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Tanzend aus der Krise

Rissig quillt die Musik aus den Lautsprechern, Grammophon gleich. Voll stolzer Wut die Stimme. Bandoneón, Geige und Klavier hämmern den Rhythmus. „Auf Knien hat man zu leben für eine kleine Gunst, und stehst du auf und schreist – solch ein Ruin, solche Bosheit hier – wirst gekreuzigt du dich sehen von der anderen Moral.“ Der Text, hervor gestoßen. Im Halbdunkel der rauchigen Luft drängen sich Paare aneinander. Fest umschlungen tanzen sie diesen Tango, diese Melodie, diese Poesie, lebendig und wahr auch noch nach über 60 langen Jahren.
Es ist Nacht in Buenos Aires. Draußen auf der Straße, an die graue Hauswand gedrückt, zieht ein kleiner Junge einen Fetzen Decke hinter sich her. Zwei Frauen wühlen im Müll. Der Abfall anderer, ihr täglich Brot. Ein Bus donnert vorbei, stumpf starren die wenigen Insassen durch die Scheiben. In der Ferne eilige Schritte.
Der Saal drinnen ist überfüllt, die TänzerInnen eine einzige Masse gegen den Uhrzeigersinn. Beine schimmern samtig durchs Nylon. Ein Jackett hängt über der Stuhllehne. Von den Wänden blättert die Farbe. Ein dicker Siegelring gleißt vor rotem Wein. Am Nachbartisch ein armseliges Fläschchen Wasser mit vier Gläsern, halbleer.
Je schlimmer es draußen zugeht, um so voller die Säle. Im Tango sind sie alle gleich. Arm tanzt mit Reich, Alt mit Jung, Dick mit Dünn. Die eine hat jede Nacht ein neues Kleid, die andere wäscht es früh für die nächste Nacht und die nächste und die nächste. Das Lachen im aufgeregten Stimmengewirr täuscht für Momente darüber hinweg, was Morgen wieder ist. Die vergebliche Suche nach Arbeit, Einsamkeit, Gewalt, die flimmernden Leuchtreklamen glücklicher Menschen, unerreichbar für viele.
Momentaufnahmen aus Buenos Aires Anfang des Jahres 2002. Nur wenige Monate zuvor hatte die argentinische Krise das Land an den Abgrund manövriert. Nichts ging mehr. Vier Präsidenten gaben sich die Klinke in die Hand, sämtliche Konten wurden gesperrt, das Land brach wirtschaftlich zusammen. Inmitten dieses Chaos, in dem sich Selbstverständlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens wie im Zeitraffer auflösten, war der Tango mit seiner Tradition, seiner ewig jungen Musik, seinen festen Umgangsregeln, Flucht für Stunden aus grauer Wirklichkeit. Dass diese Flucht einige Jahre später ein Ausweg aus eben jener Krise werden würde, ahnte damals wohl kaum jemand. Denn der Anstoß dazu kam aus Europa.

Argentinienrausch

Wild schnattern die zehn deutschen Frauen durcheinander. „Meint ihr, ich sollte doch lieber das andere Modell nehmen“, fragt eine laut in den Raum des kleinen Schuhgeschäfts hinein, der jetzt ganz von den Damen und ihrem Anliegen eingenommen ist. Absatzhöhen werden diskutiert, Farbzusammenstellungen, ob Leder oder Wildleder. Die Frauen aus Norddeutschland sind erst vor drei Tagen gemeinsam mit ihren Tanzpartnern in Buenos Aires gelandet. Eine Reise, um zwei Wochen lang voll und ganz ihrer Leidenschaft zu frönen: dem Tango. Tangoschuhkauf, Unterricht und Tanzabende, das Reiseprogramm ist dicht. Mit stoischer Ruhe robbt Leo derweil mit ihrem Maßband zwischen den Beinen der Frauen umher, misst Fußspänne und Knöcheldicken und zeichnet die Füße auf ein Blatt Papier. Nach anderthalb Stunden sind alle Wünsche aufgeschrieben, die Frauen weiter gezogen und Dolmetscherin und Schuhverkäuferin atmen kurz durch. Reisegruppen wie diese fallen nun bald täglich in den Tangoschuhladen im Stadtteil San Telmo in Buenos Aires ein. „Unser kleiner Familienbetrieb kommt kaum noch hinterher“, stellt Leo fest.
Tangoschuhe nach Maß – ein Muss für alle passionierten TänzerInnen, seien sie nun aus Europa, den USA oder Japan. Die Unikate nach eigenen Wünschen sind ein Schnäppchen für diejenigen, die von draußen kommen: 190 Peso, gut 53 Euro pro Paar. Und sie sind ein unerwartet guter Verdienst für die ProduzentInnen, die nicht im Traum an eine solche Nachfrage gedacht hätten.
Argentiniens Krise wälzte das Land um. Auch oder gerade im Tourismussektor. Kaum ein Bereich ist innerhalb von so kurzer Zeit so stark angewachsen. Der Grund ist die Abwertung des Peso Ende 2001, der bis dato an den Dollar gekoppelt und somit für AusländerInnen unerschwinglich war, machte das Land plötzlich finanziell attraktiv für TouristInnen. Buenos Aires, noch vor einer Dekade unter den 20 teuersten Städten der Welt, gehört nun zu den zehn billigsten. Ein Fakt, der Türen öffnet, vor allem die des Flughafen Ezeiza. Luftlinien wie die spanische Iberia haben mittlerweile ihre Frequenz verdoppelt und landen nun zweimal täglich in der argentinischen Metropole, mit Flügen, die oft schon Monate vorher aus- oder gar überbucht sind. Mehr als 3,7 Millionen TouristInnen besuchten im vergangenen Jahr das Land. Jeder von ihnen gibt schätzungsweise 180 US-Dollar pro Tag aus.
Der Tourismus, über Jahrzehnte unbeachtetes Stiefkind in Argentinien – sogar unter den EinwohnerInnen galt es trotz der unglaublichen Vielfalt und (Natur)Schönheit des Landes lange als chic, den Urlaub im Ausland zu verbringen – entwickelte sich in den vergangenen drei Jahren zur viertwichtigsten Industrie. Stolz verweist das Sekretariat für Tourismus darauf, dass Argentinien im prestigereichen Reiseführer Lonely Planet auf der Hitliste der zehn empfehlenswertesten Reiseziele steht.
„Der Tourismus ist heute Staatspolitik. Sämtliche Erwartungen wurden weit übertroffen“, erklärt Daniel Aguilera vom Sekretariat für Tourismus. Die Regierung wirbt mit der Aussage, jede/r TouristIn sei ein Arbeitsplatz, um Achtung und Respekt vor den Reisenden. Nachdem dieser Bereich im vergangenen Jahr um 11,7 Prozent gewachsen ist, sind nun Investitionen von 1,4 Milliarden US-Dollar vorgesehen, das Dreifache im Vergleich zu 2005. Schätzungsweise eine Million Menschen profitieren direkt von diesem Wachstum, auch wenn nach offiziellen Angaben die Schwarzarbeit in dem Sektor bei gut 40 Prozent liegt.
Mit Begeisterung, Liebe und viel individuellem Erfindungsgeist stürzen sich die ArgentinierInnen nun auch – oder gerade – privat ins Geschäft, das zunächst krisensicher und einträglich erscheint. Wohnungen und Zimmer werden an Touristen vermietet, typisch argentinische Grillsonntage auf Landgrundstücken organisiert, private Shuttleservices eingerichtet. Selbst für Taxifahrer gibt es jetzt spezielle Englischkurse.

Tanz über die Grenzen

Eine Sommernacht im Stadtteil Palermo. Die Straßen sind nicht mehr grau, unzählige Cafés platzen aus allen Nähten. Die Menüs sind zweisprachig verfasst. Es gibt sie noch, die MüllsammlerInnen, doch sie gehen fast unter im bunten Pulsieren des Nachtlebens. Im Salón Canning, einem der wichtigsten Tangosalons der Stadt, drückt sich derweil eine nordisch-blonde Schönheit an den kleinen argentinischen Herrn im korrekten Anzug. Mühsam versucht eine Russin der Kellnerin zu erklären, dass sie ihren Kaffee ohne Milch will. Am Nachbartisch unterhalten sich zwei Italiener über die Tücken der ungeschriebenen Regeln im Tangoambiente. Neugierige Blicke wandern hin und her, zwischen denen, die hier geboren wurden und denjenigen, die sich in zwei Wochen oder einem halben Jahr die Tangopiste erobern wollen.
Im Tanz, im Tango, verschmilzt ihre Welt. Die Welt. Jenseits von Sprache, Kultur und Mentalität verbindet dieser Tanz der zwei traurigen Herzen und vier fröhlichen Beine die Menschen über alle Landesgrenzen hinweg. Buenos Aires ist heute das Mekka der TänzerInnen aus jedem Winkel der Erde. „Es ist schön, dass sich so viele Menschen aus aller Welt hier treffen und für unsere Kultur interessieren. Das ist doch wie ein Wunder“, sagt Guillermo, ein Tänzer der alten Generation, der den Tango noch in seinem Nischendasein kannte. Denn über viele Jahre hinweg vegetierte der Tango in Buenos Aires nur am Rande dahin. Fast wäre er ausgestorben. Da tanzte man ihn in Berlin, Paris und New York mehr als in der Stadt am Río de la Plata selbst. Es waren die ersten neugierigen AusländerInnen, die in die Wiege des Tangos kamen, um ihn vor Ort zu erleben, welche den Boom heraufbeschworen. Denn plötzlich machte es die Runde, dass TangotänzerInnen in Europa wie Berühmtheiten gefeiert und gut bezahlt werden. Und es machte die Runde, dass AusländerInnen viel Geld in Tanzunterricht, Tanzschuhe und Kleider, in CDs und Konzerte und in Tanzshows stecken. Dass sie Unterkünfte brauchen, DolmetscherInnen, Unterhaltung.

Tango for Export

Heute ist die Arbeit mit dem Tango so vielschichtig, wie der Tanz selbst. Gut 40 Prozent der Touristen geben als Motiv, nach Argentinien zu kommen, den Tango an. Was sie vom Tango jedoch sehen und erleben wollen, ist ganz unterschiedlich. Auch dazwischen liegen Welten. „Es gibt den Tango for Export – inzwischen ein geflügeltes Wort – und es gibt den ursprünglichen, wie er auch noch heute getanzt wird“, erklärt Tänzer Guillermo. „Tango for Export“, das sind die Shows in den Touristenlokalen mit Tangoanstrich. Teure Shows mit Abendessen – bis zu 150 Euro pro Person. Shows mit der immer gleichen Tangogeschichte von der armen Nutte und ihrem Galan, die als typisch vermarkten, was einst Subkultur war. „Zu so etwas gehe ich gar nicht erst. Das ist pure Abzocke. Aber ich verstehe diejenigen, die dort arbeiten, weil sie leben müssen. Die Tänzer sind gut, die Musiker meist erstklassig, nur mit dem eigentlichen Tango hat das herzlich wenig zu tun“, sagt Roberta aus Italien, die schon zum dritten Mal in Buenos Aires ist.
Roberta dagegen zieht nachts durch die Tangosalons und nimmt tagsüber Unterricht. Auch um TänzerInnen wie sie hat sich mittlerweile eine ganze „Tangoindustrie“ entwickelt. Wer die Stadt nicht alleine erobern will, kommt mit Tangoreisegruppen. Da wird dann erklärt, wie die ungeschriebenen Tangoregeln funktionieren, für die nächtlichen Ausflüge sind die Tische schon reserviert, ein Unterrichtsstundenplan liegt bereit, fehlende Tanzpartner werden flugs organisiert und man übernachtet in speziellen Tangohotels, die eigene Übungsräume haben.
Im Boom der Tangoszene zeigen sich einmal mehr der Erfindungsreichtum, die Kreativität und die schnelle Reaktion der ArgentinierInnen. Die Szene wächst und kreiert sich neu. Längst hat auch elektronische Musik, gemischt mit Tango, und eine neue Art zu tanzen Einzug erhalten und ein wieder anderes Publikum erobert. Längst gibt es auch Tanzsalons für homosexuelle Paare. Längst – im Rückblick ist schnell vergessen, dass diese Entwicklung erst drei bis fünf Jahre alt ist. Denn das Geschäft, die Arbeit mit dem Tango, hat sich inzwischen voll etabliert.
Es ist eine junge „Industrie“ – viele der jetzigen TänzerInnen und TanzlehrerInnen haben erst vor kurzem angefangen zu tanzen. Doch spielt das Alter selbst dabei keine Rolle, im Gegenteil. Gerade diejenigen der alten Generation, die den Tango noch von früher kennen und ihn traditionell einfach tanzend, ohne ausgeklügelten Unterricht, gelernt haben, werden heute als maestros besonders geschätzt.

Das Ausland als Erfolgsbarometer

Die zahlreichen TouristInnen aus Europa, den USA oder Japan schaffen vielfältig direkte und indirekte Arbeitsplätze. Wenn Roberta aus Italien den Salón Canning betritt, führt sie Horacio zu ihrem Tisch. Der Platzanweiser gehört praktisch zum Inventar des Salons wie die Kellnerinnen, der DJ und die Dame an der Kasse und arbeitet jede Nacht hier. Irgendwann im Laufe des Abends kommt dann die kleine, dunkelhäutige Frau an Robertas Tisch vorbei, und verteilt die Werbung von Tanzschulen und Shows, auch sie Nacht für Nacht. Und wenn Roberta nach Hause geht, winkt ihr der Junge vom Eingang in seiner orangefarbenen Weste mit dem Schriftzug Salón Canning ein Taxi heran, das sicher ist und hält die Tür auf, für ein kleines Trinkgeld. Ob Redakteurin der Tangozeitung Tangauta, ob Tangohotelbesitzer und dessen Reinigungskraft, ob Schneiderin für spezielle Tangokleidung oder der so genannte Taxiboy, der mehr oder weniger direkt bezahlte Tänzer für einsame Damen – sie alle verdienen am Tango. Sie alle haben hier eine Arbeit gefunden, die vor wenigen Jahren so weder absehbar war, noch ihnen selbst vorschwebte oder in den Sinn kam.
Doch auch wenn dies alles in Buenos Aires geschieht und die Stadt wie ein Magnet die Tanzwütigen von überall her anzieht, ist doch noch immer das Ausland das Barometer für den Erfolg. Prestige hat, wer Aufträge in Europa bekommt. Denn dort wird, so der Glaube, das eigentliche Geld verdient. Ein Zug auf den aufspringt, wer kann. „Ach, hätte ich doch früher angefangen zu tanzen. Mein ganzes Leben wäre anders geworden. Welche Chancen hätte ich jetzt“, sagt wehmütig die 60-jährige Lidia, deren Sohn als Tänzer in Europa arbeitet und die sieht, was der Tango heute bewegt. „Es ist doch fantastisch, von etwas arbeiten und leben zu können, das einem Spaß macht und dann auch noch so viele Kontakte zu Menschen aus aller Welt mit sich bringt“, fügt sie hinzu, steht lächelnd auf und verliert sich mit dem Griechen, der sie gerade aufgefordert hat, in der Masse der Tänzer.

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