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Strom + Kapitalismus = Entwicklung ?

Armutsbekämpfung ist das – angebliche – Ziel von Mammutprojekten wie dem Bau von Staudämmen, industriellen Garnelenzuchtbecken, Autobahnen, Billiglohnfabriken und der Anlage riesiger Monokulturen. Als Grundvoraussetzung zur Armutsbekämpfung bezeichnen Regierungen, Weltbank und Internationaler Währungsfond (IWF) vor allem die Schaffung neuer Energiequellen. Staudämme mit Kraftwerken gelten gerade in den ärmeren Ländern als ideale Lieferanten von Energie und Wasser, mit gleichzeitiger Garantie für gute Geschäfte der beteiligten Konzerne. Die gravierenden ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen für die Region werden von den Verantwortlichen nicht zur Kenntnis genommen, geleugnet oder schön geredet. Einige Zahlen zur Dimension der Staudammindustrie: Weltweit gibt es derzeit etwa 45.000 große Staudämme. Und weltweit wurden zwischen 40 und 80 Millionen Menschen durch den Staudammbau von ihrem Land vertrieben, oft mit Gewalt. Ihre Lebensbedingungen haben sich meist erheblich verschlechtert, viele erhielten keine Entschädigung und somit keine Chance zum Aufbau einer neuen Existenz.

Leere Versprechungen und Repression

Wie schon im ersten Film ihrer Reihe zu sogenannten „Entwicklungsprojekten“ in Mittelamerika, in Der Garnelenring, ist es Dorit Siemers und Heiko Thiele auch in Land unter Strom eindrucksvoll gelungen, den eklatanten Widerspruch zwischen den Versprechungen und den tatsächlichen – fast immer katastrophalen – Ergebnissen für die betroffene Bevölkerung und die Umwelt zu dokumentieren. An vier Beispielen aus Honduras, El Salvador und Guatemala zeigen sie die ganze Bandbreite dessen, was solche Projekte für das Leben der Menschen vor Ort bedeuten. Sie zeigen die Angst vor Zerstörung ihrer Existenz; die Hilflosigkeit gegenüber Staatsmacht und Sicherheitstrupps der Konzerne; zeigen die Wut über die Ungerechtigkeit und den Widerstand dagegen; enthüllen die Beschönigungen und Lügen der Staudammverfechter.
Die Stauung des Flusses Babilonia in einer der artenreichsten Regionen von Ost-Honduras beispielsweise: Ein großer Teil eines Nationalparks und lebenswichtige Kaffeepflanzungen der Gemeinde La Venta werden überflutet. Etwa 20 Gemeinden im Tal werden infolge des Wasserkraftwerks einfach von der Wasserversorgung durch den Fluss abgeschnitten. Die Ernteerträge sinken stark, ebenso die Tier- und Fischbestände. Zudem vertuscht die Machbarkeitsstudie des privaten Konzerns ENERGISA das Risiko eines Bergsturzes wegen des sandigen Bodens. Die Universität von Honduras weist in ihren Untersuchungen nach, dass dort mehrere geologische Brüche existieren, was selbst bei nur schwachen Erdbeben katastrophale Folgen zeitigen könnte. StaudammgegnerInnen werden systematisch unter Druck gesetzt und verfolgt. Etliche von ihnen, so amnesty international (ai), haben Morddrohungen erhalten. Einer von ihnen wurde vom schwerbewaffneten Sicherheitspersonal des Staudammunternehmens auf seinem Grundstück vor Zeugen erschossen. Die nahezu zeitgleich anwesende Polizei unternahm nichts gegen die Mörder. Die Geschäftsleitung des Werkes verweigert jede Aussage und macht unbehelligt weiter.
Andernorts – wie im grenzüberschreitenden Staudammprojekt El Tigre zwischen El Salvador und Honduras – zeigen sich die Segnungen derartiger ‚Entwicklungsprojekte’ in massenhafter Vertreibung der Bevölkerung: Allein in Honduras sind 60.000 Menschen direkt betroffen. Am wasserreichen Usumacinta-Fluß im Grenzgebiet von Guatemala und Mexiko droht ebenfalls 60.000 Menschen die Vertreibung durch fünf Staudammprojekte. Berühmte Mayaruinen und noch schätzungsweise 200 unentdeckte Mayastätten würden außerdem in den Fluten untergehen und eines der letzten unberührten Ökosysteme nördlich des Amazonas zerstört werden. Die neue, infame Strategie der Regierung: Man leugnet die Pläne und handelt trotzdem.

PPP und CAFTA

Die Schattenseiten der boomenden Energiegeschäfte sind aber noch größer. Der in den Wasserkraftwerken produzierte Strom wird im wahrsten Sinne des Wortes über die Köpfe der geschädigten Bevölkerung hinweg per Hochspannungsleitungen transportiert, sogar in den Norden des Kontinents exportiert. Für die Landbevölkerung ist keine Elektrizitätsversorgung vorgesehen. Falls doch, dann nur zu ungerechten Bedingungen und unbezahlbaren Preisen. Denn die weitgehend privatisierte und vom US-Konzern AES dominierte Elektrizitätswirtschaft in vielen mittelamerikanischen Staaten denkt nicht an flächendeckenden Aufbau einer Stromversorgung und schon gar nicht an reelle Tarife. Wo AES das Sagen hat, haben sich die Tarife verdoppelt, manchmal verdreifacht.
Der politische Zusammenhang ist klar: Es geht darum, – koste es, was es wolle (auch um den Preis von Menschenleben) – ideale Voraussetzungen für freien Handel zwischen den USA und Mittelamerika mittels der Freihandelszone CAFTA zu schaffen. Dazu zählt vor allem die rasche und bedingungslose Umsetzung des vom mexikanischen Präsidenten Fox verkündeten Plan Puebla-Panamá (PPP): Die passende Infrastruktur bei Energie, Verkehrs- und Produktionsbedingungen wird zügig und rücksichtslos geschaffen.
Missachtet werden dann im Eifer der „Entwicklungsgeschäfte“ die Belange derjenigen, für die die Projekte den offiziellen Verlautbarungen zufolge realisiert werden: Trotz im PPP festgelegter Beteiligung der betroffenen Bevölkerung wird sie entweder nicht gehört, ihre Einwände werden missachtet oder aber man verleugnet die bereits in Planung oder Bau befindlichen Mammutprojekte. Zudem gibt es vielfache Verstöße gegen nationale und internationale Bestimmungen. Da sich die – meist indigene und bäuerliche – Bevölkerung zunehmend gegen die Missachtung und Verletzung ihrer Menschenrechte wehrt, vernetzt und zusammensschließt, laufen inzwischen verschiedene Klagen bei der ILO (Internationale Arbeitsorganisation der UNO) und beim interamerikanischen Menschenrechts-Gerichtshof.

Auf Sand gebaut

Die deutsche Beteiligung bei all diesen profitablen Projekten ist natürlich auch von Interesse. Einen herausragenden Platz nimmt weltweit der deutsche Konzern Lahmeyer International (LAMI) ein. Anteile an LAMI besitzen u.a. RWE, die Deutsche und die Dresdner Bank. An Hunderten von Staudammprojekten der letzten Jahrzehnte hat der in über 140 Ländern aktive Konzern u.a. durch Machbarkeitsstudien mitgewirkt. Auch die heftig umstrittene Studie zum im Film gezeigten El-Tigre-Projekt stammt von LAMI. Aufschlussreich für die Arbeitsweise dieses und anderer Konzerne der Staudammindustrie ist nicht nur die Zusammenarbeit LAMIS mit der guatemaltekischen Militärregierung in den 1980er Jahren, sondern auch die Qualität der Arbeit: Führte die Weltbank doch den zweimaligen Einsturz eines Tunnels der Anlage auf LAMIs „sehr beschränkte Untersuchung des Untergrundes“ zurück! Dass das Kraftwerk dreimal so teuer wurde, wie von LAMI kalkuliert und sehr bald wegen der fehlerhaften Studie und Konstruktion abgeschaltet werden mußte, ist kein Einzelfall. Es ist eher Normalität, wie Untersuchungen der Weltstaudammkommission ergaben. Interessant auch, dass die von der mit BefürworterInnen und GegnerInnen besetzten Weltstaudammkommission erarbeiteten Kriterien für den Bau sowohl von der Weltbank als auch vom deutschen Wirtschaftsministerium abgelehnt werden.
Es ist unmöglich an dieser Stelle die vielfältigen und aufschlussreichen Informationen wiederzugeben, die beide Filme in eindrucksvollen Bildern und mit vielen O-Tönen aller Beteiligten vermitteln. Diese, zusammen mit der Darstellung der Betroffenen und ihren Widerstandsformen, machen die Dokumentationen äußerst sehenswert.

Eine längere Version des Artikels ist erschienen in der aktuellen Ausgabe der Nicaragua Zeitung. www.nicaragua-verein.de

Infos und Bestellung der DVD:
Zwischenzeit Münster e.V.
Land unter Strom
www.zwischenzeit-muenster.de

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