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Tequila für Japan

Das Land des Lächelns hat bisher vor allem Gäste gerne willkommen geheißen. Wirtschaftliche Unternehmungen hingegen hatten es unter der protektionistischen Politik Japans weitaus schwerer. Die mexikanische Regierung sieht sich daher nach dem Abschluss der Verhandlungen zum Abkommen zur wirtschaftlichen Partnerschaft (Acuerdo de Asociación Económica México-Japón – AAEMJ) – ähnlich wie 1994, als Mexiko als erstes lateinamerikanisches Land mit dem NAFTA eine umfassende Freihandelszone mit den USA und Kanada errichtet hatte – wieder in einer Vorreiterrolle. Fox erklärte zum Abschluss des Abkommens feierlich, Mexiko öffne sich nun ein vielversprechender Horizont, um die Wirtschaftskraft und Investitionen zu erhöhen.
Mexiko sieht in dem Abkommen mit Japan eine Verbindung zweier komplementärer Wirtschaften, um besonders die Exporte im Bereich der Agrarwirtschaft zu steigern und Direktinvestitionen anzulocken. Abgesehen von der Maquiladora-Industrie und den Ölexporten sieht es im mexikanischen Außenhandel schließlich eher weniger erfreulich aus. Bevor der AAEMJ zum 1. April 2005 jedoch in Kraft treten kann, muss er noch durch die Parlamente der beiden Länder ratifiziert werden.
Bisher hatte Japans starke Agrarlobby jegliche Verhandlungen über Freihandelsabkommen verhindert. So ist der Vertrag mit Mexiko nach dem Abkommen mit Singapur 2002 erst das zweite Freihandelsabkommen des Landes. Neben dem Zugang zum mexikanischen Markt – mit immerhin 100 Millionen KonsumentInnen und zudem billigen Arbeitskräften – verspricht sich Japan einen direkteren und einfacheren Zugang zum US-amerikanischen Markt.

Status als Schwellenland

Um wiederum einen Ausgleich zu der überlegenen Wirtschaft Japans zu schaffen, wurde der Status Mexikos als Schwellenland in den Verhandlungen zumindest berücksichtigt. Zum Start des Abkommens befreit Japan 91 Prozent der mexikanischen Waren von Zöllen, während Mexiko nur auf 44 Prozent der Waren die Zölle entfallen lassen muss. Ab nächstem Jahr dürfen also unter anderem Limetten, Bier, grüner Kaffee, Avokados, Kürbisse, Spargel, Tequila, Mangos und frischer Brokkoli zollfrei nach Japan verschifft werden.
Mexikanisches Schweine- und Rindfleisch, Orangen und Orangensaft beispielsweise sind jedoch von der Zollfreiheit ausgeschlossen. Für diese Güter wurden, ebenso wie für die in Mexiko wichtige Stahl- und Automobilindustrie, langfristige Sonderregelungen vereinbart.
Japans Anteil am gesamten mexikanischen Exportvolumen ist zur Zeit relativ gering, obwohl es der viertgrößte Handelspartner Mexikos ist. Nur 2,4 Prozent der Exportwaren gehen in die asiatische Industrienation – im Jahr 2003 im Wert von rund 1,8 Milliarden US-Dollar.
Diese Quote zu steigern, dürfte also kein Problem darstellen. Die mexikanische Regierung rechnet mit jährlichen Wachstumsraten von rund zehn Prozent. Zu viel versprechen darf sich die Wirtschaft davon allerdings nicht. Zum Vergleich: In vier Jahren Freihandel mit der Europäischen Union ist die Exportquote Mexikos nur um insgesamt 7,5 Prozent gestiegen. Die EU-Exporte nach Mexiko dagegen haben sich im gleichen Zeitraum um 40 Prozent erhöht.

Tausch neuer Arbeitsplätze gegen alte

Während die mexikanischen Unternehmerverbände an den Verhandlungen teilnehmen konnten und nun optimistisch in die Zukunft blicken, bleibt der mexikanischen Bevölkerung dagegen nur die Hoffnung auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Die Regierung spricht von rund 40.000 direkten und nochmal ebenso vielen indirekten neuen Arbeitsplätzen jährlich und erhofft sich Direktinvestitionen in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar.
Dabei findet bisher jedoch kaum Beachtung, dass besonders die kleinen und mittleren Unternehmen Mexikos von der japanischen Konkurrenz bedroht sind und hier unzählige Arbeitsplätze wegfallen werden. Denn bei der Stärkung und Subventionierung der eigenen Wirtschaft hat Mexiko seine Hausaufgaben nicht gemacht. Freihandel bringt nämlich nicht nur Chancen für den Export mit sich, sondern schafft auch zunehmende Konkurrenz auf dem nationalen Markt.

Hausaufgaben für Mexiko

Dass Japan stärker von der neuen Partnerschaft profitieren kann als Mexiko, scheint wahrscheinlich: Zwar musste Japan gegenüber der heimischen Agrarindustrie Konzessionen machen und fast alle Zollbarrieren abbauen, für unternehmerische Aktivitäten in Japan selbst sieht das aber ganz anders aus. Der Abgeordnete Juan José García Ochoa der linken PRD (Partido de la Revolución Democrática), Mitglied der Wirtschaftskommission, stellt die Möglichkeiten für mexikanische Unternehmen, nennenswerte Investitionen auf dem japanischen Markt zu tätigen, in Frage. Er sieht den AAEMJ nur als einen weiteren Vertrag, der das grundsätzliche Problem nicht löse. Dies bestehe darin, dass es Mexiko nicht möglich sei, das Wettbewerbsniveau der Unternehmen und nationalen Produkte gegenüber der internationalen Konkurrenz anzuheben.
Um gegenüber anderen Ländern, die ihre Agrarwirtschaft stärker subventionieren als Mexiko, wettbewerbsfähig zu sein, hilft es nämlich nur begrenzt, Zollfreiheit durch Freihandelsabkommen zu schaffen. So fordert García Ochoa von der mexikanischen Regierung mehr Unterstützung für die Landwirtschaft, um bessere wirtschaftliche Bedingungen zu erreichen. Nur so könnten mexikanische Agrarprodukte auf dem internationalen Markt bestehen.
Ein gesunder nationaler Markt ist nämlich Voraussetzung, um die Möglichkeiten des Exports und des Freihandels auszunutzen. Die auf dem Weltmarkt angebotenen Produkte und anbietenden Unternehmen müssen wettbewerbsfähig sein. Das scheint die mexikanische Regierung sträflich zu übersehen. Ob die JapanerInnen Tequila mögen ist schließlich nur die eine Seite der Medaille.

Freihandel um jeden Preis

Mexikos Außenhandel steht bisher, und trotz der großen Anzahl an Freihandelsabkommen mit Europa und Lateinamerika, nur auf einem Bein, das zudem noch hinkt: dem NAFTA. Solange die Wirtschaft in den USA brummt, geht es auch der mexikanischen Wirtschaft gut.
Doch die Krise nach dem 11. September 2001 hat gezeigt, dass es notwendig ist, sich neben dem NAFTA auch andere tragfähige wirtschaftliche Kooperationen zu schaffen. Der AAEMJ bietet diesbezüglich durchaus Chancen für die mexikanische Wirtschaft. Aber sich auf ein Wachstum der nationalen Wirtschaft durch die Selbstregulierungskräfte des globalen Marktes zu verlassen, ist gefährlich: Mexiko muss endlich Aufbauarbeit leisten.

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