Musik | Nummer 277/278 - Juli/August 1997

Trinker, Rinder und falsche Blondinen

Subjektive Betrachtungen aus der brasilianischen Provinz

Funk mag in Rio der Renner sein, am Amazonas hören die Menschen etwas anderes. Aber wer weiß das in Deutschland schon. Und wenn der Besuch kommt und auch noch Wochenende ist, dann lernen sie ihn kennen, die Stars.

Thomas W. Fatheuer

Wochenende in Be­lém, der Millionen­stadt an der Amazo­nasmündung. Nach erledigtem Einkauf könnte ein feijoada lok­ken besonders aber ei­ne cerveja estupidamente gelada, ein aber­witzig kal­tes Bier, vorzugs­wei­se von der re­gionalen Marke CERPA (Cerveja do Pará). Also ab in die Knei­pe, die sich in Be­lém, wo die Strände fehlen und der Fluß zu­gebaut ist, vorzugs­weise und bequem am Straßen­rand findet. Alko­hol­kon­trol­len sind glücklicherweise nur aus dem Fern­sehen be­kannt, dem be­lieb­testen Tages­vergnügen in ei­ner brasilianischen Provinzme­tropole am Woch­enende. – Fres­sen und Saufen – steht somit nichts im Wege.
Aber da nerven schon wieder die Be­su­cherInnen aus Deutsch­land. Sie möch­ten in eine ru­hi­ge Kneipe, wo man sich vielleicht unter­hal­ten könnte. Selt­sam, daß sogar Men­schen, die schon im­mer alles wissen, sich in Ruhe unter­halten möch­ten. Nun gut, man ist ja besu­cher­freund­lich und gibt sein Bestes. Aber eine ru­hi­ge Kneipe? Versu­chen wir’s also mit dem Klassiker, der Bar do Careca. Nur der übliche Straßen­lärm und der Geruch der Abwässer könnten dort norma­lerweise das Wohl­befinden der gringos stören, die aber schon aufgrund ih­res weitverbreite­ten Gei­zes solche Belä­sti­gun­gen in Kauf neh­men, da der Amazo­nas­fisch hier gut und preiswert ist. Das cer­veja estupida­mente ge­la­da (leider nur Antar­tica) ist schnell ser­viert und der Fisch be­stellt. Aber da bahnt sich schon die Kata­stro­phe an, die so vor­her­seh­bar ist wie der näch­ste Regenschau­er. Ein Auto baut sich vor der Kneipe auf, die Heck­klappe wird ge­öf­fnet und bleibt of­fen. Die Besche­rung ist of­fen­sichtlich: Das gan­ze Auto ist mit Laut­sprechern vollge­baut, und die Be­schallung läßt nicht lange auf sich warten. Es bedarf kei­ner Stiftung Waren­test, um gleich zu erken­nen, daß der Käu­fer zwar mit Po­wer­wattzahlen, aber nicht mit Qualität be­dient wurde. Aber wahr­scheinlich ist’s schon recht so. Haupt­sache es dröhnt gut.
Den gringos steigt die Entset­zensbleiche ins Ge­sicht, mit der Ruhe ist’s nun vorbei und wieder bestätigt sich der alte Spruch: Von Brasi­lien lernen heißt, die Stille besie­gen lernen. Und das Schick­sal ist gnaden­los, die wum­mernden Laut­sprecher ge­ben nicht das von sich, was interna­tional als bra­silianische Musik (MPB) so ge­schätzt wird, son­dern das, was vielen in Belém am Besten gefällt. Und späte­stens wenn Ro­ber­to Villar sou pa­pudinho singt, wissen wir, daß die Auto­be­sitzer gute pa­raenses sind.

Von Schluckspechten und Sirenen

Wenn des Portugie­si­schen kun­dige Le­ser­Innen nun nicht wis­sen, was ein pa­pudinho ist, geht es ihnen nicht besser als den Menschen aus Sâo Paulo oder Rio. Das Wort ist nur im Nor­den und Nordosten ge­bräuchlich und be­zeich­net einen har­ten Trin­ker. “Ich bin ein Schluckspecht und nie­man­den Rechen­schaft schul­dig” mag zwar jeder Anti-Al­ko­ho­lismus-Kampagne Schau­er be­reiten, wur­de aber Profes­sio­nal Pa­pudinho eindeu­tig die Hymne der Sai­son – im Norden und Nord­osten Brasiliens wohl­ge­merkt – und der Durchbruch für Ro­ber­to Villar. Auch der ist wohl hierzu­lande kaum be­kannt, in Be­lém (und nicht nur dort) ist er ab­solut un­ver­meidlich und ver­kauft heute wohl ent­schieden mehr als alle Gil­berto Gils oder Cae­tano Velosos. Hier je­denfalls heißt der Star der Saison Ro­berto Vil­lar und die an­gesagte Musik ist bre­ga. Über die Her­kunft des Wortes strei­ten sich be­reits die SprachforscherIn­nen, aber im all­ge­mei­nen bedeutet es etwas wie “schlechter Ge­schmack”. Klei­der, Woh­nungs­einrichtun­gen oder Menschen kön­nen brega sein, in Ber­lin würde einem da eine Neuköllner Eck­kneipe ein­fallen. Und dort würde die Mu­sik von Roberto Vil­lar trotz aus­län­di­scher Texte kaum un­an­ge­nehm auffallen. Brega ist eine tenden­ziell sentimentale Schwof­musik, etwas für verliebte Gold­sucher (der Titel eines großen brega-hits), Last­wagenfahrer und Vor­stradtromantik. Als Tanz ist brega aber nun kein einfa­cher Schieber son­dern eine komplexe Paaran­ge­legenheit. Zu den an­geblichen Vorzügen von brega gehört eben, daß er getanzt und gehört werden kann. Brega ist nichts Neues. Altmeister Re­ginal­do Rossi versetzt seit zwan­zig Jahren Frauen jeden Alters in Verzückung, aber aus Grün­den die noch kei­ne Musikso­ziologe er­forscht hat, feierte brega 1996 mit dem Er­folg von Roberto Villar eine ungeahntes Come­back.

Tanzt das Rind!

Dankenswerterweise hat auch jede brega-CD ein Ende, und wenn das Schicksal ein­mal gün­stiger ge­son­nen ist, könnte nun nach Roberto Villar der andere Hit der Sai­son kommen: boi. Wörtlich nichts an­deres als Rind, han­delt es sich hier aber um einen Tanz, der in verschieden­sten Versio­nen in unter­schied­lichen Regionen Brasiliens ge­pflegt wird. 1996 wurde nun zum Jahr des amazo­nen­sischen boi. Der Durchbruch war jah­re­lang vor­be­reitet durch den systemati­schen Aufbau des boi-Fe­stivals in Parantins am Amazonasfluß. Ge­spon­sert durch Coca Cola wur­de das regio­nale Fest zu ei­nem nationalen me­ga­evento. In­teressantes De­tail: Parantins ist der ein­zige Ort der Welt, in dem es auch Coca mit blauen Eti­kett auf der Fla­sche gibt. Denn den beiden rivalisie­renden boi-Grup­pen sind Farben zugeord­net: es tritt rot gegen blau an und Co­ca mußte sein Neutra­lität bewei­sen. Aber der wirk­liche Durch­bruch kam erst als carapicho, eine Tanz­ka­pelle aus Manaus, die gar keine echte boi Truppe ist, von ei­nem französi­schen Filmre­gis­seur “entdeckt” und nach Frank­reich ge­hievt wurde. Als ihr Hit TIC TIC TAC in die franzö­sischen Hitpa­ra­den geriet, gab es auch in Brasilien kein Halten mehr. Zum großen Stolz der leid­ge­plagten Amazonas­be­woh­ner­In­nen brach­te die Saison 1996/7 zwei nationale boi-Hits in die Charts und eine ungewöhnli­che Aner­ken­nung für eine re­gio­nale Mu­sik.
Boi vermischt ver­schiedene Musikstile und gilt als ca­boclo-Musik, also als Musik der mit Weißen und Schwar­zen ver­misch­ten Nachkommen ent­wur­zel­ter Urein­wohner. Der neue boi ist deutlich schneller ge­wor­den, hat Pop Ele­mente inte­griert und beu­tet gleich­zeitig In­dio­ro­man­tik in sze­ni­schen Dar­stel­lungen aus, die sich beson­ders gut dazu eignen, leichtest­be­klei­de­te Frauen (“Krieger­in­nen”) auf der Bühne tanzen zu lassen.
Der zweite große boi-Hit der Saison heißt vermelho (rot) und ist eine Hymne auf die Roten von Pa­rantins, gesungen von der Gruppe Capri­cho­so. Aber auch Lieder ha­ben ihre Ge­schich­te. Im Wahljahr 1996 wur­de das völlig un­po­litisch gemeinte ver­melho zum Hit der in Belém sieg­reichen lin­ken Ar­beiterpartei (PT). Der Kandidat der Rechten versuchte er­folg­los das Abspie­len des Liedes während der Wahl­kampfzeit ver­bie­ten zu las­sen. Aber eine Adaption nicht ohne Ironie: In einer Zeile des Liedes heißt es “auch der alte Kommunist er­gibt sich (den Roten von Parantins)”. So wurde ein Lied, das eigent­lich eher den Triumph der Ver­gnügungskultur über die alten Ideo­logien besingt, zur Hym­ne der doch noch nicht ganz toten Linken.
Gut, der boi mag verpopt sein, aber wo geht’s schon rein in der Welt zu, es ist immer noch mit­reißende Tanz­musik, die auf Dauer allenfalls unter einer ge­wissen Mo­notonie leidet. Und spätestens als Altstar und Bu­sen­wun­der Fa­fá de Belém zu­sam­men mit Caprichoso­sänger Ar­lindo Junior ver­melho auf­nahm, war boi in die Kate­gorie der ge­hobenen Pop­musik mit na­tio­naler Verbreitung auf­gestiegen.

Flaschen, Hintern und falsche Blondinen

Nun reicht’s aber mit der Re­gio­nal­mu­sik. Irgendwann kommt ga­rantiert die dritte Komponente ei­nes po­pulären Mi­xes. “É a danca da bun­dinha” – “Das ist der Hinterntanz”, dröhnte es nun aus den Laut­sprechern, was al­ler­dings ohne die ent­sprechende Auf­füh­rung äußerst reizlos bleibt. Es hat die Stunde von É o Tchan geschla­gen, der wohl meist­ge­spiel­testen Gruppe der Sai­son. Die Musik wird als Bahia-pagode be­zeichnet und stellt wohl eine ex­treme Ver­falls­form des Sam­bas da. 1995 be­gann der Aufstieg ei­niger pa­gode-Gruppen aus Bahia. Pa­gode ist ein mit einer kleineren (als die Sambaschu­len) Besetzung ge­spiel­ter melodiöser Sam­ba. Die Bahia-Gruppen schaff­ten ih­ren Auf­stieg, indem sie diese tendenziell im­mer schon seichte Musik zu Kar­ne­vals­schlagern zum Mit­grölen mu­tierten. Aber nicht al­lein das erklärt den Aufstieg von É o Tchan, Gerasamba oder Com­pa­nia do Pa­gode. Zum Mix ge­hö­ren be­wußt anzügli­che Texte und die Choreo­grafie der Tänzer­in­nen. Carla Perez, Tän­zerin von É o Tchan, ist die unum­strittene Pop­müll-Mu­se des Jahres 1996 ge­worden, und auch 1997 ist noch kein Ende ih­rer Popula­rität ab­zu­sehen. Meistens wird sie nur noch als a loira, die Blonde, be­zeichnet. Mit ihr tanz­te fast die ge­samte bra­silianische Jugend den Fla­schentanz: “Reib’ Dich auf dem Fla­schenhals”, und jetzt ist halt der Hintern dran.
Kul­turkritische Gei­ster sind ent­setzt, wohl weniger weil Car­las Haare nur ge­färbt sind, son­dern weil aus­gerechnet Bahia, das angebliche Zen­trum des Schwar­zen Bra­siliens eine fal­sche Blondine zum Pop-Idol ge­macht hat. Hinter Car­la jau­len die Sän­ger die dumm anzüg­li­chen Texte mit einem un­ver­meid­lichen Grin­sen, das Fröh­lich­keit ver­breiten soll. Nun das ist bei un­seren Autotätern glück­li­cher­weise nicht zu sehen. Doch Vor­sicht: Nach zehn Mi­nuten Zwangs­hören von Ba­hia-pagode kann je­der Glaube an die bra­si­li­a­nische Musik ei­nen schweren Knax er­leiden. Aber was soll’s, hier sollen ja nicht kulturkriti­sche Gei­ster be­dient, son­dern den gewöhn­li­chen Ver­gnü­gun­gen ei­nes Wochenendes ge­frönt wer­den. Wäh­rend aus unserem ru­higen Mittag­essen nun nichts geworden ist, hat sich aber um den Zwangsbeschaller in­zwi­schen eine tanz­freudige Menge ge­bil­det, der es so gefällt. Die In­ve­stition in Watt­zahlen hat sich so­mit als guter Köder be­währt.
Nun ist allerdings der Bahia-Stoff nicht nur miesepet­rigen Deut­schen ein Greuel, die Klas­siker des bra­silianischen Sambas und das Feuilleton ha­ben mit vereintem Ent­setzen reagiert. Und so bewahrheitet sich die Um­kehrung ei­ner alten Weisheit: Wo viel Schatten ist kommt bald auch Licht. Sambaalt­mei­ster wie Zeca Pago­dinho und Martinho da Vila fühlten sich provo­ziert und haben neue Platten auf­gelegt und ver­kau­fen nun im Windfall des pagode-Schrotts ihre doch deut­lich bessere Mu­sik wie noch nie. Die ei­gentliche Sensation der letz­ten Monate war aber die neue Pro­duktion von Paulo da Viola: Be­badosam­ba ist die richtige Me­di­zin nach musika­lischen Zwangs­be­rie­se­lungen. Funktio­niert also doch das theologi­sche Motto “Durch Übel zum Gu­ten”? Wie dem auch sei, un­sere kurze Rund­schau läßt sich da­mit we­nigstens mit einem eindeutigen Plattentip beenden, der aller­dings nicht unbedingt das ist, was in einer Provinz­me­tro­po­le an Wochenenden so läuft.

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