«

»

Artikel drucken

Südamerika im Fußballfieber

24 Jahre mußte Brasilien auf seinen vierten WM-Titel warten. In den USA 1994 klappte es dann dank der Genialität und der Tore Romários. Romário ist auch dieses Mal wieder dabei. Der Topstar der Mannschaft ist jedoch inzwischen sein Sturmpartner Ronaldo, in Brasilien Ronaldinho genannt. Der erst 21jährige war Weltfußballer der Jahre 1996 und 1997. Auf dieses Sturmduo setzt Trainer Mario Zagallo und ist wie Pelé und viele Experten von der Titelverteidigung in Frankreich überzeugt. Bisher gelang es nur einem Land, auf einem fremden Kontinent Weltmeister zu werden: Brasilien, bei seinem ersten Triumph 1958 in Schweden.

Ronaldo – “Schuh Gottes und Schuhsoldat von Nike”

Schon vor vier Jahren, im Alter von gerade mal siebzehn, war Ronaldo bei der WM dabei und in aller Munde. Gespielt hat er zwar nicht und nominiert wurde er auch nur als Nachrücker, aber in den Schlagzeilen war er trotzdem. Die Mutter des damaligen Nationaltrainers Carlos Alberto Parreira forderte via Fernsehen seinen Einsatz und bezweifelte so öffentlich den Sachverstand ihres Sohnes. Schon damals wurde Ronaldo als der legitime Nachfolger von Pelé gehandelt, dem größten brasilianischen Fußballer aller Zeiten. Kein Wunder, daß zahlungskräftige europäische Vereine Schlange standen, um den Teenie mit Zahnspange zu ködern. Ajax Amsterdam, Inter Mailand, AC Mailand, AC Parma, Juventus Turin und Benfica Lissabon wollten ihn – der PSV Eindhoven bekam ihn, also der Klub, der schon 1988 das damalige Stürmertalent Romário verpflichtet hatte, der dann später bei Barcelona und bei der WM 94 zum absoluten Weltstar avancieren sollte. Romário selbst riet Ronaldo erstmal nach Eindhoven zu gehen, um dort wie holländischer Käse langsam reifen zu können. 10 oder 15 Millionen DM soll der 17jährige gekostet haben, teuerster Import des holländischen Fußballs. Sein erster internationaler Einsatz für Eindhoven war ein Werksduell: Bayer Leverkusen gegen Philips Sportverein Eindhoven. Ronaldo verzückte das Publikum mit drei Toren, konnte aber die 4:5 Niederlage ebensowenig verhindern wie das Ausscheiden nach dem torlosen Rückspiel, bei dem er gegen zwei eigens für ihn abgestellte Bewacher nichts ausrichten konnte. Mit mindestens zwei Gegenspielern muß sich Ronaldo seitdem immer herumschlagen, denn einer allein kann ihn nicht stoppen. Ronaldo ist aktuell der antrittsschnellste Stürmer der Fußballszene, sowohl mit als auch ohne Ball. Wenn er mal ins Laufen kommt, ist er kaum noch zu halten, zu eng die Ballführung, zu rasant die Körpertäuschungen, mit denen er die Verteidiger und Torhüter ins Leere laufen läßt. Ronaldo kann einfach alles, nur beim Kopfball hat er gewisse Schwächen. Kein Wunder, daß sich Nike, wo Ronaldo seit 1996 unter Vertag steht, gerade seiner bedient, um im Schuhkrieg die Konkurrenten Adidas, Reebok und Puma auszustechen. Nike-Firmengründer Phil Knight hält Fußball für “die politischste aller Sportarten. Fußball rangiert in seiner Wichtigkeit in vielen Ländern an zweiter Stelle hinter Krieg”, formulierte er drastisch. Ronaldo und Brasilien sind seine zentralen und bestbezahltesten Söldner in dieser Schlacht. Brasilien erhält für zehn Jahre 380 Millionen US-Dollar, Ronaldo 28 Millionen für denselben Zeitraum. Nachdem Ronaldo 1996 seine holländische Reifephase nach zwei Jahren und 54 Toren in 57 Spielen für abgeschlossen hielt, wechselte er für 30 Millionen DM zum FC Barcelona, wie einst auch Romário. In Barcelona tauften ihn die Medien auf den Namen “Schuh Gottes”. Nur ein Jahr später ging er nach 47 Toren in 49 Spielen für 52 Millionen von Barcelona zu Inter Mailand. Seitdem kursieren hartnäckig Gerüchte, die behaupten, daß Ronaldo saisonweise dort von Nike geparkt werden soll, wo es gerade Konkurrenten auszustechen gilt. Die neuesten Meldungen über eine bevorstehende Rückkehr nach Barcelona scheinen dies zu unterstreichen. Aber vorher will “Il Fenomeno”, wie Ronaldo in Italien genannt wird, aktiver Weltmeister werden. “Diesmal will ich keine Sekunde auf der Ersatzbank sitzen”, macht der Stürmerstar klar. Denn seine große Angst ist, wie sein großes Vorbild Zico niemals Weltmeister zu werden. 1994 läßt er nicht gelten, so daß Frankreich sein erster Versuch ist, sich die WM-Krone aufzusetzen. Es wird nicht sein letzter sein: Ronaldo ist, wie gesagt, erst 21.

Argentiniens Chancen wachsen mit den Haaren

Argentiniens WM-Qualifikation stand im Zeichen des “Kampfes gegen die Haare” (vgl. LN 274). Der nach dem frühzeitigen Scheitern bei der WM ’94 berufene Nationaltrainer und Weltmeister von 1978, Daniel Passarella, machte von Anbeginn klar, daß fortan nur noch Disziplin zählen solle. Langhaarige Spieler, Spieler mit Ohrringen und Homosexuelle sollten unter seiner Ägide nicht berufen werden. Dabei hat sich im Macholand Argentinien unseres Wissens nach bisher noch kein Fußballer als homosexuell bekannt und Argentinien hätte andererseits noch keinen WM-Titel errungen, wenn lange Haare und Ohrringe als Ausschlußgrund gegolten hätten. 1978 war es der langhaarige Sturm Kempes/Luque, der mit wehenden Mähnen und 10 Toren für den Titel sorgte. 1986 waren es Maradona mit Ohrring und der langhaarige Stürmer Valdano, die mit 9 Toren den Titel herbeischossen.
Von den betroffenen Spielern aus der WM-Mannschaft 1994 schnitt sich nur Torjäger Batistuta sofort die Haare. Caniggia tat dasselbe nach zwei Jahren um drei Zentimeter, was ihm exakt drei Einsätze in der Nationalmannschaft bescherte. Redondo weigerte sich am längsten, seine Haare zu schneiden – verständlich, denn seine waren ohnehin nur halblang. Inzwischen hat er zwar seine Haare kurz geschnitten, wurde aber trotzdem nicht in den WM-Kader berufen. Batistuta verlor wie weiland der biblische Simson mit seinen Haaren schnell die Form und anschließend seinen Stammplatz an Nachwuchsstürmer Hernán Crespo. Jetzt hat er sowohl wieder längere Haare als auch seinen Stammplatz zurück. Caniggia hat seine langen Haare inzwischen sogar um einen Ohrring ergänzt. Damit hätte der WM-Zug für ihn eigentlich abgefahren sein müssen. Aber im argentinischen Kader sind noch zwei Plätze frei. Caniggia ist nach einjähriger Spielpause wieder in Form und gilt als einer der heißesten Kandidaten. Passarella hat schon erklärt, daß er die Entscheidung nicht an den Haaren herbeiziehen will und deswegen auch Caniggia eine Chance hätte. Vielleicht erinnert sich Passarella ja doch noch an die Fußballhistorie Argentiniens und an seine früheren Mannschaftskameraden.

Batistuta – “El hombre de gol”

Von den Langhaarigen aus dem WM-Kader ’94 ist Gabriel Omar Batistuta der einzige, der sicher mit nach Frankreich fährt. Damals war er der einzige im Kader, der nicht seinen damaligen Mitspieler Diego Armando Maradona als persönliches Vorbild angab. Sein Idol war und ist Mario Kempes, langmähniger WM-Torschützenkönig von 1978. WM-Torschützenkönig ist exakt die Trophäe, die Batistuta noch fehlt. Vor vier Jahren reichten seine vier Tore in vier Spielen nicht. Diesmal will er es schaffen, denn mit 29 Jahren läuft ihm die Zeit davon. Das Alter ist auch das einzige, was er seinem großen Konkurrenten um die Torjägerkrone, dem 21jährigen Brasilianer Ronaldo, neidet, ansonsten nichts. “Die einen halten Ronaldo für besser, die andern mich,” so Batistuta lakonisch. Bei argentinischen Umfragen liegt dementsprechend Batistuta vor Ronaldo, in Brasilien ist es umgekehrt. Die hohe Wertschätzung, die Batistuta in Argentinien und weltweit genießt, kommt nicht von ungefähr. Kein Argentinier hat in der Nationalmannschaft mehr Treffer erzielt als er. Nach seinem Kopfballtor gegen Chile am 19. Mai diesen Jahres steht sein eindrucksvoller Rekord bei 42 Treffern in gerade mal 57 Spielen. Wenn Batistuta spielt, gibt es für die argentinischen Reporter häufig Grund, ihrem ausschweifenden Torjubel zu frönen. “Batigooooooooooooooool” lautet hierfür die ausgedehnte Kurzformel. Daraus entstand dann auch sein ruhmreicher Spitzname “Batigol”.
In der Nationalmannschaft trat Batistuta erstmals 1991 in Erscheinung. Seine überzeugenden Leistungen bei seinem damaligen Verein Boca Juniors brachten ihm eine Berufung seitens des Nationaltrainers Alfio “Coco” Basile ein. Kurz nach seinem Debüt glänzte Batistuta bei der Copa América 1991 als Torschützenkönig mit sechs Treffern. Zusammen mit Claudio Caniggia bildete er beim Turniersieger ein perfekt harmonierendes Sturmduo, Caniggia als Vorbereiter, Batistuta als effektiver Vollstrecker. Danach wechselte er für acht Millionen DM zum AC Florenz, wo er seitdem als erfolgreicher Torjäger agiert. Über 100 Erstligatore stehen zu Buche, womit Batistuta in Italien zu den erfolgreichsten ausländischen Torjägern aller Zeiten gehört. Auch international wandelte er weiter auf dem Erfolgspfad. Bei Argentiniens Titelverteidigung der Copa América 1993 wurde Batistuta mit vier Treffern wiederum Torschützenkönig. Ohne seinen wegen Koksens gesperrten Spezi Caniggia spielte er dabei während des Turniers eher unauffällig, um dann im Finale mit zwei Toren zu explodieren.
Es war der letzte Turniersieg Argentiniens und ob sich daran in Frankreich etwas ändert, wird vor allem von “Batigol” abhängen. Wenn er seinem Spitznamen Ehre macht, stehen Argentiniens Chancen gut. Andererseits kann ein Schuß um Haaresbreite vorbei den Titel kosten.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/suedamerika-im-fussballfieber/