várzea in präkolonialen Zeiten etwa eineinhalbmal so viele Menschen lebten wie im riesigen Gebiet der terra firme.
Obwohl nahezu alle indigenen Várzeavölker schon in den Frühzeiten der Kolonisation durch direkte Gewalt, eingeschleppte Krankheiten oder Assimilation in die Kolonialgesellschaft verschwanden, haben sich Teile ihrer Wirtschaftsweisen und ihres Wissens bis zu den heutigen Flussanwohner_innen der Várzea tradiert. So auch in Cujubizinho.
Doch etwas weiter flussaufwärts am Rio Madeira stehen Bauunternehmen kurz davor, dieser alten Wirtschaftsform den Todesstoß zu versetzen. Auf einer Länge von etwa 200 Kilometern von der bolivianischen Grenze bis nach Porto Velho wurden bereits alle beradeiros umgesiedelt. Dort ist die jahrhundertealte Kultur seit zwei Jahren nur noch Geschichte. Diese beradeiros mussten weichen, da ihre várzea von den Stauseen der beiden sich im Bau befindlichen Großstaudämme Santo Antônio und Jiraú überflutet werden. „Obwohl ich es könnte, bin ich nie wieder zurückgekehrt auf das Stück Land, auf dem ich aufwuchs und meine Mutter bis vor kurzem lebte, pflanzte und erntete“, erzählt Semayra Moret, die heute in Porto Velho lebt. „Die Fruchtbäume werden nie mehr abgeerntet werden: Caju, Mango, Avocado, Zitronen und viele andere. Ich möchte diese Zerstörung nicht sehen,“ sagt sie. Auch in anderen Gemeinschaften am Fluss sehe es so aus. „Letzte Woche fuhr ich an dem Dorf Mutum-Paraná vorbei, wo meine Schwester lebte. Dort gibt es kein Leben mehr. Ein riesiges Gebiet am Ufer des Madeira und seines Zuflusses Mutum wurde von Traktoren niedergewalzt und in eine große Öde verwandelt“, meint Senhora Moret.
Nächstes Jahr sollen die Schleusentore geschlossen und mit der Flutung der Stauseen begonnen werden. Ab diesem Zeitpunkt werden auch die Gemeinschaften unterhalb der Staumauern die Auswirkungen deutlich zu spüren bekommen. Die jährlichen Wasserstandsschwankungen, die in der Gemeinschaft Cujubizinho im Mittel etwa 15 Meter beträgt, werden deutlich gestört werden und die für die Várzeabewirtschaftung so notwendige Sedimentfracht wird sich ebenfalls deutlich verändern. Wie viele der Sedimente sich in den beiden Stauseen ablagern und wie viel die Turbinen durchfließen, kann derzeit niemand seriös vorhersagen. Der Einschätzung der Genehmigungsbehörden, dass der größte Teil der Sedimente die Stauseen und die Turbinen passieren, kann daher nicht so ohne Weiteres getraut werden. Es gibt bisher weltweit keine vergleichbaren Staudammbauten in tropischen Gebieten und daher keine Vergleichsdaten. Andere Großstaudämme in tropischen Gebieten wurden an Flüssen mit vergleichsweise geringer Sedimentfracht erbaut. Den Bau der Staudämme kann man daher auch als gigantisches milliardenteures Experiment betrachten, dessen Ergebnisse in den nächsten Jahren mit Interesse ausgewertet und diskutiert werden. Die Bewohner von Cujubizinho werden sie vermutlich weniger diskutieren als erleiden.
Etwa alle zehn Jahre gibt es am Madeira eine „große Überflutung“, die bis an, unter und auch in die Häuser der Gemeinschaft reicht. Die Straßen sind dann nicht mehr befahrbar und die Fortbewegung erfolgt in dieser Zeit nicht mehr zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Bus oder dem Auto, sondern mit dem Kanu. An das Auftreten solch mächtiger Naturgewalten, mit Überflutungen, die deutlich über den durchschnittlichen 15 Meter Wasseranstieg liegen, sind die Gemeinschaften gewöhnt und ertragen sie gelassen. Sie wissen zudem, dass solche Hochwasser auch die höher gelegenen Böden periodisch mit dem fruchtbaren Sedimentschlamm anreichern. Was zukünftig die Verringerung oder das Ausbleiben der Sedimentfracht durch die Staudammbauten für ihr Leben und ihre Wirtschaftsweise genau bedeutet, wissen sie noch nicht, fürchten aber deren Konsequenzen. Senhor Caribé aus der Gemeinschaft Cujubizinho: „Uns haben die Verantwortlichen hier vollkommen im Stich gelassen.“
Der Bau der beiden Staudämme ist schnell vorangeschritten. Aufhalten wird man deren Fertigstellung wohl kaum noch, zumal es kaum Initiative in diese Richtung gibt. Derzeit sind etwa 30.000 Arbeiter_innen direkt an den beiden Staudämmen beschäftigt, die rund um die Uhr den Niedrigwasserstand nutzen, um die Bauwerke voranzutreiben. Für Schlagzeilen sorgten in den letzten Monaten die vielen Veränderungen, die der Bau mit sich bringt. 100.000 Arbeitsmigrant_innen zogen insbesondere nach Porto Velho, dessen Infrastruktur damit deutlich überfordert ist. Wegen schlechter Bedingungen auf den Baustellen streikten die Arbeiter_innen, und nahe der Staudämme entstehen beständig neue Siedlungen, die sich dann schnell vergrößern.
Vergessen hingegen scheinen die beradeiros zu sein. In der öffentlichen Debatte sind diese traditionellen Gemeinschaften unsichtbar. Wie stark sich die Staudammbauten auf das Ökosystem der Várzea und die Gemeinschaften entlang des Madeira oder sogar des Amazonas selbst auswirken, ist derzeit unklar. Die Langzeiteffekte könnten unter Umständen dramatischer ausfallen, als es sich die brasilianischen Planungsbehörden, selbst in den weniger optimistischen Szenarien, vorstellen. Klar aber ist, dass die beradeiros vom Bau und von der Stromerzeugung, entgegen der vollmundigen Ankündigungen vor Baubeginn, nicht profitieren werden. 100 Prozent der Stromproduktion wird über eine Überlandleitung über tausende von Kilometern in die brasilianischen Zentren geleitet werden. Wenn die Bepflanzung der várzea am Madeira weiterhin möglich sein sollte, was keineswegs gesichert ist, wird sie nicht mehr alleine vom natürlichen Jahreszyklus bestimmt werden. Sondern von den Anforderungen der brasilianischen Elektrizitätsindustrie und der Kraftwerksbetreiber, die wenig Rücksicht auf die Notwendigkeiten der Várzeagemeinschaften nehmen werden.
Der Bundesstaat Rondônia verliert mit der Beradeirokultur auch eine seiner wenigen historischen Wurzeln, aber dies spielt in der Debatte gar keine Rolle. Brasilien, das gerne seine soziale und kulturelle Vielfalt betont, wird damit kulturell ärmer werden. Die Lebensweise der Beradeiros hat ihre besonderen Eigenheiten – und ihre Wirtschaftsweise ist seit Generationen im umfassenden Sinn nachhaltig. In gewisser Weise haben die Beradeiros Pech. Für die traditionelle Beradeirokulktur interessiert sich die große brasilianische Politik und Administration wenig, da es sich „nur“ um kleine zudem wenig artikulierte Gemeinschaften ohne große Einflussmöglichkeiten handelt. So hielten es die Behörden nicht für nötig, zumindest Entschädigungsverträge mit den unterhalb der Staumauer gelegenen Gemeinschaften abzuschließen, für den Fall der realistischerweise zu erwartenden negativen wirtschaftlichen Auswirkungen. So werden sie für ihre Verluste wahrscheinlich noch nicht einmal die sonst üblichen lächerlichen Entschädigungszahlungen erhalten und wären damit offiziell auch nicht als Betroffene der Staudammbauten anerkannt.
Die beradeiros entgehen aber auch der internationalen Aufmerksamkeit. Da sie einerseits keiner großen sozialen Bewegung zugeordnet werden können und andererseits keine Indigenen sind, lief für sie keine internationale Solidaritätsmaschinerie an, als die Staudammbauten anstanden. Für diese Aufmerksamkeit waren sie zu wenig organisiert oder zu wenig indigen. Das Verschwinden der Beradeirokultur wird somit in den kommenden Jahren wahrscheinlich ein leises Sterben sein. Es war ein trauriger Besuch in Cujubizinho.

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