Entwicklungspolitik | Nummer 231/232 - Sept./Okt. 1993

Thomas Robert Malthus

Simone Bröschke

Ein Geist, der nicht tot zu kriegen ist

Der Ökonom, der mit seinen düsteren Bevölkerungsprognosen neuerdings wieder gesellschaftsfähig geworden ist, wurde 1766 in Großbritannien geboren. In dieser Zeit massenhafter Migration der landlosen Bevölkerung in die Zentren der Textilindustrie wuchs die Bevölkerung des Landes rapide. Malthus, ein frisch gebackener Geistlicher, beobachtete die dadurch entstehende Armut. 1798 veröffentlichte er eine Schrift „An Essay on the Principle of Population“, die stark diskutiert wurde. Nach ihm potenziert sich die Bevölkerung wohingegen die Nahrungsmittelproduktion nur linear ansteigt. Malthus stellte fest, daß Armut, Hunger, Krankheiten, Seuchen, Epidemien, Katastrophen und Kriege vor allem die ärmsten Gesellschaftsklassen dezimiert, und sie dem entgegnen, indem sie viele Kinder zeugen, was durchaus nicht in seinem Sinne war. Darum empfahl er den ArbeiterInnen, ihre Kinderzahl durch sexuelle Enthaltsamkeit und späte Heirat niedrig zu halten. Andere Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung waren für ihn als Geistlichen kein Thema.
Nach seiner Ansicht entwickelt sich die Bevölkerungszahl zyklisch. Verbessert sich die Wirtschaftslage, steigt die Zahl der Menschen, gleichzeitig nimmt das Elend zu. Selbst die aufklärerischen Reformideen seiner Zeit funktionieren nach seiner Meinung nicht. Auch wenn Landbesitz an Landlose verteilt werden würde, verbesserte dies zwar zunächst die Lage der Ärmsten, doch stiege dadurch die Kinderzahl und abermals wäre u.a. eine ungleiche Einkommensverteilung die Folge.
Malthus stammte aus gutsituierten Verhältnissen. Sein Wahn, von dem er beherrscht wurde, war, daß die Armen sich hemmungslos fortpflanzen, wohingegen die Adligen die Moral haben, dies nicht zu tun. Überbevölkerung wird von ihm also unter dem Klassenaspekt betrachtet.
Seiner Meinung nach ist das verarmte Proletariat selbst an seinen Lebensbedingungen schuld. Er geht noch weiter, seine Argumentation ist interessenbezogen und verteidigt seine Schicht: ein Individuum, das nicht von seinen Eltern/ seiner Familie erhalten werden kann, „hat kein Recht auf Leben“.
Dennoch ist alles in Gottes Planung; die Unmoral der Menschen wird durch Gott und Naturkatastrophen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.
Malthus‘ Grundsorge war die Frage nach der Produktion ausreichender Nahrungsmittel. Seine pessimistischen Prognosen sollten sich nicht bewahrheiten: in Großbritannien wurden bald durch Kunstdünger neue Anbausorten nutzbar und die zunehmende Mechanisierung der Landwirtschaft ermöglichte höhere Erträge. Die Bevölkerung wuchs in diesem Zeitraum langsamer, sank sogar allmählich. Dies war ebenfalls in Frankreich und Deutschland der Fall.

Und heute?

Malthus‘ ist für die BevölkerungspolitikerInnen heute wieder aktuell. In den 50er Jahren zählte die Menschheit 2.6 Mrd. Individuen, in den 90er Jahren 5.5.Mrd. und für 2050 werden 10 Mrd. von den Vereinten Nationen vorausgesagt.
Seine Prognosen haben sich allerdings nicht bestätigt. Obwohl die Steigerungsrate der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten erheblich war, zog die Nahrungsmittelproduktion ohne Probleme mit. Mehr noch: die Steigerungsraten der Landwirtschaft überstiegen sogar den Bevölkerungszuwachs. Über die Ernährungslage der Bevölkerung ist mit Zahlen jedoch noch nichts ausgesagt. Obwohl sich die Weltbevölkerung seit den 50er Jahren verdoppelt und die Weltgetreideproduktion sich sogar verdreifacht hat, ist der Hunger auf der Erde nicht geringer geworden.

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