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Teurer Atomstrom für Rio de Janeiro

Baubeginn für die Frucht des deutsch-brasilianischen Atomvertrags von 1975 war 1983. Dann begann eine scheinbar endlose Geschichte von Verzögerungen, Pannen und Kostenexplosionen. Waren zunächst 1,3 Milliarden US-Dollar veran­schlagt, um Brasilien sein zweites Atom­kraftwerk zu bescheren, so sind es nun 6 Milliarden US-Dollar. Von den bisher be­reits ausgegebenen 4,6 Milliarden US-Dollar entfielen 1,7 Milliarden auf Zins­zahlungen. Daß die teure Bauruine jetzt doch noch zu Ende gebaut werden soll, begründet die Regierung mit den Kosten, die Abriß oder Umwidmung verursachen würden: Die seien genau so hoch wie die Fertigstellung. Die Finanzierung der feh­lenden 1,3 Milliarden US-Dollar wurde unter anderem dadurch gesichert, daß ein Kredit eines deutschen Banken­kon­sor­tiums unter Führung der Dresdner Bank ver­geben wurde. Dieser war ursprünglich für das geplante Atom­kraftwerk Angra3 vorgesehen und wurde nun für den Wei­terbau von Angra2 um­gewidmet. Für die Fertigstellung hatten sich die wie­dererstarkte Atomlobby und Unter­nehmer aus Rio eingesetzt, die in den nächsten Jahren Stromknappheit fürchten. Nach der Fertigstellung von Angra2 wird der Bun­desstaat Rio de Janeiro 30 Prozent seines Stroms aus Atomkraftwerken be­ziehen.
Umweltgruppen, allen voran Green­peace hatten im letzten Jahr versucht, die drohende Fertigstellung von Angra2 zu verhindern. Aber in der aktuellen po­litischen Diskussion, geprägt von neoli­be­raler Wende, Inflationsbekämp­fung und Gewalt, blieb die Frage der Atomkraft nur ein Randthema, das ledig­lich eine Hand von SpezialistInnen be­wegt. Hinzu kommt, daß in der Linken keineswegs Ei­nigkeit zu diesem Thema herrscht. In der PT gibt es starke Strö­mungen, die mit na­tionalistischen Argu­menten die Kern­kraftoption für Brasilien verteidigen. Auch der PT-Bürgermeister von Angra hat sich keineswegs als Vor­kämpfer gegen die Kraftwerke profiliert.
Im übrigen ist Angra ein gutes Beispiel für den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis im neoliberalen Diskurs. Eine Megawattstunde Strom von Angra2 soll nach bisherigen Berechnungen 120 US-Dollar kosten, dreimal mehr als die durchschnittlichen Kosten von 40 US-Dollar. Da Furnas aber nur den normalen Strompreis berechnen kann, wird der Rest von der Regierung übernommen. Für die Privatisierung von Angra2 hätten sich wohl kaum Kandidaten gefunden.
Die Projekte in Angra überbieten noch den normalen Wahnsinn der Atomenergie. Sie sind an einer der schönsten Küsten Brasiliens errichtet, mitten in einer Region voller kleiner Buchten und Inseln mit un­zähligen Traumstränden. Bisher gehen die PlanerInnen wohl zu Recht davon aus, daß den meisten TouristInnen die Nähe zum Atomkraftwerk herzlich gleichgültig ist. Aber ein Unfall schon weit unter der Schwelle eines GAUs kann eine solche Einstellung schnell ändern. Zudem haben die PlanerInnen die Kraftwerke an einer erdbebengefährdeten Stelle erbaut.
Für eingefleischte RealpoltikerInnen kann aber doch eine Erfolgsbilanz gezo­gen werden: Ursprünglich waren im deutsch-brasilianischen Atomvertrag acht Kraftwerke vorgesehen. Die Umwidmung der Kredite von Angra3 auf Angra2 deutet darauf hin, daß selbst die BetreiberInnen zur Zeit keine Möglichkeiten sehen, wei­tere Atomkraftwerke in Angriff zu neh­men. Aber immerhin, mit Angra2 halten sie die Atomenergieoption für Brasilien offen. Auch die AtomkraftgegnerInnen haben nicht ganz aufgegeben. Zur Zeit wird sondiert, wie mit juristischen Mitteln die Inbetriebnahme vielleicht doch noch verhindert werden kann. So entspricht der Katastrophenplan nicht den atomrechtli­chen Anforderungen der brasilianischen Gesetzgebung. Ein funktionierender Kata­strophenplan, so sagen die KritikerInnen, ist aber praktisch unmöglich.

(Zahlenangaben nach Jornal do Brasil vom 13.12.1994)

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