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TANZEN GEGEN DIE SCHWERE DER GESCHICHTE

Die Menge tobt, während Systema Solar gehüllt in ihre selbstentworfenen Keith-Haring-aliken Superhelden-Outfits über die Bühne springen, fast fliegen. Kein Bein bleibt auf dem Boden – wie auch anders bei der Energie, mit der sie die Luft und das Publikum zum Kochen bringen.

So wie andere kolumbianische Größen wie Bomba Estéreo macht das selbst ernannte musikalisch-visuelle Kollektiv Systema Solar Musik, die traditionelle kolumbianische Folklore mit elektronischen und basslastigen Beats verbindet. Der Stil der siebenköpfigen Truppe stammt aus der Tradition der picós, der kolumbianischen DIY-Soundsysteme, die in den 50er Jahren in der Küstenstadt Cartagena zum Leben erwachten und seither lautstark die Straßenfeste der Karibikküste beschallen. Bunt bemalt, so wie das Cover des neuen Albums, das von William Gutiérrez, einem der berühmtesten Picó-Künstler gestaltet ist, erzählen die riesigen Boxen-Türme Geschichten. Geschichten vom rauen Alltag einer marginalisierten Bevölkerung, verwunden im bassigen Beat des Champeta, musikalischer Inbegriff afrokolumbianischer Widerstandskultur. Die spiegelt sich auch in der Musik von Systema wider. Ihre Texte sind politisch, kritisch, anklagend. Aber ihre Musik ist ein Fest.

Das bleibt das Besondere an Systema Solars zehnjähriger Musikgeschichte: ihre Einstellung. Ihr Alles-Ist-Möglich-Nein zum Nein, ihre Mission, den schweren Themen der Geschichte und Gegenwart ihres Kontinents mit einem Lachen und Tanzen entgegenzutreten. Bei Systema dient die Tanzfläche der Befreiung, mit einer Faust in der Luft und der anderen an der Hüfte wird die fiesta popular zur positiven Form des Protests ihrer rebellischen Tänzer*innen. Auch die Mitglieder des Band-Kollektivs sind nebenher vielseitig unterwegs, im kollektiven selbstorganisierten Radio Vokaribe, in ihrer eigenen ökologisch-sozialen NGO Intermundos, in sozialen Bildungsprojekten mit benachteiligten Jugendlichen – alles verbunden mit Straßenkultur, Musik und audiovisuellen Medien. Ihre Identifikation als musikalisch-visuelles Kollektiv ist Programm, ihre Visuals integraler Bestandteil von Konzept und Show.

Das neue Album Rumbo a Tierra ist mit seinen zwölf Tracks super kurz – nach nur knappen 45 Minuten kommt das Ende doch recht überraschend. Insgesamt mag es angesichts des Elektrocumbia-Hypes, der sonst die letzten Jahre aus Lateinamerika herübergeschwappt ist, vielleicht eher 2006 als 2016 anmuten. Aber Systema machen ihr Ding, unbeeindruckt von Modeerscheinungen und Zügen, auf die aufzuspringen sie gar nicht nötig haben.Frontmann Índigo hat ihr Projekt mal als eines beschrieben, bei dem die Musik der kolumbianischen Karibikküste mit der Welt in Dialog tritt.
Und so ist es. Musikalisch erforschen Systema auch auf ihrem neuen Album die traditionellen in sich bereits kulturell fusionierten Musikstile des Vallenato, Cumbia und Champeta und vereinen sie weiter mit elektronischen Sounds; sie experimentieren mit Hip Hop, Break Beats, sie samplen, rappen und scratchen. Hinzu kommen eine Vielzahl von Instrumenten, hie und da eine nordafrikanische Gimbri-Laute, eine Flöte aus Schilfen und Halmen, die obligatorische Caja Vallenata treffen auf mystische Geräusche des Regenwalds. Tiefe Trommeln sprechen von Freiheit und die Texte – ganz in Systema-Manier – von Mauern, die es einzureißen gilt, vom Tanzen gegen den Machismo, von den verheerenden Folgen des Bergwerks La Colosa in Cajamarca.

Diesen Sommer waren Systema Solar bereits auf Europa-Tour, aber sollten sie auf ihrem Kurs Richtung Erde noch mal in Eurer Nähe vorbeigeflogen kommen, lasst sie Euch nicht entgehen.

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