Mexiko | Nummer 406 - April 2008

Tlatelolco im Bild

Bildende Kunst und Geschichtspolitik in Mexiko

Künstlerische Verarbeitungen des Massakers von Tlatelolco sind insbesondere bekannt aus der mexikanischen Dramaturgie, dem Film und der Literatur. Doch auch die Bildende Kunst in Mexiko bearbeitet dieses Thema bis hinein in die Gegenwart und setzt sich dabei kritisch mit den offiziellen mexikanischen Erinnerungs- und Geschichtspolitiken auseinander.

Jens Kastner

Ein paar Schafe ließ der in Mexiko lebende Konzeptkünstler Francis Alÿs 1997 mitten auf dem Zócalo, dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt, im Kreis um den Fahnenmast laufen. Die Aktion begann, indem der Künstler selbst ein Schaf um den Mast herum führte. Nach jeder Runde kam ein weiteres hinzu, bis die Runde geschlossen war. Zu sehen ist diese scheinbar sinnlose Aktion in dem Video Cuentos Patrioticos („Patriotische Geschichten“). Aber inwiefern erzählen ein paar kreisende Schafe eine patriotische Geschichte? Dass sich dort Stimmvieh um ein nationales Symbol wie die Nationalflagge dreht, das mag die erste, allgemeine Assoziation sein, die Alÿs´ Arbeit hervorruft. Darüber hinaus gibt es aber noch einen ganz konkreten Bezug, und zwar auf den 28. August 1968. Nach einer großen und beeindruckenden Demonstration der Studierendenbewegung am Tag zuvor, hatte die PRI-Regierung zum großen Gegenmanöver geblasen. BeamtInnen und Regierungsangestellte aller Art mussten sich auf dem Zócalo versammeln, um gegen die Studierenden und für die Regierung zu demonstrieren. Aber das Manöver ging buchstäblich nach hinten los, die FunktionärInnen skandierten „Wir kommen nicht, sie haben uns gebracht!“ und „Wir sind Schafe, wir sind Schafe!“ Schließlich musste die Demo zur Unterstützung der Regierung von der Armee aufgelöst werden.
Diese Geschichte erzählt auch Marcelino Perelló Valls, einer der ehemaligen Anführer der Bewegung, in einem Interview. Zu sehen ist es als Teil einer Gesprächsserie, die die Künstlerin Heidrun Holzfeind mit ehemaligen Beteiligten der Studierendenbewegung knapp vierzig Jahre später geführt hat. Die Videos gehören zu einer Installation aus dem Jahr 2007, die schlicht Mexico 68 heißt. Bei einer Ausstellung in Innsbruck waren die Fernsehmonitore mit den Interviews mit einer Doppelprojektion von 125 Dias kombiniert. Darauf zu sehen waren architektonische Details der Universitätsstadt in Mexiko-Stadt. Ausschnitte einer modernistischen Baukunst des Architekten Mario Pani, der auch das Wohnsiedlungsprojekt Tlatelolco entworfen hatte. Diese rationale Architektur war es letztlich auch, wie der Modernismus-Experte Rubén Gallo betont, die der Studierendenbewegung zur tödlichen Falle wurde.
Neben dem Theater und vor allem der Literatur, stoßen die Studierendenbewegung und ihr tragisches Ende bei dem Massaker vom 2. Oktober 1968 in Tlatelolco auch in der Bildenden Kunst auf Resonanzen. Und das, wie die Beispiele zeigen, bis in die Gegenwart. Dieser Widerhall hat seine Ursprünge nicht nur in einem allgemeinen Interesse an Geschichte. Er geht auch auf gemeinsame Erfahrungen zurück.
Schon zu Zeiten der Studierendenbewegung entstanden verschiedene Kooperationen zwischen KünstlerInnen und politischen AktivistInnen. KünstlerInnen waren nicht nur als Personen, sondern auch mit ihrer Arbeit Teil der Bewegung. Zum einen beteiligten sie sich an den so genannten Brigaden, die als Reaktion auf die regierungstreue Presseberichterstattung nicht nur Flugblätter verteilten, sondern auch Wände auf öffentlichen Plätzen oder Busse bemalten. So gestaltete beispielsweise eine Gruppe von KünstlerInnen über mehrere Wochen die Wellblechverkleidung, die um die Ruinen des Denkmals für den ehemaligen Staatspräsidenten Miguel Alemán (1946-1952) errichtet worden. Dieses ephemere, also zeitlich beschränkte Wandgemälde wurde ausdrücklich in Solidarität mit der Studierendenbewegung geschaffen.

Bis in die Gegenwart stoßen die Studierendenbewegung und ihr tragisches
Ende in der Kunst auf Resonanzen.

Darüber hinaus kam es ähnlich wie in Frankreich auch im Zuge der mexikanischen 68er-Bewegung zu einer enormen Produktion von im Siebdruckverfahren hergestellten Plakaten. Eine graphische Vielfalt entstand dabei, die den berühmten Bewegungspostern des Pariser Atelier Populaire in nichts nachstehen. Noch in den 1970er Jahren wurde an diese Plakatkunst angeknüpft. So gestaltete die Grupo Mira, eines von mehreren Kollektiven, die die mexikanische Kunstszene der 1970er Jahre prägten (siehe LN 400), eine Parodie auf das Olympia-Logo. Die Ausschreibung für die Gestaltung des Schriftzuges der Olympischen Spiele hatte der Grafiker Lance Wyman gewonnen, der mit seiner äußerst modernen Schrift genau das Image transportierte, an dem der mexikanischen Regierung so viel gelegen war: das eines fortschrittlichen Landes. Die Grupo Mira griff den Schriftzug auf, setzte ihn fünf Mal untereinander und platzierte jeweils ein Piktogramm dahinter, das das moderne Selbstbild mit der repressiven Wirklichkeit kontrastierte: ein Soldat mit den Gesichtszügen des Präsidenten Gustavo Díaz Ordaz (1964-1970), der auf einen demonstrierenden Studenten schießt oder etwa die Olympia-Friedenstaube, von einem Messer durchbohrt.
Viele der Arbeiten der Kunstkollektive der 1970er Jahre setzen sich in unterschiedlichen Formen mit dem politischen System und der Repression gegen soziale Bewegungen, Folter und Gefängnis auseinander. Allerdings waren diese Auseinandersetzungen weniger geschichtspolitisch geprägt als vielmehr interventionistisch auf die Gegenwart bezogen: Das Massaker von Tlatelolco stand nicht als einzelnes Ereignis im Mittelpunkt, sondern wurde eher als Beginn einer Reihe von Verbrechen der Regierung betrachtet, die in den Schmutzigen Krieg gegen Intellektuelle, soziale Bewegungen und Guerilla-Gruppen der 1970er Jahre mündete.
Ende der 1980er Jahre schrieb das Comité 68: Pro Libertades Democráticas („Komitee 68: Für demokratische Freiheiten“) einen öffentlichen Wettbewerb für ein Mahnmal aus, das den Ermordeten vom Platz der Drei Kulturen gewidmet sein sollte. Es gewann der Entwurf einer Gruppe von KünstlerInnen, an denen auch Mitglieder von Proceso Pentágono („Fünfeckiger Prozess“) beteiligt waren, eines der wichtigsten damaligen Kunstkollektive. La Grieta („Der Spalt“), ein steinernes Monument, in dessen Riss in der Mitte am 2. Oktober die Sonne hinein strahlen sollte, konnte aus organisatorischen Gründen jedoch nicht verwirklicht werden.
Weniger pompös reagierte die Künstlerin Mariana Botey 2004 auf die halbherzig betriebenen und letztlich gescheiterten Versuche der Regierung Fox (2000 – 2006), die Verantwortlichen des Massakers gerichtlich zu belangen. In einer Kombination von Ready Made und Appropriation Art, also der Aneignung bereits vorhandenen Materials, schuf Botey das Diptychon, ein zweiteiliges Bildwerk, mit dem Titel 2 de octubre de 1968: Responsables („2. Oktober 1968: Verantwortliche“). Im Hintergrund sind zwei graue Fotos zu sehen, die die Machtübergabe 1970 von Präsident Díaz Ordaz an Luis Echeverría, vormals Innenminister und als solcher ebenfalls für das Massaker verantwortlich, und das damalige Kabinett zeigen. Darüber ist das Organigramm von Díaz Ortaz´ Regierungsmannschaft, also eine Art Stammbaum der damals amtierenden Mächtigen, montiert.
Bis Ende September 2007 fand in Mexiko-Stadt eine große Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst in Mexiko nach 1968 statt. Sie trug den Titel La era de la discrepancia („Die Ära der Diskrepanz“). Dieser Ausstellungstitel geht auf einen Ausspruch von Javier Barros Sierra zurück, 1968 Rektor der UNAM und selbst Teil des gemäßigten Flügels der Bewegung: „Sie attackieren die Universität“, hatte er damals gesagt, „weil wir nicht einverstanden sind“. Die Diskrepanz aber sei das Beste, mit dem die Universität einer Gesellschaft dienen könne. Für die Bildende Kunst ließe sich Ähnliches behaupten.

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