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TANZBAR. GLÜCKLICH. BUNT.

EMERSON ARAÚJO  Perkussionist und Komponist, in São Paolo aufgewachsen, macht Musik seitdem er zwölf Jahre alt ist. Über Chile landete er in Berlin, wo er heute lebt („Kreuzberg ist mein kleines São Paolo“) und mit seinem 2007 gegründeten Musikprojekt Emersound nun sein drittes Album herausgebracht hat. (Foto: © flowfish)

EMERSON ARAÚJO
Perkussionist und Komponist, in São Paolo aufgewachsen, macht Musik seitdem er zwölf Jahre alt ist. Über Chile landete er in Berlin, wo er heute lebt („Kreuzberg ist mein kleines São Paolo“) und mit seinem 2007 gegründeten Musikprojekt Emersound nun sein drittes Album herausgebracht hat. (Foto: © flowfish)

Du hast früh mit der Musik begonnen und in São Paulo bereits als Zwölfjähriger in einer Sambaschule getrommelt. Wie war das?
Ich war acht Jahre lang in der Sambaschule Vai-vai Do Amanhã – die Kinder von morgen. Dort habe ich Sambatrommeln gespielt: Snare, Surdo und Repinique. Das war sehr wichtig für meine musikalische Ausbildung, weil wir verschiedene Musikrichtungen kennengelernt haben, die auch wichtig für das sind, was ich jetzt produziere. Die Sambaschule war sehr eng mit meiner richtigen Schule verbunden und man musste ein guter Schüler sein, um hingehen zu dürfen. Wenn der Lehrer gesagt hat: „Emerson war nicht gut in der Schule“, durfte ich nicht hingehen.

Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
Die Basis der ganzen Kreationen von Emersound ist die Perkussion. Deswegen kannst du in jedem Stück seit meinem ersten Album zwei oder drei verschiedene Rhythmen finden. Zum Beispiel Samba mit Hip Hop. Oder Funk mit Salsa. Oder Reggaeton mit Merengue. Oder Funk mit Drum‘n‘Bass. Und die Basiszutat sind die Percussions. Zuerst Rhythmus, dann Grooves. Darüber kommt der Text, die Harmonie und dann die Melodie.

War die Sambaschule Deine erste Erfahrung mit Musik?
Ich komme nicht aus einer musikalischen Familie, meine Eltern hatten einen ganz normalen Job. Aber Musik war immer bei uns zuhause, jedes Wochenende haben wir gemeinsam Musik gehört. Mein Vater hat sogar ein DJ-Set gemacht:Vormittags Folklore, dann Samba und dann populäre brasilianische Musik. Nachmittags für meine Mutter und die ganzen Tanten gab es romantische Musik. Wir Kinder haben alles aufgenommen und die verschiedenen Musikstile kennengelernt. Als wir zehn oder elf Jahre waren, haben wir sogar unsere eigene „Rockband“ gehabt. Eine Phantasieband. Mein Bruder hat den Besen-Bass gespielt, der Eimer war das Schlagzeug, das Bett meiner Mutter die Bühne. Wir haben geträumt, wir wären Guns N‘ Roses.

Bevor du nach Berlin gezogen bist, hast du in Chile gelebt. Wie beeinflussen die verschiedenen Orte Deine Musik?
In Brasilien hatte ich bereits ein paar Jahre mein eigenes Musikprojekt und bin dann 2002 nach Chile gegangen. Es war mein Traum, Südamerika kennenzulernen. Weil es in Brasilien selbst so viel Musik gibt, gibt es dort so etwas wie eine Mauer. Meine Generation hat gar nichts von anderer Musik aus Südamerika mitbekommen. Wir wussten nicht, was es hinter der Mauer gab. Das einzige, was auf Spanisch zu uns rüberkam, war Popmusik: Shakira, Julio Iglesias und Ricky Martin. In Chile habe ich dann meine musikalische Recherche aufgenommen, die Augen geöffnet und gemerkt: Wow, es gibt auch Joropo! Vallenato! Cumbia! Das Cajón kommt aus Peru! Ich wollte dort bleiben und mehr lernen. Mir haben sich die Türen meines Kontinents geöffnet. Das hat meine Musik verändert. Ich bin über die Mauer gesprungen, um meine Musik mit der Musik der Nachbarn zu beeinflussen.

Wie kam dann der Schritt nach Berlin?
Für mich war ganz klar, dass ich meine Musik in Europa präsentieren wollte. Und ich wollte auch Europa kennenlernen mit seinen vielen verschiedenen Kulturen. 2008 habe ich von Januar bis Dezember nur Deutsch gelernt. Das war für mich ganz wichtig. Die erste Mauer, die wir in unserem Kopf haben, ist die Sprache. Wenn du die Sprache kennst, werden in dieser Mauer ein Fenster und eine Tür aufgemacht. 2009 bin ich dann wieder mit Emersound gestartet. Auf dem neuen Album gibt es vier Bonustracks auf Deutsch. Ein Experiment. Die Reaktionen darauf sind interessant. In der Mädelsabteilung ist das Feedback positiv. Sie sagen: „Ah, süß, schön, interessant.“ In der Männerabteilung sagen die meisten: „Klingt ein bisschen komisch. Sing lieber auf Brasilianisch.“

Und wie ist das für dich selbst, auf Deutsch zu singen?
Ich hab viele Trainings gemacht. Ich kann nicht singen wie Rammstein, Peter Fox oder Grönemeyer, weil meine Intonation eine ganz andere ist. Und auch der musikalische Flow ist anders. Es liegt ein großer Unterschied dazwischen, Deutsch zu schreiben, Hochdeutsch zu sprechen oder Deutsch zu singen. Da muss man viel mehr Vokale verschlucken. In den Trainings habe ich viel gelernt. Sie haben zu mir gesagt: „Nee, du darfst das nicht lesen. Nicht irgendwann, das klingt bayrisch, sing örgendwann.“

Die verschiedenen Orte haben Deine Musik beeinflusst. Was hat Berlin Neues dazu gebracht außer vielleicht die deutschen Texte?
Die Beats. Seed, Peter Fox, Kraftwerk. Disziplin. Und Struktur. Wir sind jetzt eine Liveband plus ein Computer. Die elektronischen Elemente zusammen mit Roots, das finde ich sehr großartig.

Wie würdest du den Musik-Mix auf dem neuen Album beschreiben?
Fusion-Musik. World Mix. Mundo Beats. Das Album ist auf jeden Fall tanzbar. Glücklich. Und bunt. Die Musik ist eine Musik, die dich bewegt. du gehst nicht auf ein Emersound Konzert und bleibst dort stehen. Nee, da musst du tanzen. Egal wie, ob nach links oder rechts, so, wie du das fühlst.
Emersound passt nicht in die brasilianische Schublade. Was ich hier singe ist Música Própria, das ist meine eigene Musik. Es geht nicht nur ums Verkaufen, es gibt eine eigene Botschaft, nicht nur Nossa Nossa. Ich mach mein Ding. Wenn du das magst – super. Als ich nach Deutschland kam, hieß es direkt: „Ah, du kommst aus Brasilien, du musst Samba tanzen, du musst Lambada spielen!“ Ich hab‘ davor Respekt, aber ich will das nicht machen. Bei Música Própria gibt es afrikanische und indigene Einflüsse. So wie Brasilien auch ist. Leute aus der ganzen Welt passen in dieses Land, wir sind ein Mix von allem. Und meine Musik ist auch so. Deswegen ist „Lass alles raus“ auch eins meiner Lieblingslieder auf der neuen CD. Das ist meine Antwort auf die brasilianische Community und die Schublade, aus der ich raus bin. Es gibt eine Stelle, die sagt: „Das ist kein Macarena. Kein Samba de Janeiro. Kein Chiki Chiki Boom. Nein, das ist Sound Samba mit Elektro Beats.“

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