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Streit in der FSLN – nun auch mit Gewalt?

Nach Angaben von MitarbeiterInnen des Senders “Radio Ya” waren die Täter mit Pistolen bewaffnet und trugen Uniformkleidung. “Ihr seid nicht schuld”, erklärten sie den Radiobeschäftigten. “Wir meinen Guadamuz. Das ist die letzte Warnung. Wenn er weiter Alemán und diesen Leuten in die Hände arbeitet, wird er wie Arges Sequeira enden.” Der Privatunternehmer Sequeira war Ende 1992 von den FPI ermordet worden. Die Bewaffneten schrieben an die Wand des Senderaums: “Guadamuz, wenn du dich verkaufst, wirst du es bereuen” und unterzeichneten mit den Buchstaben FPI.
Nach Angaben des Direktors Guadamuz erhielt der FSLN-eigene Sender seit Beginn der Ausstrahlung von Werbung für die Bürgermeisterei Managuas vor eineinhalb Monaten Drohungen. Mit den Werbespots macht Arnoldo Alemán Propaganda für seine angeblich erfolgreiche Arbeit als Bürgermeister der Hauptstadt. Laut Guadamuz kann sein Sender aufgrund eines bestehenden Vertrages mit der Vereinigung der Werbeagenturen die Ausstrahlung der Werbeeinblendungen nicht verweigern. Außerdem sei Werbung die einzige Finanzierungsquelle des Senders.
Guadamuz löste in der FSLN beträchtliche Unruhe aus, als er erklärte, “ein aktives Mitglied der Nationalleitung der FSLN” sei für die Morddrohungen gegen ihn verantwortlich. Nach Darstellungen der rechten Abendzeitung “La Prensa” handelt es sich dabei um den Revolutionskommandanten Tomás Borge, während andere spekulierten, Daniel Ortega sei gemeint. Die FSLN-Nationalleitung bezeichnete die Vorwürfe Guadamuz’ als “unverantwortlich”. Sie seien “ein Attentat gegen die Einheit des Sandinismus und spielen der extremen Rechten und dem Somozismus in die Hand”. Der FSLN-Parlamentarier Herty Lewites meinte, Guadamuz müsse mehr Reife bei seinen Erklärungen zeigen, während Manuel Beteta von der Sandinistischen Versammlung bezweifelte, daß Guadamuz genügend “moralische Autorität oder Beweise” für seine Vorwürfe habe. FSLN-Generalsekretär Daniel Ortega verurteilte das Attentat auf Radio Ya, äußerte aber Unzufriedenheit über die Ausstrahlung der Werbeeinblendung für Alemán, weil “dieser Herr ein lebendes Beispiel des Somozismus” sei. Auch auf der letzten Sitzung der Sandinistischen Versammlung, des höchsten Gremiums der FSLN zwischen den Parteitagen, wurde diesbezüglich Kritik laut. Im gleichen Sinne erklärte der Direktor des prosandinistischen Fernsehsenders “Canal 4”: “Ein Sender, der die Interessen des Volkes vertritt, darf keine Reklame machen für den Bürgermeister, der der Vertreter des Somozismus in Nicaragua ist.”
Auch andere nicaraguanische Medien verurteilten das Attentat auf Radio Ya als “Angriff gegen die Meinungsfreiheit”, während die JournalistInnenverbände UPN und APN keine Erklärungen abgaben und sich damit vielfache Kritik zuzogen.
Die redaktionelle Linie von Radio Ya war in der Vergangenheit in der Partei als intolerant und ausgrenzend gegenüber kritischen Teilen der Partei oder als nicht kämpferisch genug nach außen kritisiert worden. Der Direktor des prosandinistischen Senders “La Primerísima”, William Grigsby, hatte in der Vergangenheit ebenfalls Kritik an der Linie von Radio Ya geübt, solidarisierte sich jetzt aber uneingeschränkt mit dessen Direktor. In einem Kommuniqué für Radio Ya schimpfte Grigsby gegen diejenigen, die wie Daniel Ortega das Attentat zwar verurteilt, diese Verurteilung aber durch die Kritik an der Ausstrahlung der Werbung für Alemán abgewertet hätten. Die Reaktion Grigsbys ist anscheinend ziemlich einseitig vom Finanzierungsbedarf der Radiosender durch Werbeeinnahmen und seine gewohnt konfliktfreudigen Haltung gegenüber der Nationalleitung bestimmt.
Carlos Guadamuz zog seine Vorwürfe gegen ein namentlich nicht genanntes FSLN-Führungsmitglied nach einem Gespräch mit Daniel Ortega zurück. Guadamuz sagte in einer mehrmals von Radio Ya ausgestrahlten Erklärung in eigener Sache, er hätte “im Eifer des Gefechts” zu leichtfertig Informationen vertraut, die sich inzwischen als falsch erwiesen hätten. Der Radio-Ya-Direktor versicherte, seine Freundschaft mit Daniel Ortega sei unzerbrechlich. Aber der politische Schaden war bereits angerichtet. Guadamuz und auch William Grigsby haben – vermutlich unabsichtlich – der Kampagne der SomozistInnen und politischen Rechten in Nicaragua Nahrung gegeben, die führende SandinistInnen als “Terroristen” bezeichnen. Den politischen Preis dafür werden auch jene SandinistInnen bezahlen müssen, zu deren Fürsprecher sich die beiden Radiodirektoren machen wollen.

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