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Tomás in der Erinnerung

Tomás Borge ist tot, eben berichten es die Nachrichtenagenturen. Das Schweigen nach der Meldung, dass er schwer erkrankt im Militärhospital von Managua lag, war beredte Ankündigung.
Das letzte Mal hatte ich Tomás beim Poesiefestival in Granada im Februar 2010 gesehen. Dort trafen wir uns auf der Straße und begrüßten uns. Nie ist es mir in den Sinn gekommen, ihn zu brüskieren, auch wenn die Trennung zwischen „Danielistas oder nicht“ uns in unterschiedliche Lager versetzt hatte. Doch vielleicht dachte ich nie, dass er sich in Wahrheit wirklich geändert hatte. Er war derselbe wie immer: derselbe Tomás, der irgendwie überlebte; derselbe Tomás, doch auch ein anderer, wie wir alle, die wir durch dieselben schweren Zeiten gegangen sind.
Uns alle hat es auf unterschiedliche Weise verändert. Jede(r) von uns hält auf „seine“ oder „ihre“ Weise an der Wahrheit oder der richtigen Ansicht fest. Wen die Geschichte freisprechen wird und wen nicht, wird sich erst noch zeigen müssen. Er hat nicht so lange gelebt, dass er es sehen konnte. Auch ich selbst werde es möglicherweise nicht mehr sehen. Was mir von Tomás bleibt, ist eine Erinnerung der Zuneigung. Nie konnte ich für ihn Verachtung oder Hass empfinden, noch mir das Recht nehmen, ihn zu schelten, denn im Grunde meines Herzens verstand ich sein Bedürfnis, nicht allein zu bleiben, der zu bleiben, der er in der FSLN war, auch wenn dies bedeutete, eine Figur zu werden, für die die Geschichte eine unbefriedigende Gegenwart mit den Verdiensten der Vergangenheit ausgleichen musste. Ich bin sicher, Tomás liebte die Idee der Revolution genauso wie jede(r) von uns, wir, die dafür lebten, sie zu machen und siegen zu sehen. Wer von uns kann schon sagen, dass er oder sie als Mensch das Ideal leben oder gar sein konnte, das er oder sie sich erträumt hatte?
Weil er ein politischer Führer und im Blickfeld der Öffentlichkeit war, wurden die Schwächen von Tomás vielleicht offensichtlicher; doch auch seine wundervollen Gesten wurden es. Er liebte es, sich mit Kunst und Poesie zu umgeben; er liebte die Dichter und Schriftsteller. Cortázar, Galeano, Gelman waren seine Helden. Und in seinem Haus hatte er Benedetti zu Gast und sogar Vargas Llosa, Graham Greene und Nélida Piñón. Tomás Borge wollte selbst Dichter, Schriftsteller sein. Da macht es nichts, dass er bei der Neuausgabe seiner Autobiografie „Mit rastloser Geduld“ die Geschichten seiner Freunde änderte, um ihnen abzusprechen, was er ihnen in seiner ruhmvollen Zeit zugestanden hatte. So war er eben: widersprüchlich. Weder ein gutes noch ein schlechtes Beispiel; ein Mann mit Leidenschaften und Schicksalsschlägen. Und so lebte er auch. Wie mein Freund Róger Pérez de la Rocha sagen würde, nutzlos, ihn „ins Reine schreiben“ zu wollen. Tomás war ein Mikrokosmos des nicaraguanischen Wesens, der Vergangenheit und der Gegenwart und des bisschen an Zukunft, das wir erreicht haben.
An einem 13. August geboren wie Fidel Castro, hatte Tomás das Sternzeichen Löwe. „Der Löwe geht nicht, er schreitet“, hieß es in einer Charakterisierung, die ich ihm einmal vorlas und dabei lachen musste, weil es ihn so gut beschrieb. Denn niemals vermochte er unauffällig zu sein; er fiel auf, koste es, was es wolle, und er mochte es, gesehen und erkannt zu werden und zu zeigen und klar zu machen, dass er ein besonderer Mann war, anders als die anderen. Sicher wird er irgendwann einmal geträumt haben, so ähnlich wie der Che zu sein. Sein Satz: „Unerbittlich im Kampf und großzügig im Sieg“, den er bei einem der ersten öffentlichen Auftritte der Nationalen Leitung der FSLN wenige Tage nach dem Sieg über die Diktatur sagte, klingt in der kollektiven Erinnerung wie der Satz von jemandem von der Größe des Che. Viele seiner treffenden Sätze begleiten uns und werden uns weiter begleiten, denn er besaß Inspiration und Leidenschaft. Wenn er auf dem Platz der Revolution sprach, begeisterte er die Menschen. Tomás war der große, mundtot gemachte Redner der Revolution; man verweigerte ihm die Rednertribüne, weil er sich von dort aus beliebt machen konnte und das war gefährlich für diejenigen, die Autorität wollten, doch nicht die einnehmende Persönlichkeit besaßen, um sie sich selbst zu schaffen. Und so kam es, dass Tomás mit der Zeit und dem schwierigen Ministerium, das er übernahm, als Figur immer mehr in den Hintergrund trat. Es war die Grausamkeit der Geschichte und seiner Genossen, ihm die Rolle des Unterdrückers zuzuweisen, während er doch als Wohltäter hätte glänzen können, als leidenschaftlicher Anführer herrlicher Ideen. Doch hörte er nie auf zu versuchen derjenige zu sein, der er gerne gewesen wäre. Er entwischte, so gut er konnte, durch das engmaschige Netz, das man ihm als Bremse umgelegt hatte, und zu seinen Freund_innen war er liebenswert und großzügig und auch verrückt, denn er hatte seine lustige Seite, besaß etwas von einem Kobold, von einem Lausejungen aus dem Stadtviertel; von einem, der sich leicht verliebt.
Am heutigen Tag, an dem sein Tod gemeldet wird, möchte ich sagen, wie sehr ich ihn geliebt habe, auch wenn ich sehr bedauerte, was mir damals wie eine Aufgabe seines ritterlichen Charakters erschien, seines natürlichen Widerspruchsgeistes. Doch steht es mir nicht zu, noch interessiert es mich, über ihn zu richten. Ich war seine Freundin und heute beweine ich seinen Tod als einer der vielen, vielen Menschen, die ihn geliebt haben.

Infokasten:

Tomás Borge
war Mitbegründer der FSLN (Sandinistische Befreiungsfront) und galt als eine der bedeutendsten historischen Persönlichkeiten der ehemaligen Guerrilla. Nach dem Sieg der Sandinist_innen 1979 übernahm er das Innenministerium. Zuletzt war er Botschafter Nicaraguas in Peru.

Gioconda Belli
Die nicaraguanische Schriftstellerin gehörte lange der FSLN an und beteiligte sich aktiv am Befreiungskampf gegen die Somoza-Diktatur und an der Sandinistischen Revolution. Inzwischen ist sie eine der schärfsten Kritikerinnen des autokratischen Führungsstils von Präsident Daniel Ortega. Ihr neuer Roman Die Republik der Frauen ist kürzlich bei Droemer-Knaur erschienen.

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